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Lawinenwarndienst: Wie ein Bergidyll in Tirol zur Todesfalle wird

Nur acht Lawinentote gab es in Österreich im Winter 2003/2004. Mit ein Grund für diesen Positiv-Rekord: Das Warnsystem wird dank neuer Technik, Internet und SMS-Service immer besser. Lokalaugenschein beim Lawinenwarndienst Tirol.



Spektakulär und erschreckend zugleich: Fotoserie eines Lawinenabgangs in Hochfügen im Zillertal 1999: Bild 1
Picture by Georg Mader

31 Menschen kamen im Winter 1998/99 allein beim Lawinenunglück im Tiroler Galtür ums Leben. Österreich war geschockt, und viele fragten sich, ob eine Naturkatastrophe dieses Ausmaßes nicht heutzutage vorhersagbar sei. Als Antwort präsentiert Rudi Mair vom Lawinenwarndienst Tirol dann gern eine Serie spektakulärer Fotos: Darauf wälzt sich eine gewaltige Staublawine mit zig Tonnen Schnee eine Skipiste hinunter, zerstört die doppelte Schlepplift-Anlage, wälzt sich über die Hauptstraße auf ein Hotel zu...

Spektakulär und erschreckend zugleich: Fotoserie eines Lawinenabgangs in Hochfügen im Zillertal 1999: Bild 2
Picture by Georg Mader

"Diese Bilder hat ein Gast in Hochfügen im Zillertal am 24. Februar 1999 von seinem Balkon aus geschossen. Das war genau einen Tag nach Galtür", erklärt Rudi Mair. "Weißt Du, warum sich heute fast keiner mehr daran erinnert? Weil durch Zufall oder wie durch ein Wunder, wenn Du willst, keine Opfer zu beklagen waren. Auch hier hätten es zwanzig Tote sein können. Leider kann es trotz aller Vorsichtsmaßnahmen wieder zu schweren Unglücken wie in Galtür kommen. Die Natur ist nun einmal nicht berechenbar. Aber wir tun unser Möglichstes, ihr im Winter auf die Finger zu schauen."

Spektakulär und erschreckend zugleich: Fotoserie eines Lawinenabgangs in Hochfügen im Zillertal 1999: Bild 3
Picture by Georg Mader

Nicht zuletzt wegen der tragischen Ereignisse des Jahres 1999 hat das Land Tirol heute das dichteste Netz an automatischen Schnee-Messstationen weltweit und betreibt neben der Schweiz den leistungsfähigsten und aufwändigsten Lawinenwarndienst Europas. Täglich aktualisiert, lässt sich auf der Internetseite "www.lawine.at" landesweit die Lawinengefahr jedes Gipfels und jedes Tals in Tirol ablesen, abhängig von Hangneigung, gefallener Schneemenge und Wind-Verfrachtungen. Dort können nicht nur Tourengeher, sondern auch Hobby-Ski- und Snowboardfahrer mithilfe einer fünfstufigen Gefahrenskala ablesen, welcher Hang gerade heute besser nicht befahren werden sollte und welche Geländefahrten gefahrlos möglich sind.

Spektakulär und erschreckend zugleich: Fotoserie eines Lawinenabgangs in Hochfügen im Zillertal 1999: Bild 4
Picture by Georg Mader

"Rund 85 Prozent aller Lawinenunglücke", ist Rudi Mair überzeugt, "hätten in der Vergangenheit vermieden werden können, wenn sich die Leute an diese einfachen Richtlinien halten würden. Denn ein Tiefschnee-Hang ist nicht nur deshalb gefährlich, weil er steil ist. Das hängt auch von der Zusammensetzung der Schneedecke ab. Und es gibt Tage, an denen gehen erstaunlich flache Hänge ab und können zur heimtückischen Falle werden. Da haben sich leider auch schon sehr erfahrene Tourengeher tödlich geirrt."

