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Lawinen in den Alpen: Killer in Weiß

Schnee kann federleicht und wunderschön sein, aber auch hart wie Beton und tödlich schnell. Allein in Tirol sterben jedes Jahr Menschen im Schnee. Für den Kampf gegen den "weißen Tod" wird nun mit neuer Technik aufgerüstet.



Spektakulär: Eine Staublawine rollt über eine Skipiste in Tirol
Picture by Natascha Mader (bitte Autor kontaktieren)

Im Labor des Instituts für Wildbach- und Lawinenschutz im Untergeschoss der Wiener Uni für Bodenkultur sieht es aus wie in einem unaufgeräumten Bastelkeller: Ein Werkzeugkoffer steht mitten im Raum, Zangen und Mutternschlüssel liegen wahllos verstreut zwischen Zetteln und Getränkedosen auf einer Bank. An einem Schreibtisch hängt eine Schraubklemme wie übrig geblieben von Laubsägearbeiten für ein Vogelhäuschen, und zwei Kübel mit Sandkastensand stehen neben einer Konstruktion, die wie eine halb fertige Kleinkinder-Rutsche aussieht.

"Das stammt nicht aus dem Sandkasten, Herr Redakteur", korrigiert ein irritierter Institutsassistent, "und die Rutsche ist nicht für Kinder, sondern um das Rutschverhalten von Muren zu simulieren."

"Wenn eine Schnee- oder Schlammlawine zum Stillstand kommt", erklärt Institutsleiter Dr. Karl Kleemayr, "dann sind am Ende, wie wir hier testen können, immer die großen Brocken obenauf. Das hat man auch bei der Konstruktion des neuen Lawinen-Airbags ausgenützt: Der Mensch, der von der Lawine erfasst wird, wird durch rechtzeitiges Aufblasen der zwei Luftkammern zu einem besonders großen ,Brocken' und bleibt auch eher an der Oberfläche der Lawine."

Die Abrisskante eines gewaltigen Schneebretts
Picture by Lawinenwarndienst Tirol

"Aber der Großteil unserer Forschung", fügt Dr. Kleemayr hinzu und weist den Weg in einen hochmodernen EDV-Raum, "findet entweder draußen in der Natur oder hier an den Computern statt."

Mehr als 600 Lawinen sind mittlerweile mit allen erdenklichen Details von Windgeschwindigkeit über Hangneigung bis Schneetemperatur in der Uni-Datenbank gespeichert. Diese Daten dienen zum Beispiel dazu, um in Tälern, in denen noch nie wissentlich eine Lawine abgegangen ist, das Risiko für die dort lebenden oder arbeitenden Menschen zu bestimmen.

Dr. Kleemayr: "Wir haben von den E-Werken einen solchen Auftrag. Da gibt's ein paar arme Burschen, die müssen morgens um 7 nach einer durchschneiten Nacht ins hinterste Zillertal zur Bärenbad Alm und hinauf zum Zillergründl-Stausee, um nach dem Rechten zu sehen. Durch unsere Simulationen können wir helfen, die Gefahr einzuschätzen."

Die Lawinenkatastrophe von Galtür vor zwei Jahren, bei der 38 Menschen ums Leben kamen, hat hier im Bereich der Forschung Wunder gewirkt. Dr. Kleemayr gibt nur ungern zu: "Vor Galtür konnten wir uns vier Mitarbeiter leisten. Jetzt sind zwölf bewilligt." Eines der Projekte, an denen man im Uni-Institut in den letzten Monaten mit Feuereifer werkelte, ist ein völlig neuartiger Lawinenschutz, der gemeinsam mit einem deutschen Erfinder zur Serienreife entwickelt wurde: Was nun wirklich so aussieht wie zum Trocknen aufgehängte Vogelhäuschen, ist eine hochwirksame Waffe gegen das gefährliche Schneegleiten, vor dem sonst nur ausgewachsene Bäume oder teure Stahl-Stützzäune schützen.

Die Luv-Seite eines Berges wird durch Schneewächten schnell zur Lawinen-Todeszone
Picture by Lawinenwarndienst Tirol

"Auch wo und wie so eine Konstruktion wirkt, können wir am Computer simulieren", erklärt Dr. Kleemayr und lässt eine bunte, dreidimensionale Graphik am Schirm erscheinen: "Die Farben zeigen die Druckverteilung in der Schneedecke an. Wenn in diesem Hang keine Bäume stünden, dann wäre der ganze Mittelteil knallrot. Und da kann's gefährlich werden."

Deutlich näher an der Front sitzen Rudi Maier (39) und Patrick Nairz (31) in der Lawinen-Warndienstzentrale Tirol in Innsbruck. Sie sind in ganz Tirol für die täglichen Berichte und Schneeanalysen zuständig. Ihnen zur Seite stehen die rund 160 Lawinenkommissionen in den einzelnen Gemeinden. Sie alle haben heutzutage via Internet Zugriff auf die österreichweit gesammelten Daten, die im Ernstfall helfen sollen. Sehr wertvoll sind auch die im Winter oft unzugänglichen, vollautomatischen Messstationen in den Bergen, die rund um die Uhr aktuelle Werte liefern. Selbst dort wird modernste Technik eingesetzt: Infrarot-Sensoren bestimmen die Oberflächen-Schneetemperatur, und im Herbst vergrabene, mit Glykol gefüllte Messkissen berechnen Gewicht und Wassergehalt der Schneedecke.

Dennoch: "Das menschliche Gehirn ist trotz aller Computerdaten noch immer das wertvollste Messinstrument!", bringt Walter Strolz (54), der seit 23 Jahren in St. Anton die Lawinengefahr beurteilt, auch die Meinung seiner Kollegen in Innsbruck und Wien auf den Punkt.


Auch an diesem Wochenende, wenn unsere Ski-Asse wieder einmal bei der Abfahrt in St. Anton die Massen zum Jubeln bringen, trägt Walter Strolz die Verantwortung für sämtliche lawinengefährdeten Hänge im anspruchsvollen WM-Skigebiet: "Man muss an 100 Dinge gleichzeitig denken, und was in den Lehrbüchern über Lawinen steht, kann man oft vergessen. Erfahrung ist das Einzige, das zählt."

Wie unberechenbar Lawinen sein können, hat Walter Strolz bei einem Schneebrett vor 13 Jahren selbst erlebt. Das Elternhaus wurde zerstört, seine Mutter kam ums Leben. Später fand man in den Trümmern den Kaufvertrag des uralten Gebäudes. Er stammte aus dem Jahr 1673. Weit mehr als 300 Jahre hatte das Haus also Winter für Winter seine Bewohner vor Kälte und Schnee geschützt. Keine Statistik der Welt hätte dieses Unglück vorhersagen können.


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© Eine Reportage von T. Micke (04-02-01) – Kontakt