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Ein Lindwurm aus Stein

Bis zum Schwarzen Meer zieht sich quer durch Europa der Limes, die historische Grenze des mächtigen Römerreichs. Jetzt wurde er zum Weltkulturerbe ernannt. Wie eine Grenze von gestern Völker von heute verbinden könnte.



Heutiger Verlauf der römischen Limes-Grenzstraße im deutschen Städtchen Niedernberg
Picture by Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege/Sommer

Wie sichert man ein Riesenreich gegen Feinde von außen? Die Chinesen zeigten es schon vor Jahrtausenden vor. Mit ihrer Mauer aus gestampfter Erde und Stein gegen die Mongolen, die bis heute als einziges menschliches Bauwerk aus dem All zu erkennen ist. Auch Rom war zu Spitzenzeiten eine Großmacht, deren Ausmaße heute fast unvorstellbar sind: Von den Britischen Inseln im Norden, wo der Hadrianswall gegen Eindringlinge errichtet wurde, quer durch Europa; als natürliche Grenze die Donau entlang durch das heutige Deutschland, Österreich, Ungarn bis nach Rumänien zum Schwarzen Meer und auf der anderen Seite weiter durch die Türkei, Syrien, Jordanien, Ägypten bis nach Nordafrika.

Der Limes, der Grenzwall der Römer gegen die Barbaren, war im heutigen Deutschland ein 550 Kilometer langer "Lindwurm aus Stein", gesäumt mit Holzpalisaden, 900 Wachttürmen und 120 Kastellen, Legionslagern und einer Grenzstraße, die alle auf dieser Strecke postierten Soldaten mit Lebensmitteln, Informationen und Wagenladungen mit Sold aus Rom versorgte.

Dr. Sebastian Sommer vom Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege: "Diese Grenzstraße, die in Österreich nicht entlang einer hohen Mauer wie bei uns, sondern entlang der Donau als natürlicher Grenze verlief, war die Lebensader des römischen Systems in dieser Region. Auf ihr wurde enorm viel Geld transportiert, das die Soldaten vor Ort ausgeben wollten. Überall, wo also kleine Lager waren mit 100 bis 500 Mann wie etwa in Favianis, dem heutigen Mautern in Niederösterreich, entstanden auch Siedlungen mit Händlern, Gastwirten und auch Prostituierten. Ein belebender Wirtschaftsfaktor also, der ohne Limes in vielen Gegenden gefehlt hätte." Ein Erbe, das bis in die Gegenwart wirkt. Denn in vielen dieser Orte verläuft die Hauptstraße bis heute auf den Fundamenten der Römerstraße, und man braucht dort nur einen Keller auszuheben, um mit jeder Schaufel 2000 Jahre alte römische Geschichte zu zerstören.

Auch deshalb wurde nun der Limes in Deutschland zum Weltkulturerbe ernannt. Unter dem Titel Grenzen des "Römischen Reiches" sollen sich in den nächsten Jahren möglichst viele Limes-Nationen dem neuen Weltkulturerbe anschließen und durch die uralte gemeinsame Grenze neue internationale Kultur-Verbindungen schaffen.

Das Burgtor (Römertor oder Wiener Tor genannt) von Traismauer war in Österreich Teil des römischen Limes-Grenzwalls
Picture by Bundesdenkmalamt Österreich

Auch Österreich steht auf der Kandidatenliste, muss aber noch ein paar Kriterien erfüllen, wie Dr. Christa Farka vom österreichischen Bundesdenkmalamt im Interview bestätigt. Denn die sagenhafte Römer-Grenze ist besonders bei uns, wo es wegen der Donau keine durchgehende Mauer gab, mitten in (und unter) Städten wie Enns, Pöchlarn, Traismauer oder Fischamend zu finden. Oft kommt es dort zu Interessenskonflikten, wenn etwa, wie in Enns und Mautern, eine Supermarkt-Kette neues Bauland erschließt.

Dr. Helga Sedlmayer vom Archäologischen Institut: "Die Supermarkt-Kette hat in Mautern die Ausgrabungen auf ihrem Grundstück mitfinanziert. Eine Töpferei, eine Eisenschmiede und eine Gerberei kamen zum Vorschein und sehr ungewöhnliche, nur zehn Quadratmeter große Grubenhütten." Die Funde wurden ausgewertet, die Fundstelle schließlich wieder zugeschüttet und der Supermarkt darüber gebaut.

Dr. Farka: "Das Problem dabei ist: Jede Ausgrabung ist auch gleichzeitig eine Zerstörung. Denn die wichtigsten Erkenntnisse sind oft nicht freigelegte antike Mauern, sondern zum Beispiel kleine Verfärbungen in den Bodenschichten, aus denen Forscher wichtige Schlüsse ziehen. Am besten wäre es, diese Funde geschützt im Boden zu belassen, weil viele der archäologischen Schätze, einmal ausgegraben, innerhalb weniger Jahrzehnte verfallen, wenn man sie nicht aufwändig schützt. Und das kostet natürlich sehr viel Geld."

So ist das "Weltkulturerbe Limes" auch eine Chance für Österreich, 2000 Jahre alte Schätze für die Nachwelt zu erhalten und gleichzeitig mit viel Fingerspitzengefühl eine neue, bereisenswerte Touristen-Attraktion entlang der Donau zu schaffen.


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© Eine Reportage von T. Micke (21-08-05) – Kontakt