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Mars 500 Studie: Mission in russischem "Gefängnis"

520 Tage lang sollen sechs Freiwillige in einem Container in Moskau den bemannten Flug zum Mars simulieren. TV-Shows wie "Big Brother" sind dagegen Urlaub im Paradies. Dennoch haben sich auch Österreicher beworben.



Die Versuchsanlage für Mars500 im Insitut für Biomedizinische Probleme
Picture by IMBP

Eineinhalb Jahre lang auf engstem Raum mit fünf anderen Erwachsenen, die man gerade erst kennengelernt hat; ohne Frischluft, mit schlechtem Essen, Tag und Nacht von Kameras überwacht und so gut wie kein Kontakt zur Außenwelt: Das klingt wie die Extremversion einer TV-Containershow á la "Big Brother", wie sie vor ein paar Jahren in sämtlichen Fernsehsendern lief. Oder wie der Alltag in einer Strafanstalt unter verschärften Umständen.

Tatsächlich handelt es sich aber um die Bedingungen, die die Crew der ersten bemannten Mission zum Mars ertragen muss. Nie zuvor wurden Menschen so lange einem solchen Dauerstress ausgesetzt – zumindest nicht freiwillig. Und bevor man viele Milliarden Euro investiert, um erstmals Menschen in die Weiten des Alls auf einen anderen Planeten zu schicken, will man wissen, ob dies überhaupt menschlich möglich ist. Salopp gesagt: Ob sich die ersten Marsbesucher nicht irgendwo zwischen der 250 Tage dauernden Anreise, dem einmonatigen Aufenthalt und dem 240-tägigen Rückflug die Schädel einschlagen. Die Experten sind sich bis jetzt nicht einmal einig, ob es für den Frieden an Bord klüger ist, eine reine Männercrew zu nehmen oder eine gemischte mit Frauen.

Karge Innenansicht der Mars-Simulationsstation des IMBP in Moskau
Picture by IMBP

Deshalb hat Europas Weltraumbehörde ESA gemeinsam mit dem russischen "Institut für Biomedizinische Probleme" das Projekt "Mars500" gestartet, das einen solchen Marsflug in voller Länge in einem Kosmonauten-Trainingszentrum mitten in Moskau simulieren soll. "Das Echo war gewaltig", erklärt Marc Heppener, der bei der ESA auch für die Forschungsprojekte an Bord der Internationalen Raumstation ISS verantwortlich ist, im Interview: "Wir haben mehr als 5600 Bewerbungen bekommen, die wir in den nächsten Monaten auf ein halbes Dutzend ausfiltern müssen."

"Unter diesen Bewerbern", weiß Astrophysiker Gernot Grömer vom Österreichischen Weltraumforum, der mit Austromars selbst ein mehrwöchiges Simulationsprojekt in der Wüste von Utah leitete, "gibt es viele, die keine Ahnung haben, was sie erwartet. Sogar Ex-Häftlinge, die auf ihre ,langjährige Erfahrung' verweisen, sind dabei. Wer hier ausgewählt wird, dem muss klar sein, dass er – Training und einen 100 Tage dauernden Testlauf mitgerechnet – praktisch drei Jahre lang von der Bildfläche verschwindet. Ich habe kurz selbst darüber nachgedacht, mich zu bewerben, weil es schon etwas Besonderes ist, bei einer solchen Pioniertat mitzuhelfen. Aber es ist immerhin auch ein ordentlicher Teil des eigenen Lebens, den man da investiert."

Graphik: So werden die Bereiche der Mars-500-Versuchsanlage genützt
Picture by IMBP

Insidern zufolge haben sich dennoch ein gutes Dutzend Österreicher für "Mars500" angemeldet. Ob es sich dabei um Single-Studenten handelt, die auf einen extralangen Ferialjob hoffen, oder um ausgebrannte Manager, die eine Chance auf Ausstieg wittern, wird man wohl erst erfahren, wenn sie es bis in die Endrunde schaffen. Denn die Daten werden bei der ESA streng gehütet.

2009 wird sich schließlich für die sechs Teilnehmer die Schleuse zur Außenwelt schließen, und sie müssen 520 Tage lang mit dem auskommen, was sie an Bord genommen haben. Das so genannte Habitat des "IMBP" leistet der russischen Weltraumbehörde schon viele Jahre lang gute Dienste und erinnert eher an die Sperrholz-Standardeinrichtung eines Moskauer Plattenbaus (siehe Foto) aus den 60ern als an ein Raumschiff, "aber", so Kosmonaut Sergei Ryazansky im Interview, "es erfüllt seinen Zweck." Ryazansky hat bereits an einem ähnlichen, kürzeren Training in der Raumschiff-Attrappe teilgenommen und kennt das beklemmende Gefühl, das mit der Zeit aufkommt: "Ich habe jeden Tag damit begonnen, die Tür zu unserem kleinen Bord-Gewächshaus zu öffnen. Der Geruch von Pflanzen und Erde erinnerte mich an daheim. Das machte die Arbeit leichter."

Marc Heppener: "Natürlich ist es immer noch ein Riesenunterschied, ob die ,Marsreisenden' wissen, dass sie bei einem Notfall aussteigen können, oder ob draußen nur der tödliche Weltraum lauert. Aber es wird Ähnlichkeit haben mit einem Videospiel, bei dem der Spieler die Welt um sich herum vergisst..."


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© Eine Reportage von T. Micke (07-11-07) – Kontakt