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Strahlentherapie: Mit Lenkwaffen und List gegen den Tumor

Neue Methoden im Kampf gegen den Krebs klingen hinterlistiger als moderne Kriegsführung und Guerilla-Taktik. Beschossen wird der Feind mit Gold- und Kohlenstoff-Munition.



Mit einer solchen Maske wird sichergestellt, dass sich der Patient beim Beschuss des Kopftumors mit schweren Ionen nicht bewegt
Picture by Institut für Schwerionenforschung Darmstadt

Das Souvenir, das Adolf Skopek sich von seinem Ausflug zur deutschen Gesellschaft für Schwerionen-Forschung nach Furth (NÖ) mit genommen hat, sieht gefährlich aus. Fast so wie der Folter-Hohlkopf aus dem Leo-DiCaprio-Film "Der Mann in der eisernen Maske". Nur dass der 26-jährige gelernte Zimmermann in die beklemmende Konstruktion aus knochenhartem Kunstharz freiwillig hineinschlüpfte, um eine völlig neue Tumor-Therapie auszuprobieren.

Zweimal war Adolf Skopek zuvor rund acht Stunden lang operiert worden. Was zunächst anhand der Symptome ("Ich seh alles doppelt") für Trunkenheit und dann für die Folgen eines Zeckenbisses gehalten wurde, stellte sich als nachwachsender "halb bösartiger Tumor" heraus. Chirurgen im Wiener AKH entfernten erst ein golfballgroßes Stück wucherndes Gewebe aus dem Kopf des 26-Jährigen. "Beim zweiten Mal war der Tumor schon knackwurstgroß", schildert er im Interview. Er drückte auf den Sehnerv des rechten Auges und war am Hirnstamm angewachsen, weshalb nicht alles entfernt werden konnte. Die Folge: Der Tumor wucherte weiter.

"Solche Krebsarten sind oft mit den üblichen Mitteln nicht in den Griff zu kriegen", erklärt Prof. Dr. Karin Dieckmann von der Strahlentherapie-Abteilung des AKH. "Und die herkömmliche Behandlung mit ultraharten Röntgenstrahlen selbst mit der ebenfalls völlig neuen intensitätsmodulierten Technik ist nicht optimal, weil sie zu einer zu hohen Belastung des Sehnervs und des Hirnstamms führt."

Durch diesen 70 Meter langen kreisförmigen Tunnel werden die Ionen auf beinahe Lichtgeschwindigkeit beschleunigt
Picture by Institut für Schwerionenforschung Darmstadt

Deshalb schickten die Wiener Ärzte Adolf Skopek ins Forschungszentrum nach Darmstadt, wo der nun wieder zwei Zentimeter große Tumor mit so genannten schweren Ionen beschossen wurde. Dabei werden winzige elektrisch geladene Kohlenstoff-Teilchen in einem 70 Meter langen ringförmigen Vakuumtunnel fast auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt und mit perfektem Timing auf das wuchernde, unerwünschte Gewebe abgefeuert. Der Schuss ist so dosiert, die Energie so genau berechnet, dass das Kohlenstoff-Ion im Tumor zum Stillstand kommt und kurz vorher das meiste seiner zerstörerischen Energie mitten im Übeltäter abgibt.

Der Vorteil: Das umliegende gesunde Gewebe (inklusive Sehnerv) wird geschont, während der Großteil der Zerstörung in mehreren Salven und aus verschiedenen Richtungen den Tumor trifft. Adolf Skopek jedenfalls empfand die Behandlung als schmerzfrei. Er bemerkte nur ein paar Lichtblitze und den Geschmack von Chlor, wenn der Ionenstrahl auf seinem Weg zum Tumor während der halbstündigen Behandlung die Seh- und Geschmacksnerven reizte.

Graphik: Wie die Strahlendosis von Schwerionen gleich nach ihrem Höhepunkt am Rand des Tumors stark abfällt
Picture by Institut für Schwerionenforschung Darmstadt

Der Nachteil: Der Tumor und damit der gesamte betroffene Körperteil mit all seinen Organen, durch den die Ionenstrahlen wie ferngelenkte Waffen ins vorgegebene Ziel rasen, sollte völlig ruhig gestellt sein, daher der "eingegipste Kopf", damit der scharfe Schuss nicht danebengeht und Schaden anrichtet. Die Methode ist aber ausbaufähig und trotz der hohen Kosten sehr vielversprechend. Nicht nur in Deutschland werden in den nächsten Jahren einige solcher Schwer-Ionen- und Protonen-Bestrahlungszentren aus dem Boden schießen. Auch im Osten Österreichs, in Wiener Neustadt, geht voraussichtlich 2008 das "MedAustron", ein Krebstherapie-Zentrum mit dieser neuesten Therapie-Methode in Betrieb. 1200 Patienten sollen dort pro Jahr behandelt werden.

