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Marathonlauf: Sieg über Körper und Geist

Der Marathon ist vorüber, im grünen Prater ist Ruhe eingekehrt, und in Wien herrscht wieder das Auto. Alles beim alten. Nur die Marathon-Debütanten dieses Jahrgangs durchläuft auch nachher jedes Mal ein ehrfürchtiger Schauer, wenn sie die Wege kreuzen, auf denen sie so gekämpft haben.



Marathon in Wien
Picture by T. Micke

Die Wiener Westeinfahrt wird nie wieder nur "Westeinfahrt" sein und der Burgring" nie wieder nur "Ring". – Vom Prater und von der, seit vergangenem Sonntag, längsten Allee der Welt ganz zu schweigen.

Jedem, der diesen Marathon heuer zum ersten Mal gelaufen ist, stellt es die Nackenhaare auf, wenn er durch Zufall wieder einmal am Messegelände vorbeikommt – für viele Stätte des ersten großen Kampfes gegen die unaufhaltsame Erschöpfung.

Voll Stolz, wenn er oder sie diese Hürde mit eisernem Willen bewältigte, voll Ärger, wenn hier der stete Trab "schon" nach 29 Kilometern zum ersten (und nicht zum letzten) Mal zu einem verzweifelten, kraftlosen Humpeln verkam.

Wer einmal den Wien-Marathon bewältigt hat, so sagt man, der wird es wieder tun. Endlose 42,195 Kilometer. Unvorstellbar, sagt der Zuschauer, der selber mit Begeisterung und Ausdauer stundenlang an der Strecke stand und applaudierte – neidlos, aufmunternd, für jeden, der vorbeikeuchte – ,bis ihm die Hände schmerzten.

Aber gerade er ist es, der Zuschauer, der es dem Läufer so leicht gemacht hat, seinen Kampf gegen den inneren Schweinehund doch noch zu gewinnen: Der Bub mit dem Windelhintern an der Hütteldorfer Brücke, der wie wild seine Plastik-Ratsche schleuderte, das verständnisvolle Mutterl ("Laufts nur, laufts nur!"), das eigentlich zur U-Bahn wollte, aber den endlosen Menschenstrom nicht überwinden konnte, oder der Kerl im zweiten Stock in der Liechtensteinstraße, der die Lautsprecher seiner Stereoanlage aufs Fensterbrett stellte und die Vorbeilaufenden mit Heavy-Metal-Klängen bei Laune hielt.

Es ist schöner als Weihnachten und Ostern zusammen, wenn man nach einer Ewigkeit am Straßenrand ein vertrautes Gesicht, eine winkende Hand entdeckt, seinen Namen hört. Dort steht dann zum Beispiel einer von denen, die sich ganz beiläufig tags zuvor nach deinen Trainingszeiten erkundigt haben und daher ziemlich genau wissen, wann du bei Kilometer X vorbeikommen müsstest.

Manchmal begleitet dich auch einer ein Stück des Weges, fragt, wie es geht, ergattert für dich im Vorbeilaufen noch einen zusätzlichen Becher Wasser, den er dir dann behutsam ("Gut so"?) gegen die mörderische Hitze in den Nacken schüttet.

Aber oft genug ist auch niemand da, wenn man jemanden am dringendsten brauchen würde. Dann sucht der Läufer Augenkontakt am Straßenrand, das spürt der Zuschauer. Er hilft seinem unbekannten Schützling. Ein einziges wohlwollendes Lächeln, ein Augenzwinkern, ein heiseres "Gemma, gemma!!!" kann einem Läufer im Tief über den nächsten Kilometer helfen. Und dort beginnt vielleicht gerade eine schattige Passage, oder das Kopfsteinpflaster ist zu Ende, oder es geht ganz einfach ein bisschen bergab.

Wienmarathon
Picture by T. Micke

"Was, um Himmels Willen, geht in diesen Frauen und Männern vor, die sich das freiwillig antun?" fragt der TV-Sportler daheim auf dem Sofa, fragt auch der Genussmensch im Schweizerhaus, an dem alle "Marathonis" am vergangenen Sonntag vorbei mussten, während dieser ein kühles, bernsteinfarbenes tschechisches Bier in sich hineinzischte.

"Nun", antwortete der Marathonmann mit grauem Bart und verschmitztem Lächeln, der dort nach etwas mehr als viereinhalb Stunden im Zielraum saß und sich die wunden Füße von einem Pfleger massieren ließ. "Für mich ist es der Reiz, einmal im Jahr am Abend mit dem hochzufriedenen Gefühl schlafen zu gehen, etwas ganz Außergewöhnliches, sehr Persönliches geleistet zu haben. Und in den Trainingsmonaten davor hab' ich dieses große Ziel immer vor Augen."

"Außerdem", fügt er hinzu, "schmeckt das erste Bier danach einfach ganz unvergleichlich!"

Wie leicht kommt doch den Sportreportern alljährlich jener Satz über die Lippen, der so nett nach "olympischem Gedanken" klingen soll: "Meine Damen und Herren, ich finde jeder, der hier die Ziellinie erreicht hat, verdient einen kleinen Applaus...!"

Keiner, der die Ziellinie nach 42 Kilometern erreicht hat, braucht diesen verdächtig nach Mitleid riechenden Sportreporter-Szenenjubel. Denn was in einem Menschen vorgeht, der nach vier bis fünf Stunden erschöpft, verzweifelt, aber überglücklich die letzten Meter bis ins Ziel stolpert, das kann sich nur jemand vorstellen, der es selber versucht hat. Und nicht selten bricht so einer nach Minuten völlig erleichtert in den Armen von Frau, Freund, Mutter oder Sohn hemmungslos in Tränen aus, weil sich seine kühnsten Hoffnungen, nämlich das Ziel zu erreichen, doch noch erfüllt haben.


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© Eine Reportage von T. Micke (30-04-95) – Kontakt