Welt-Bildung

Mars im Visier, Teil 2 – Europa erforscht den roten Planeten

NACHLESE INDEX
- Servus-Magazin

- Abenteuer/Reise
- Allgemeinwissen
- Astronomie/Weltall
- Forschung/Hitech
- Fun Stuff/Verrücktes
- Gesund/Umwelt
- Historisches/Antike
- Hobby/Kochen
- Pflanzen/Tiere
- Politik/Wirtschaft
- Sport/Extremsport
- Testautos/Autotests

- Fotos/Bild-Archiv

Translation

Traduction


- Weltbildung-Weblog
- Coole Surftipps
- Über Welt-Bildung
- FAQs/Leserbriefe
- Home/Startseite


ESOC in Darmstadt: Countdown im Nervenzentrum

Mars Express ist auf Kollisionskurs mit dem roten Planeten! Kommenden Freitag geht es bei Europas erster Mars-Mission ums Ganze: Ein Besuch im ESA-Nervenzentrum.



Die Sonde Beagle 2 mit weißglühendem Schutzschild beim Eintritt in die Mars-Atmosphäre
Picture by ESA

Beagle 2 rührt sich nicht! Vor Stunden schon hätten gezielte Mini-Explosionen die 50 Millionen Euro teure Forschungssonde der Europäischen Weltraumbehörde ESA von ihrem Mutterschiff Mars Express wegkatapultieren sollen. Aber irgendetwas stimmt nicht, und die Zeit wird knapp. Klemmt eine der Sprengfedern? Hat der Zündmechanismus die starken Temperaturschwankungen auf der sechsmonatigen Reise von der Erde nicht überstanden?

Ein Dutzend Weltraumtechniker steht vor einem Rätsel: Krisensitzung im ESOC-Kontrollzentrum Darmstadt. Während sich draußen vor den Toren von Mission Control die Menschen an den Punschständen des Weihnachtsmarktes tummeln, rast Mars Express mit mehr als 10.000 km/h auf Kollisionskurs mit dem roten Planeten weiter.

Flugdirektor Mark McKay, verantwortlich für die Mars Express Mission der ESA
Picture by T. Micke

Statt eines Kamerabildes von Mars Express rollen endlose Zahlenreihen über die Bildschirme der Techniker und geben mit etwa 20 Minuten Verzögerung Auskunft über den Zustand von Satellit und Sonde: Tausende Parameter, die für die Ingenieure mindestens so aufschlussreich sind, wie Kamera-Bilder.

Flugdirektor Mike McKay treibt seine Leute an. Denn in ein paar Stunden wird es zu spät sein für Beagle 2. Selbst, wenn das Ausklinken dann doch noch funktionierten sollte, würde der 66 Kilo schwere High-Tech-Roboter in der Mars-Atmosphäre verglühen oder unkontrolliert ins All schießen, weil der Eintrittswinkel dann nicht mehr stimmt.

In einem anderen Raum ist ein Team von Mathematikern bereits dabei, das endgültige Scheitern von Beagle 2 in die komplizierten Steuer-Algorithmen einzukalkulieren. Denn wenn wirklich nichts mehr geht, muss Mars Express irgendwie mitsamt dem ungewollten Beagle-Rucksack in die Umlaufbahn des Planeten gebracht werden, damit wenigstens dieser Teil der Mission, die Suche nach unterirdischen Wasserdepots mittels Radar, nicht auch noch scheitert: Flugbahnen werden neu berechnet, ebenso wie die genaue Brenndauer der Korrektur-Triebwerke. Und all diese Daten müssen Mars Express rechtzeitig per Funk erreichen, damit der 1000 Kilo schwere Alu-Satellit nicht wie ein 300-Millionen-Euro-Kamikaze auf dem Planeten zerschellt...

Mission Control Center der ESA für Mars Express in Darmstadt
Picture by ESA

Dem Himmel sei dank: Das Katastrophenszenario ist nur eine Generalprobe für den wohl heikelsten Teil der europäischen Marsmission, die am 25. Dezember mit der Landung von Beagle 2 ihren Höhepunkt erreichen soll. Ein Satellit, der eine antriebslose Sonde auf Kurs bringt und noch während seiner Reise auskoppelt: Nie zuvor in der Raumfahrtgeschichte wurde ein solches Manöver geflogen. Deshalb geht das MEX-Team seit Wochen dieses und andere Probleme immer wieder durch, damit am 19. Dezember um 9.41 Uhr im Moment der Wahrheit für die Ausklink-Prozedur jedes erdenkliche Szenario nur noch Routine ist.

Mars Express Weihnachtskalender für ESA-Mitarbeiter
Picture by T. Micke

Obwohl der Mars-Orbiter nur einer von neun Satelliten ist, die derzeit von den Profis in Darmstadt gesteuert werden, sind die damit verbundenen Emotionen doch stärker als sonst: Festtagsgrußkarten beinhalten kleine Marswitze und -Gedichte und im Kontrollraum hängt sogar ein spezieller Mars-Express-Adventkalender.

ESOC-Chef Jean-Francois Kaufeler würde Weihnachten normalerweise in Österreich feiern, weil seine Frau Wienerin ist, nur: "Diesmal wirds leider nichts mit dem Christkindlmarkt. ,Mars Express ist endgültig in seiner heißen Phase. Und wenn alles gut geht, wird das heuer unser schönstes Festtagsgeschenk."


< Lesen Sie in Teil III dieser Serie: Ein "Skianzug" aus Österreich Was unsere Forscher zur Mars-Mission beitragen.

© Eine Reportage von T. Micke (14-12-03) – Kontakt