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Fleisch ernten statt Tiere töten

Fleisch von Schwein und Huhn lässt sich schon im Labor züchten. Auch am Steak aus der Retorte wird bereits getüftelt. Eklig? Vielleicht, aber es wäre ein Segen für Tierschutz und Umwelt.



Würde der Mensch Kunstfleisch essen, müssten Kühe nicht mehr getötet werden.
Picture by T. Micke

Würden Sie in einen Hamburger oder in eine Käsekrainer beißen, wenn Sie wüssten, dass der Fleischanteil darin nie eine Kuh oder ein Schwein gesehen hat, sondern im Labor gezüchtet wurde? Man könnte argumentieren, der Salat im Burger stamme ja auch aus dem Gewächshaus und sei mit Dünger und künstlichem UV-Licht zum Wachsen angeregt worden. Oder das Brot zur Käsekrainer wäre ebenfalls ein von Menschen geschaffenes und daher "unnatürliches" Produkt.

Natürlich ist das nicht das Gleiche, wie ein paar Muskelzellen von Huhn und Schwein herzunehmen und sie mit ein paar Tricks kräftig zu vermehren, schließlich die winzigen Fleischklümpchen zu panierten Hühnernuggets oder Wurst zu verarbeiten. Ein ekliger Gedanke oder einfach nur ungewohnt? Und wird die Entscheidung leichter, wenn man damit einen Großteil des Tierleids auf unserem Planeten, die Tiertransporte quer durch Europa und die Massentierhaltung beenden könnte?

Die Liste der theoretisch möglichen Wohltaten geht noch weiter: Krankheitserreger und gefährliche Antibiotika im Fleisch wären kein Thema mehr, Flachsen und Fett würden der Vergangenheit angehören, und man könnte die Fettsäuren, die den Cholesterinspiegel so erhöhen, durch gesunde ungesättigte Fettsäuren ersetzen. Auch das Treibhausgas Methan, das durch die Verdauung bei Milliarden Nutztieren entsteht, könnte stark reduziert werden.

Aus Muskelzellen lässt sich jetzt schon eine Art Fleischpaste von Schwein, Rind und Huhn herstellen
Picture by AKH Wien

Schon vor Jahren gelang es dem New Yorker Zellbiologen Dr. Morris Benjaminson im Auftrag der NASA, ein Stück Fisch in einer Nährlösung um 14 Prozent wachsen zu lassen, in der Hoffnung, damit die Ernährung von Astronauten auf langen Raumflügen wie zum Beispiel zum Mars zu verbessern. Und der holländische Dermatologe Dr. Wiete Westerhof ließ sich eine Methode zur Herstellung von Kunstfleisch patentieren, nachdem es ihm gelungen war, Muskelzellen von Rind, Schwein, Huhn und Känguru an einem künstlichen Knochengerüst aus Collagen zu züchten.

Warum ist das perfekte Kunststeak dann noch nicht auf dem Markt? Ein Problem für die Forscher ist, dass die heranwachsenden Zellen mit Nährstoffen versorgt werden müssen, was im lebenden Tier die Blutversorgung bewerkstelligt. Im Labor geht alles gut, solange die Zellen in direktem Kontakt mit einer Nährstofflösung sind. Aber schon bei einer Zellschicht, die einen Millimeter dick ist, funktioniert die Versorgung so nicht mehr, und die Zellen sterben ab. Eine weitere Schwierigkeit ist, dass man die Muskelzellen "trainieren" müsste, damit sie zu richtigen Muskelfasern werden. Dass diese und andere Schwierigkeiten gelöst werden, ist vielleicht nur eine Frage der Zeit. Das größte Problem scheint aber doch (noch) woanders zu liegen.

Hahn und Huhnbräuchten nicht mehr in Massen-Tierfarmen gehalten werden, wenn künstliches Fleisch gezüchtet und gegessen werden könnte
Picture by T. Micke

Mikrobiologe Prof. Dr. Hermann Katinger von der Wiener Boku: "Für mich ist dieses Thema wie das Märchen von der Müllerin, die Stroh zu Gold spinnt, nur umgekehrt: Bei dieser Methode wird Gold in Stroh verwandelt. Es ist in der Praxis einfach viel zu teuer Fleisch zu züchten, auch wenn es irgendwann funktionieren wird. Die Kuh auf der Weide und das Huhn im Stall sind billiger. Viele Menschen sind ja nicht einmal bereit, zugunsten artgerechter Haltung mehr fürs Steak zu bezahlen. Und als echten Fleischersatz gibt es viele Produkte aus Soja-Bohnen, die bekanntlich sehr gesunde pflanzliche Proteine enthalten."

Der Forscher weiter: "Vor Jahren habe ich einmal so ein Kunstfleischprodukt, gewonnen aus Hefe-Bakterien, probiert. Es war sehr aufwändig, aus einem eiweißreichen Brei etwas Beißbares zu machen, und es schmeckte wie eine Mischung aus Steak und Faschiertem. Nur: In der Praxis wird doch niemand so etwas Künstliches kaufen und essen, oder?"


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© Eine Reportage von T. Micke (04-12-05) – Kontakt