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Tiefschlaf: Wie die Maus auf den Mars fliegen...

Forschern ist es gelungen, Mäuse in künstlichen Scheintod zu versetzen und sie auf Kommando wieder aufzuwecken. Wenn dies auch beim Menschen gelingt, wäre der Weg für bemannte Flüge in die Tiefen des Alls frei. Die Astronauten könnten jahrelange Flüge einfach verschlafen.



Entwurf einer ersten Mars-Basisstation der ESA
Picture by ESA

Die kleine Hauptdarstellerin der herzigen Trickfilmserie "Die Maus auf dem Mars" könnte bald Gesellschaft von Artgenossen auf der Erde bekommen, wenn es nach den sensationellen Erkenntnissen des US-Zellbiologen Mark Roth im Krebsforschungszentrum von Seattle geht. Die kleinen Nager sind die ersten Säugetiere überhaupt, bei denen es gelungen ist, den biologischen Schalter zum Herunterfahren aller Körperfunktionen wie bei Kaltblütern künstlich ein- und auszuknipsen. Man könnte sie also auf die sechs bis zehn Monate dauernde Reise zum Roten Planeten schicken, sie vorher energiesparend "einschläfern" und rechtzeitig vor der Landung per Fernsteuerung wieder aufwecken.

Mäuse konnten bei Mark Roths Versuch mit Schwefel-Wasserstoff in künstlichen Winterschlaf versetzt werden
Picture by T. Micke

Mark Roths Test-Mäuse bekamen in ihre Atemluft eine Extradosis Schwefelwasserstoff gemischt, jenes Gas, das bei faulen Eiern und bei manchen Scherzartikeln für den üblen Gestank verantwortlich ist. Nach nur fünf Minuten sank der Sauerstoffbedarf der Tierchen auf die Hälfte. Nach sechs Stunden brauchten sie nur noch ein Zehntel des ursprünglichen Wertes. Gleichzeitig sank die Atmung von - für Mäuse normalen - 120 Zügen pro Minute auf weniger als 10 Züge und die dem Menschen ähnliche Körpertemperatur von 37 Grad ließ sich durch Abkühlen der Schlafkammer auf elf Grad reduzieren. Als Prof. Roth und sein Team den Faule-Eier-Duft entfernten, wachten die Mäuse langsam und unbeschadet wieder auf. Atmung und Körpertemperatur normalisierten sich.

Der von Mutter Natur für reine Warmblüter nicht mehr benötigte, aber offenbar immer noch vorhandene Mechanismus, der bei den Mäusen diesen "Stand-by"-Zustand wie bei einem halb abgeschalteten Fernsehapparat auslöst, müsste beim Menschen, so wie bei allen anderen Säugetieren, eigentlich genauso leicht zu aktivieren sein. Bevor man das allerdings ausprobieren kann, muss noch eine endlose Anzahl von Tests absolviert werden. Und die Wissenschafter wollen noch andere sauerstoffähnliche Substanzen als den in höheren Dosen giftigen Schwefelwasserstoff ausprobieren.

Solcherart benebelt fernreisende Astronauten würden nicht nur sehr wenig altern, weil ihre Zellen und alle Organe auf Sparflamme köcheln, sie bräuchten an Bord auch nur einen Bruchteil der Sauerstoffreserven und Nahrungsmittelvorräte für ihre Odyssee im Weltraum. Ganz zu schweigen von vermiedenen menschlichen Konflikten, die eine so lange Reise auf engstem Raum zum Scheitern bringen können.

US-Zellbiologe Dr. Mark Roth
Picture by Mark Roth

Wenn die US-Forscher erfolgreich sind, würde die Realität beinahe Science-Fiction-Visionen wie im Kino-Streifen "Alien" einholen, wo Sigourney Weaver als Lieutenant Ripley in Ihrem Raumschiff mittels Nickerchen ganze Lichtjahre an garantiert tödlicher Langeweile verschläft.

Und wer sichs leisten kann und glaubt, das Leben auf der Erde sei in 100 Jahren vielleicht lebenswerter oder schöner als heute, der könnte in einer permanent überwachten Hightech-"Bärenhöhle" quasi Zeit kaufen und einen Winterschlaf bis ins Jahr 2105 antreten - vorausgesetzt, man hält den Gestank von faulen Eiern so lange aus.

Mark Roths Entdeckung hat aber noch einen anderen, sehr ernsthaften Hintergrund, der die Medizin revolutionieren könnte: Schwerkranke und Schwerverletzte hätten mit seinem "vorübergehenden Scheintod" viel größere Chancen, ohne bleibende Schäden davonzukommen, wenn akute Blut- oder Sauerstoffarmut vorliegt. Für Transplantationen benötigte Organe wie Niere, Leber oder Herz könnten länger "frisch" gehalten werden, weil die Zellen dann "genügsamer" sind. Und - darauf hatte Prof. Roth mit seiner Forschungsarbeit eigentlich abgezielt - gesunde menschliche Zellen in der Nähe von Krebsgeschwüren, die normalerweise durch ihren Sauerstoffbedarf während der Strahlentherapie anfällig für Schäden sind, würden durch diesen Energiespar-Trick unempfindlicher gegen die Radioaktivität gemacht.


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© Eine Reportage von T. Micke (08-05-05) – Kontakt