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Kuba nach Fidel Castro: "Cuba libre" auf Eis

Ein "freies Kuba" erhoffen sich die Bewohner der malerischen Karibikinsel schon seit mehr als 1 00 Jahren. Jetzt, nach Fidel Castros Abschied von der kommunistischen Spitze des Landes, ist es wieder Hoffnung, aber auch Angst, die die Menschen bewegt. Ein Lokalaugenschein.



Nicht Fidel Castro, sondern Che Guevara wird in ganz Kuba abgebildet und verehrt
Picture by T. Micke

"Mitteilung des Chef-Kommandanten", hieß es am 19. Februar auf der Titelseite der kommunistischen Parteizeitung Granma. Fidel Castro tritt als kubanischer Präsident zurück. Während die meisten Touristen im isolierten Badeparadies Varadero östlich von Havanna von der historischen Veränderung an der Poolbar wenig mitbekamen, schwankt die Bevölkerung des Landes seither zwischen stiller Erleichterung, offener Trauer und Sorge um die Zukunft.

"Vieles", erklärt Elena Perez, eine 36-jährige Hausfrau und Mutter, die im Städtchen Baracoa ein Zimmer an Reisende vermietet, "war gut unter Fidel. Die Regierung war beständig, und ich musste mir nie Sorgen machen, dass mein Sohn mit Drogen in Kontakt kommen könnte." Elena Perez ist geschieden und lebt mit ihren Eltern und der Familie ihres Bruders in einem Reihenhaus. Die Regierung erlaubt eingeschränkt private Zimmervermietung an Touristen: Maximal zwei Unterkünfte dürfen es sein, und wer das "Zimmer frei"-Schild aushängt, wird von Inspektoren kontrolliert und muss monatlich eine fixe Summe an den Staat zahlen, egal, ob die Zimmer belegt sind. Elena Perez hat ihren zwölfjährigen Sohn Jorge in ihrer Kammer untergebracht, er muss neben ihr im Doppelbett schlafen, weil es nicht anders geht. Sonst wäre kein Platz gewesen für das Gästezimmer mit Bad, das mit Abstand der luxuriöseste Raum der Wohnung ist. Das Geld, das die Touristen bringen, die "Convertibles", ist überlebenswichtig. Für "Moneda national", die kubanischen Pesos, kann man in den staatlichen Läden rationierte Grundnahrungsmittel kaufen. Alles, was darüber hinausgeht und das beginnt schon bei Seife, Zahnbürste und Kleidung ist rar. Man muss sich entweder stundenlang dafür anstellen oder es ist – wie einst in der DDR – oft gar nicht zu haben. Nicht für kubanische Pesos. Für Convertibles schon, in den viermal so teuren Läden, in denen die Touristen einkaufen.

In ganz Havanna gibt es keine Plakatwerbung. Stattdessen politische Karikaturen gegen die USA
Picture by T. Micke

"Es ist sehr hart für uns, über die Runden zu kommen. Wenn ich ordentliche Schuhe für meinen Sohn kaufen will, brauche ich Convertibles. Bier und Wein, aber auch Trinkwasser in Flaschen ist absoluter Luxus. Wir reparieren und befüllen sogar unsere Einweg-Feuerzeuge wieder, weil ein neues teuer ist. Ich versuche meinen Gästen jeden Tag ein gutes Frühstück zu bieten, aber manchmal gibt es keine Bananen, und für eine Grapefruit oder eine Ananas muss ich oft bis ans andere Ende der Stadt, wenn es sie überhaupt gibt. Obwohl die ja bei uns wachsen. Aber meine Gäste sollen davon nichts merken. Ich will ja, dass sie wiederkommen."

Und jetzt, wo Fidel Castro mit 81 Jahren offiziell sein Amt zurückgelegt hat und sein 76-jähriger Bruder Raul mit sanften Reformversprechen aus dem Schatten des "Commandante" tritt, herrscht vor allem Unsicherheit: "Ja, es war wirklich ein Tag der Trauer für viele Kubaner", erklärt Elenas Bruder Javier, der weiß, wie seltsam das klingen muss, wenn man in Fidel Castro nicht die romantisch verklärte Legende an Che Guevaras Seite sieht, sondern den brutalen Diktator, der Tausende Regime-Gegner erschießen oder foltern und einsperren ließ und der für die Ermordung Zehntausender Menschen verantwortlich gemacht wird: "Meine Mutter hat die Zeit davor erlebt. Die Zeit, als die Mafia mithilfe der Amerikaner Bordelle und Casinos in Havanna hochzog, in der die Reichen immer reicher wurden und die arme Bevölkerung hungerte. Die Straßen waren gefährlich. Jetzt haben wir eine hervorragende Schulbildung und ein Gesundheitssystem für alle. Auch wenn wir Jüngeren, die die Zeit vor Castro nicht erlebt haben, uns nach einem Wandel, einem echten ,Cuba libre' sehnen, verstehe ich sie gut."

Auf einem Plakat in Havanna wird George Bush mit Hitler und dem Terroristen Luis Carriles verglichen
Picture by T. Micke

"Cuba libre", die Geschichte des beliebten Mix-Getränks aus amerikanischem Cola und kubanischem Rum könnte für das Dilemma kaum symbolischer sein: Entstanden zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, als Amerika die spanischen Kolonialherren von der Insel vertrieb. Gewissermaßen als Sieges-Cocktail der neuen Freiheit, die allerdings nicht lange währte, weil Amerika die strategisch wichtige Karibikinsel eher zum zusätzlichen Bundesstaat umformen wollte, als ihr wirkliche Freiheit zu schenken. Das Mixgetränk blieb ironischerweise erhalten, ebenso wie die alten US-Buicks, Dodges und Chevrolets aus den 50er Jahren, die – Hunderte Male geflickt und mit viel Einfallsreichtum wiederbelebt – wie Blech-Dinosaurier zwischen den neueren Ladas durch Havannas Straßen knattern. Das aktuelle Symbol für "Cuba libre" sieht heute an manchen Ortseinfahrten anders aus: Ein Dutzend in die Erde gestampfte Cola-Dosen, die zum aluminiumglänzenden sozialistischen Freiheitsstern zusammengesteckt wurden.

"Cuba libre", ein wirklich freies Kuba, wird wohl nach Castro noch einige Zeit auf Eis gelegt bleiben. Auch das scheinbar in Stein gemeißelte schon 48 Jahre andauernde Handelsembargo des großen Nachbarn im Norden, das (vielleicht allzu bequem) für die Misere des Landes verantwortlich gemacht wird, ist nicht so leicht zu schmelzen. Keinesfalls in der starren Ära von Noch-US-Präsident George Bush, der in Havanna plakativ (gemeinsam mit dem Terroristen Luis Carriles) mit Adolf Hitler verglichen wird. Und wer Bush Ende dieses Jahres nachfolgt, wird für eine funktionierende Lösung mindestens das Fingerspitzengefühl eines kubanischen Automechanikers brauchen. Auch was den Abzug der Truppen aus Guantanamo Bay betrifft...


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© Eine Reportage von T. Micke (10-03-08) – Kontakt