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Kryonik-Patienten: Mindestens haltbar bis 12. 2. 2099

Wer nicht an ein Leben nach dem Tod glaubt, kann in Amerika selbst nachhelfen und als Tiefkühl-Konserve auf Wiederbelebung statt auf Auferstehung setzen. Warum für diese Eis-Mumien ein überschrittenes Ablaufdatum nicht das größte Problem sein dürfte.



Eine frische Leiche wird für den Kälte-Sarg präpariert. Das Blut wird durch Frostschutzmittel ersetzt
Picture by ALCOR

"Wollen Sie den nahen Tod eines Mitglieds melden, dann drücken Sie bitte die Taste 1" säuselt die Stimme einer Tonband-Dame, wenn man bei der US-Firma Alcor, dem Pionier in Sachen Tiefkühl-Leichen, anruft. Denn der Tod wartet nicht auf den Ansagetext für Taste 9 des Anrufbeantworters, und im Ernstfall muss ja alles ganz schnell gehen. Schließlich haben die Mitglieder bis zu 150.000 Dollar gezahlt, um sich mithilfe des so genannter Kryonic-Verfahrens eine Variante zum religiösen Leben nach dem Tod offen zu halten.

Der Patient soll dann möglichst bald nach dem klinisch festgestellten Tod bei den Experten von Alcor eingeliefert werden, damit seine Zellen noch am Leben sind und vor allem das Blut noch flüssig ist, um es durch eine frostsichere Speziallösung ersetzen zu können. Dann gehts über ein paar aufwändige Zwischenstufen in einen Edelstahltank, wo der Verstorbene kopfüber hineingehängt und mithilfe von Flüssigstickstoff langsam auf minus 196 Grad heruntergekühlt wird. So ist sein Körper theoretisch haltbar bis in alle Ewigkeit. Denn wo sonst scharfkantige Eiskristalle im Blut und in den Zellen das Gewebe zerstören, lässt das Frostschutzmittel die filigranen Strukturen weitgehend unbeschädigt. Wenn dann in ferner Zukunft die Medizin so weit ist, diese Kryo-Patienten genauso unbeschadet wieder aufzutauen, das (giftige) Frostschutzmittel herauszuwaschen und durch frisches Blut zu ersetzen, dann hoffen die Kryoniker auf ein zweites Leben vorausgesetzt auch die lästigen Probleme mit dem Alterungsprozess und den unheilbaren Krankheiten, die vielleicht zum ersten Tod geführt haben, sind dann lösbar.

Flüssiger Stickstoff kühlt die Leichen auf minus 196 Grad. Hier werden die Körperkopfüber hineingehängt, damit bei einem allfälligen Leck das Hirn als letztes auftaut
Picture by ALCOR

In der Praxis sehen sich die Wissenschafter von heute außerhalb von Alcor freilich noch meilenweit davon entfernt, Menschen unbeschadet einzufrieren, geschweige denn sie ins Leben zurückzuholen. Prof. Udo Losert vom Wiener Insititut für Biomedizinische Forschung im Interview: "Ärzte sind heute schon glücklich, wenn es gelingt, ein Spenderherz für eine Transplantation über 8 bis 12 Stunden während des Transports intakt zu halten. Heutzutage können wir nur einzelne Zellen wie Spermien, Ei- oder Stammzellen einfrieren und sie nach dem Auftauen auch ein paar Jahre später wieder zum Leben erwecken."

Eine frische Leiche wird für den Kälte-Sarg präpariert. Das Blut wird durch Frostschutzmittel ersetzt
Picture by ALCOR

Hier wird dann tatsächlich vor dem mehrstündigen Einfrier-Prozess das Wasser durch Glycerin oder ein anderes Frostschutzmittel ersetzt, das nach dem Auftauen mithilfe einer Zentrifuge wieder gegen eine Nährlösung ausgetauscht wird. Einzelne Zellen sind nach dieser Tortur wieder lebensfähig und können sich teilen und vermehren.

Das Problem liegt für die Forscher aber vor allem darin, dass es schon bei einem kleinen zusammenhängenden Gewebe mit mehreren Zellen nicht mehr möglich ist, das enthaltene Wasser komplett durch Frostschutzmittel zu ersetzen, wodurch beim Einfrieren und Auftauen schwere Eis-Schäden entstehen – für einen komplexen menschlichen Körper also erst recht undenkbar.

Unbeeindruckt davon und natürlich von großer Hoffnung getrieben, lassen sich Patienten beim Konkurrenz-Unternehmen Cryonic Institute sogar mitsamt ihren Haustieren in Eis-Mumien verwandeln. Ben Best, Präsident des Vereins im Interview: "Bei uns sind derzeit 72 Menschen und 42 Haustiere in Cryostase. Eine Katze kostet 5800 Dollar, ein mittelgroßer Hund ebenfalls, bei größeren verlangen wir 300 Dollar Aufpreis pro Kilo. Aber wir haben auch schon Papageien um 700 Dollar das Stück eingefroren."

Er selbst wird sich auch eines Tages in einem der Stahlcontainer zur vorletzten Ruhe begeben: "Für viele Menschen, die bei uns Mitglied werden, ist das keine Frage des Glaubens. Es sind auch Katholiken und Juden darunter. Wenn ein Patient klinisch tot zu uns gebracht wird, so ist das nach unserer Sichtweise so, wie wenn er unter Vollnarkose vor einer schwierigen Operation steht: Das Bewusstsein setzt aus, der Patient wird aber später ins Leben zurückgeholt. In unserem Fall eben erst dann, wenn die Medizin dazu eines Tages bereit ist." Und die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zu allerletzt...


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© Eine Reportage von T. Micke (12-02-06) – Kontakt