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Marsmenschen in der Wüste Utahs

Zwei Wochen lang lebte ein Österreicher in der Wüste von Utah wie auf dem Mars: Luftschleuse, Weltraumanzug, Astronautenfutter. Ein Zeitsprung 30 Jahre in die Zukunft, um die Grenzen eines Projektes zu testen, das trotz der "Columbia"-Katastrophe stattfinden wird.



Das Mars-Habitat des Astronauten-Simulationsteams in der Wüste von Utah
Picture by T. Micke

Gernot Grömer duscht mit Trockenshampoo: kräftig einstauben, abwedeln, fertig. Katzenwäsche nach Vorschrift. Wasser ist im Mars-Habitat, einem vollklimatisierten zweistöckigen Blechiglu mit nur sechs Meter Durchmesser, Mangelware. Alle drei Tage ist den sechs Test-Astronauten (vier Männer, zwei Frauen) eine echte Dusche mit Wasser vergönnt und dann so kurz, dass man sie nicht genießen kann, sagt der 27-jährige Astrophysik-Student, der in Innsbruck an seiner Diplomarbeit über "Schwarze Materie im Universum" schreibt.

Zusammen mit seinen Crew-Kameraden aus den USA, Israel und Kanada bekam er die einmalige Chance, in einem entlegenen Wüstenwinkel des US-Bundesstaats Utah an einem von "Mars Society" und NASA finanzierten Pioniersprojekt teilzunehmen, das in einer Serie von simulierten Marsmissionen die Lebens- und Arbeitsbedingungen auf dem Roten Planeten durchtestet.

Auch wenn die Sache für Laien phasenweise sehr wie Dreharbeiten zu einer neuen Weltraumserie aussah – vor allem wenn die Forscher in ihren 20 Kilo schweren, vollklimatisierten Marsanzügen durch die Wüste tapsten, ist doch spätestens seit dem "Routine-Flug" vom 1. Februar wieder klar, wie wichtig es ist, eine solche Mission rechtzeitig in allen Details vorzubereiten, um Pannen und Katastrophen zu vermeiden.

Gefährdet ist dieses sehr langfristige Projekt durch den Rückschlag bei der NASA übrigens nicht, denn die überalteten Spaceshuttles und auch ihre Nachfolger in ein paar Jahren sind nur konstruiert, um die Raumstation ISS in ihrer nahen Umlaufbahn in 400 km Höhe zu erreichen und nicht, um bis zum 380.000 km entfernten Mond, geschweige denn bis zum Mars zu gelangen, der satte 350 Millionen km weit weg ist. Solche Raumschiffe, die dazu nötigen Spezial-Anzüge und alle Geräte müssen sowieso völlig neu konstruiert werden, um möglichst genau den Langstrecken-Bedürfnissen der Mars-Pioniere zu entsprechen.

Astrophysiker Gernot Grömer beim Anprobieren der Marsanzüge
Picture by T. Micke

Gernot Grömer: "Einer der heikelsten Punkte einer so langen Reise ist der Wasserverbrauch." Weil man für einen sicheren Rückflug ein so genanntes "Zeitfenster" erwischen muss, weiß man schon heute, dass die ersten Marsbesucher, abgesehen von der mehrmonatigen Reise, Wasser für zwei Wochen Aufenthalt mit sich führen müssen. Denn wird das Zeitfenster aus irgendeinem Grund verpasst, dann kommt die nächste Chance zur Heimkehr erst wieder eineinhalb Jahre später...

Grömer: "Wasser ist schwer. Wo immer man da sinnvoll sparen kann, spart man ungeheuer an den Kosten. Bisher ging man davon aus, dass ein sechsköpfiges Team pro Tag ca. 200 Liter Wasser benötigt. Man würde also mehr als 20 Tonnen Wasser mit auf die Marsoberfläche nehmen müssen. Wir haben es geschafft zu zeigen, dass sechs Personen mit ein paar Tricks auch mit 80 Liter täglich auskommen können." Einer dieser Tricks ist ein neu entwickelter Bio-Reaktor, ein mit speziellen Wasserlilien gefüllter Tank, der das Abwasser wieder nutzbar macht und außerdem Sauerstoff zum Atmen produziert.