Spektakulär und erschreckend zugleich: Fotoserie eines Lawinenabgangs in Hochfügen im Zillertal 1999: Bild 5
Picture by Georg Mader

Die große Kunst einer täglich aktuellen, detaillierten Lawineninformation wie in Tirol besteht aber auch darin, rechtzeitig abrufbar zu sein. Denn Tourengeher sind Frühaufsteher. Und so beginnt der Arbeitstag für Rudi Mair und seinen Kollegen Patrick Nairz in Innsbruck jeden Morgen um sechs Uhr. Der Computer wird mit den Daten der automatischen Messstationen gefüttert, die Schneehöhe, Temperatur sowie Windrichtung und -geschwindigkeit ins Tal funken und erstellt verständliche Graphiken und Karten mit Hilfe der Uni Wien. Dann werden zusätzlich unzählige freiwillige menschliche Beobachter auf Tirols Hütten durchgerufen.

Spektakulär und erschreckend zugleich: Fotoserie eines Lawinenabgangs in Hochfügen im Zillertal 1999: Bild 6
Picture by Georg Mader

Rudi Mair: "Bei all der Technik kann leider keine der automatischen Solar-Messstationen erkennen, ob sich in der Nacht gefährlicher Raureif gebildet hat, wie die Schneedecke beschaffen ist und ob schon am Morgen Lawinen abgegangen sind. Dafür sind diese Beobachter manchmal überlebenswichtig." Wie Hans Wibmer auf der Dolomitenhütte in Osttirol, der sich jeden Morgen um kurz nach sechs via Handy meldet. Oder Horst Fankhauser auf der Franz-Senn-Hütte im Stubaital, dem größten Tourenskigebiet der Ostalpen, der seine Lagebeurteilung per E-Mail schickt. Aus all diesen Meldungen werden dann die morgendlichen Berichte des Lawinenwarndienstes erstellt, der um 7.30 Uhr auch bei Radio Tirol live auf Sendung ist und jetzt auch als SMS-Abonnement via Handy und per E-Mail von Urlaubern und Hüttenwirten empfangen werden kann.

Spektakulär und erschreckend zugleich: Fotoserie eines Lawinenabgangs in Hochfügen im Zillertal 1999: Bild 7
Picture by Georg Mader

Rund 15-mal im Winter geht der Lawinenwarndienst aber auch mit den örtlichen Lawinenkommissionen ins Gelände, um sich mithilfe eines Hubschraubers von Bundesheer oder Innenministerium ein Bild von der Praxis in den diversen Alpentälern zu machen. Was wie Heli-Skifahren als Lohn für die Büro-Schufterei wirken mag, ist ebenfalls harte Arbeit: Bis zu zwei Meter tiefe so genannte Schneeprofile müssen mit Schaufel und Säge an beispielhaften Stellen gegraben werden, an denen die Schneeprofis Informationen ablesen können wie Botaniker an den Ringen eines Baumstamms: Neuschnee wird von Filzschnee, rundkörnigem und kantigem Schnee, und Schwimmschnee mit Becher- oder Schmelzkristallen unterschieden. Belastungs- und Härtetests mit dem Bleistift, mit der Faust oder mit dem Gewicht eines Test-Skifahrers werden am freigelegten Schneekeil gemacht. So lässt sich oft früh erkennen, ob eine elf Tage alte Schneeschicht 50 Zentimeter unter der Oberfläche stabil bleibt oder sich zum gefährlichen "Kugellager" entwickelt, auf dem ein gewaltiges Schneebrett bei plötzlicher Belastung durch Skifahrer zu Tal rasen könnte.


Bei all der Forschungsarbeit bleibt aber auch im heurigen Winter der Appell der Lawinenexperten an alle Ski- und Snowboardfahrer oberstes Gebot: Äußerste Vorsicht abseits der gesicherten Pisten, denn die Natur ist nicht berechenbar!


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© Eine Reportage von T. Micke (19-12-04) – Kontakt