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Caretta Caretta: Mini-Schildkröte mit Löwenherz

Sie war eine von 107, und sie ist die Einzige, die mit sehr viel Kampfgeist überlebte: Ein kleines Wunder in einem Schildkröten-Drama, bei dem ausnahmsweise nur Mutter Natur Regie führte.



Die wahre Geschichte einer kleine Riesenschildkröte: Aus diesem leider überfluteten Nest entkam nur eine einzige Schildkröte ins rettende Meer
Picture by T. Micke

Lebendig begraben unter einer 80 Zentimeter dicken Sanddecke. Keine Luft. Totale Finsternis. Bloß hinaus, nach oben, sagt der Instinkt. Nur der Sand, der viele Sand, der ist so schwer. Sollte da nicht Hilfe von irgendwo kommen? 428 andere kleine Paddelfüße, die sich gleichzeitig durch den Sand nach oben graben, schieben, stemmen und die Sache sehr viel leichter machen?

Keine anderen Paddelfüße. Keiner, der hilft. Totenstille rundherum. Immer noch Dunkelheit und keine Luft. Aufgeben? Nein, sagen der Instinkt und das winzige Löwenherz, das erst seit ein paar Tagen pocht: Aufgegeben wird nicht. Niemals!

Ein endloser, ermüdender Kampf. Hinauf und hinaus aus dem tiefen Sand. Lange nach Sonnenuntergang, erst irgendwann in den frühen Morgenstunden ist es geschafft. Endlich Luft, endlich Mondlicht, das den richtigen Weg durch die Brandung hinaus aufs Meer weist.

Als am Morgen die Sonne aufgeht, zeugt nur die winzige, einsame Krabbelspur von dem nächtlichen Reality-Thriller. Touristen beim Frühstücks-Jogging melden den Einzel-Ausreißer aus dem markierten und abgezäunten Nest an das örtliche Schildkröten-Hilfswerk "Widecast", das dieser Tage alle Hände voll zu tun hat. Auf der niederländischen Karibik-Insel Aruba ist für sie gerade Hebammen-Hochsaison: Echte Karettschildkröten, grüne Riesenschildkröten und die größten von allen, die Lederschildkröten haben überall an den von Hotels gesäumten Stränden Nester angelegt. Die daumenlangen Babys schlüpfen am laufenden Band und müssen oft von Hand in die richtige Richtung geleitet werden, damit sie nicht auf die grellen Hotel- und Pkw-Lichter zuwatscheln, sondern dem Mondlicht nach ins Meer.

Einen letzten Tag noch geben die zwanzig Tierschützer, geleitet vom 67-jährigen Shrimp-Farmer Tom Barmes, den etwa 100 kleinen Lederschildkröten, die aus ihrem Nest eigentlich schon vor Tagen hätten schlüpfen sollen. Am Abend wird das Nest vorsichtig aufgegraben. Tom Barmes, der seit zwölf Jahren jährlich Tausenden Schildkrötenbabys auf die Sprünge hilft, ahnt, was passiert ist: "Schildkrötenmutter Clara, die das Nest vor 67 Tagen hier angelegt hat, hat es wohl doch zu weit ans Meer gesetzt. Die Brandung war eines Nachts sehr stark. Alle Eier, bis auf dieses eine sind wohl durch das Salzwasser kaputt gegangen."

Trauerstimmung am Eagle Beach, dem Traumstrand der Sonneninsel Aruba. Ein Dutzend Touristen sieht mit an, wie ein junger Tierschützer 106 tote Schildkröteneier aus dem Loch im Sand holt und sie in Reihen zum Zählen auflegt. Kein schöner Anblick. Ein kleines Mädchen weint.

107 Eier hat Clara in das Nest gelegt, und nur eines ihrer Babys hat es geschafft, hat überlebt und paddelt jetzt irgendwo dort draußen auf Nahrungssuche durch die Algen. Tom Barmes ist trotz der Ernüchterung beeindruckt: "Normalerweise schaufeln sich die Kleinen gemeinsam durch den Sand ins Freie. Das ist schon schwer genug. Aber, dass das eine Einzige allein schafft, ist sehr erstaunlich. Die hat Bärenkräfte aus ihrem Überlebenstrieb geschöpft."

Ihre Mama Clara ist inzwischen auf dem Rückweg. Bis vor die 9000 Kilometer entfernte Küste Islands kann sie die mehrmonatige Reise durch den Atlantik mit den Meeresströmungen führen. In diesen Breiten findet sie ausreichend Quallen, die Lieblingsspeise der bis zu 900 Kilo schweren und maximal 2,7 Meter langen Lederschildkröten, die in fast allen Weltmeeren zuhause sind.

Clara wird erst übernächstes Jahr wieder in die Karibik zurückkehren. So lange dauert die Reise, und so lange braucht sie, bis sie sich von den Strapazen erholt hat. Sie wird mit ihrem bis heute rätselhaften präzisen Navigationssystem wieder die Insel Aruba ansteuern, wo sie selbst auf die Welt gekommen ist, und mit etwas Glück sogar denselben Strand.

Glück wird sie leider auch brauchen, um bis dahin zu überleben. Denn neben natürlichen Gefahren und den vielen Bedrohungen für die Nester setzt vor allem der Mensch allen großen Meeresschildkröten extrem zu. Bis heute verfangen sich erwachsene Tiere in den Netzen der Hochseefischer und ertrinken. Andere verschlucken Plastikmüll und ersticken qualvoll. Lederschildkröte, Karettschildkröte und grüne Riesenschildkröte sind trotz Anstrengungen vieler Hilfsorganisationen vom Aussterben bedroht.


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© Eine Reportage von T. Micke (10-08-03) – Kontakt