Grömer: "Die Regeln für diese Mars-Simulation waren sehr streng, um möglichst reale Bedingungen zu schaffen. Der Mars hat ja im Gegensatz zum Mond eine Gas-Atmosphäre und eine ordentliche Anziehungskraft, allerdings nicht so viel wie auf der Erde. Deswegen wurde das Gewicht der bei uns 30 Kilo schweren Anzüge auf 20 reduziert. Und weil die lange Anreise zum Mars durch die Schwerelosigkeit den Körper schwächt, gab's auch kein spezielles Fitness-Training vorher. Wir mussten testen, wie gut man sich in so schweren Anzügen in der ebenfalls wüstenähnlichen, zerklüfteten Canyon-Landschaft bewegen kann. Das ist etwa so mühsam wie wenn ein Taucher in voller Montur mit Neoprenanzug, Luftflaschen und Bleigürtel spazieren geht. Kann man damit klettern? Welche Steigungen schafft man in losem Geröll? Und wenn sich jemand draußen verletzt – ein Beinbruch oder gar ein Wirbelbruch – wie bringt man ihn dann wieder sicher in die Station zurück?" Dabei stellten die "Wüstonauten" zum Beispiel fest, dass es extrem schwierig ist, einen Bewusstlosen durch die kleine Luftschleuse zurück ins Habitat zu bringen, weil sie ihn dazu in der engen Druckkammer senkrecht an die Wand lehnen mussten.

Ebenfalls wie bei einer Mars-Mission funktionierte der Funkkontakt zu "Mission Support", zur Basis "auf der Erde". Weil man auf dem Mars für die Funkverbindung Sichtkontakt mit der Erde braucht, bekam das Team wegen der Planetendrehung täglich nur zwei Stunden Gesprächszeit mit der Projektleitung. Und da ein Funkspruch über 350 Millionen Kilometer zehn Minuten auf Reisen ist, musste immer zwanzig Minuten auf die Antwort gewartet werden. Gernot Grömer: "Das kann kritisch sein. Wenn nämlich etwas schief geht auf dem Mars, wofür das Team technische Unterstützung von daheim benötigt, braucht das seine Zeit. Die erste halbe Stunde muss die Crew also durch Improvisieren schaffen."

Improvisation ist eines der Haupttalente, die von den ersten echten Mars-Menschen verlangt wird. Grömer: "Uns ist schnell klar geworden, dass man für eine solche Mission keine hoch spezialisierten Einzelgänger-Genies braucht, sondern sensible, belastungsfähige ,McGyvers' – teamfähige Allrounder, die mit einer Raketengleichung genauso gut umgehen können wie mit einem Lötkolben. Und Sensibilität ist ebenfalls wichtig, weil man auf allerengstem Raum lebt und unter hohem Leistungsdruck steht. Da muss man in der Lage sein, die Stimmung der anderen auf den ersten Blick einzuschätzen."

Der Mars-Rover wird für die Astronauten-Simulation vorbereitet
Picture by Gernot Grömer

Allerdings ging auf der so genannten Mars-Wüstenforschungsstation MDRS ("Mars Desert Research Station") nicht immer alles todernst zu. Und Spaß ist ja bekanntlich auch gut für die Moral. So hatte der gebürtige Oberösterreicher einen Viertelliter Birnenschnaps vom Bauern daheim und ein Stück Tiroler Speck mit an Bord geschmuggelt, was bei der Crew in der zweiten Woche großen Anklang fand und wovon "Mission Support" bis heute nichts weiß.

Grömer: "All-Missionen sind ja, wie die Amis in Anlehnung an nicht jugendfreie Filme sagen, ,G-rated', was so viel heißt wie: kein Sex, keine Drogen, kein Rock'n'Roll dort oben. Aber Schmuggeln hat in der Weltraumfahrt bereits seit Yuri Gagarin Tradition. Da wurden schon Weinflaschen heimlich mitgenommen oder Fußballwimpel vom Lieblingsklub. Und ein Italiener hat einmal im All einen ganzen Käselaib irgendwo her gezaubert, was gegenüber dem Trocken-, Dosen- und Tubenfutter eine tolle Abwechslung war.

Skurril wurde es auch, wenn die Mannschaft bei ihren Außenprojekten (Sammeln von Proben, simulierte Suche nach Spuren von Leben und Wasser) auf "Marsbewohner" traf, die in der Wüste von Utah mit Geländeautos einen Wochenendausflug machten. Da hatten die "Erdlinge" in ihrer All-Montur Erklärungsbedarf. Und nachher wurden jede Menge Erinnerungsfotos geschossen.


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© Eine Reportage von T. Micke (09-02-03) – Kontakt