Prof. Dieckmann: "Zum Glück gibt es aber auch jetzt schon sehr gezielt eingesetzte Therapien." So kommt bei Prostata-Krebs seit kurzem eine besonders ungewöhnliche, nicht ganz billige Methode zum Einsatz. Dabei werden unter Narkose winzige mit radioaktivem Jod gefüllte Goldstückchen (so genannte "Seeds") mit einer Art Pistole in die Prostata geschossen, sodass die vom Jod ausgesendete Strahlung ebenfalls sehr gezielt das wuchernde Gewebe bekämpft, ohne den benachbarten empfindlichen Dickdarm zu gefährden. Das Gold bleibt nach der Behandlung übrigens in der Prostata...

In einer anderen Abteilung des Wiener Allgemeinen Krankenhauses tüfteln die Onkologen Prof. Christoph Wiltschke und Prof. Christoph Zielinsky im Forschungslabor derzeit an einem Impfstoff gegen Brustkrebs, der ab Mitte dieses Jahres in einer Studie mit Patientinnen erprobt werden soll.

"Die Idee dabei ist", so Prof. Wiltschke im Interview, "dass der Körper durch diese Impfung dazu gebracht wird, Antikörper zu entwickeln, die dann die Krebszellen von selbst erkennen und einen Angriff starten." Was einen solchen Impfstoff zum Beispiel von einem gegen Grippe unterscheidet, ist, dass er nicht vorbeugend verabreicht werden kann. Und dass der Körper den Grippe-Virus von allein als Fremdkörper erkennt. Beim Tumor muss der Körper erst lernen, ausnahmsweise gegen sich selbst vorzugehen.

Medizin wie im Mittelalter: Bei der Belagerung einer Festung waren auch alle Tricks erlaubt
Picture by T. Micke

Bei diesen Angriffen sind, wie bei der Belagerung einer feindlichen Festung, alle listigen Tricks erlaubt: Wenn die direkten Attacken nicht genug Wirkung zeigen, wird auch gegen den Krebs zusätzlich versucht sinngemäß die Wasserversorgung zu zerstören, die Essenslieferungen abzufangen, den Strom abzudrehen oder sich als Verbündeter des Feindes verkleidet einzuschleichen.

"Letztlich", erklärt Prof. Wiltschke, "geht die Entwicklung dahin, dass man eine Kombination verschiedener Methoden einsetzt." Ein Medi-Cocktail, der gleichzeitig verschiedene Strategien gegen die mit allen Wassern gewaschenen Krebszellen verfolgt, die weder Wachstumslimits noch Lebensdauer-Grenzen kennen.

Zu den neuesten Medikamenten wie dem viel gepriesenen "Avastin", das die mittlere Lebenserwartung von Patienten mit schwerem Dickdarmkrebs schon immerhin von drei auf mehr als sechs Monate verlängern soll, werden bald weitere hinzukommen. Dabei wird nicht mehr so sehr die Eroberung und Zerstörung der "Krebs-Festung" im Vordergrund stehen. Es reicht auch schon, wie das Medikament "Glivec" es mit bestimmten Leukämie-Formen vorzeigt, wenn man den Feind möglichst dauerhaft einkesselt, ihn an seiner Ausbreitung hindert und so seine tödliche Mission über Jahre hinaus hemmt. Wünschenswert wäre, diese Lebensverlängerung so weit zu verbessern, dass der Patient zuerst eines natürlichen Todes stirbt, bevor der Krebs zuschlägt.

Wichtig ist trotz all dieser neuen Methoden und Hoffnungsschimmer aber immer noch die Einstellung des Patienten zu seiner Krankheit. Der 26-jährige Adolf Skopek – "Ich hab nur noch auf dem Bett gelegen und ewig geheult" – ist nach der niederschmetternden Diagnose im Jahr 2000 zuletzt kräftig durchgestartet: Mit seiner damaligen Freundin Brigitte ist er inzwischen glücklich verheiratet, die beiden bauen gemeinsam ein Haus. Und Skopek lacht nach der ersten sehr positiven Kontrolluntersuchung übers ganze Gesicht: "Ich hab mir vorgenommen, 100 Jahre alt zu werden."


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© Eine Reportage von T. Micke (20-02-05) – Kontakt