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Kursk: Putins Wunderwaffe

Hinter den Kulissen der russischen U-Boot-Tragödie lief ein Agenten-Krimi à la James Bond wie in den Zeiten des Kalten Krieges.


Im Schatten einer maroden, schwer verschuldeten Wirtschaft entwickeln russische Wissenschaftler heimlich eine neue, bahnbrechende Wunderwaffe, die eine akute Bedrohung der westlichen Kriegsmarine darstellt. Nach Ende des Kalten Krieges sind Russen und Amerikaner einander zwar weitgehend freundlich gesinnt, nicht aber Dritt-Staaten wie China, Iran oder Libyen, an die die ehemalige Sowjetunion Kriegsgerät liefert. Der Westen schickt seine Agenten nach Moskau, um hinter das Geheimnis der Waffe zu kommen, als plötzlich ein russisches U-Boot mit dem Wunderding an Bord in der Barentsee in Not gerät. Ein Wink des Schicksals, der Westen eilt zu Hilfe..."

Was wie das Drehbuch zu einem neuen Bond-Streifen mit dem Titel "Das Imperium schlägt zurück" klingt, ist, aller Wahrscheinlichkeit nach, eine wahre Geschichte. Wenn es stimmt, was aus den Schaltzentralen der Geheimdienste durchsickerte (unter anderem in der "Prawda" nachzulesen), dann fand hinter den Kulissen der U-Boot-Tragödie um die gesunkene "Kursk" ein knallharter Geheimdienst-Poker statt, bei dem kaltblütig das Leben der Matrosen gegen "Militärische Interessen der russischen Nation" ausgespielt wurde. Anders gesagt: Westliche Rettungsteams waren Präsident Putin deshalb höchst unwillkommen, weil die "Kursk"-Mission "Top Secret" war.

Bekannt ist, dass die Sowjets seit den 60er Jahren unter der Leitung des Waffentechnikers Michail Merkulov im Kiewer Forschungszentrum NII-24 ein Projekt zur Weiterentwicklung von U-Boot-Torpedos finanzierten, dem US-Experten nur geringe Erfolgschancen gaben. Zum Entsetzen des Westens gelang aber dem genialen russischen Forscher in den frühen 80er Jahren tatsächlich der große Wurf. Er entwickelte einen Torpedo namens "Shkval" (zu Deutsch "Sturm"), der unter Wasser viermal schneller ist als jene der US-Konkurrenz.

Spätestens auf der internationalen Waffenmesse in Abu Dhabi 1999 hatte die Welt auch ohne CIA und MI 6 den Beweis, als der "Shkval-E" ("E" für Export) für besondere Kundschaft extrem günstig zum Verkauf angeboten wurde. China hatte sich bereits ein Jahr zuvor mit der neuen Wunderwaffe eingedeckt. Libyen und der Iran zeigten großes Interesse. Seither sieht die westliche Waffenindustrie, zumindest im Bereich der Marine, alt aus.

Skizze: Wie der russische Shkval-Torpedo bis zu 500 km/h erreicht
Picture by Austrian Research Centers

Die raffinierte Technik im Detail: Normale Torpedos erreichen bis heute nur ein Maximal-Tempo von 80 km/h wegen der hohen Dichte von Wasser (etwa im Vergleich zu Luft). Merkulovs Team gelang es nun, mit einer revolutionären Idee diesen Wasserwiderstand "auszutricksen". Die Forscher nützten dazu ein lästiges Phänomen, mit dem jeder Hersteller von Rennbooten zu kämpfen hat, das sich "Kavitation" nennt: Bei Geschwindigkeiten ab zirka 180 km/h bilden sich an einem Objekt im Wasser durch Unterdruck Dampfblasen, die eine derart große Hitze erzeugen, dass Schiffsschrauben beschädigt werden können. In Extremfällen passiert es sogar, dass eine zu schnelle Schiffsschraube in einer solchen Dampfblase ohne Kontakt zum Wasser "im Leerlauf" durchdreht.

Genau diesen Effekt nützen die Russen für ihren "Shkval": In einer solchen, teilweise durch Triebwerksabgase künstlich erzeugten Kavitationsblase können die ganz speziell geformten Torpedos mit einem Raketenmotor statt eines Propellers (sie bewegen sich ja jetzt in "Luft") unter Wasser an ihr Ziel "fliegen" und erreichen dabei 360 bis 500 km/h. Kein Flugzeugträger hat bei einem Blitzangriff auf kurze Distanz eine Chance, auf ein solches Geschoß zu reagieren! Wen wundert's, dass US-Spione seit Jahren versuchen, an "Shkval"-Pläne zu gelangen. Denn die angewandte Technik ist nur in der Theorie einfach.

Laut eines Berichts in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sind mittlerweile alle diesel- und atombetriebenen russischen U-Boote mit "Shkval"-Torpedos bestückt, weshalb man annehmen kann, dass auch die im August 2000 gesunkene "Kursk" das neueste Testgerät an Bord hatte.

Dort sehen einige Fachleute inzwischen die Ursache der zwei fatalen Explosionen: "Shkval"-Torpedos müssen beim Abfeuern zuerst wie bei einer Armbrust mit Hilfe einer Art Katapult auf "Kavitationsgeschwindigkeit" (180 km/h) beschleunigt werden. Dann erst darf der Raketenmotor zünden. Man vermutet, dass bei einem solchen Testabschuss die Rakete zu früh, noch innerhalb des Torpedorohrs, losging. Danach explodierte einer der Torpedo-Sprengköpfe...


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© Eine Reportage von T. Micke (17-12-00) – Kontakt