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Das Plastikkorken-Dilemma

Was hat das Aussterben einer Großkatze in Spanien mit einem "korkenden" kalifornischen Wein zu tun? Eine Kettenreaktion, mit der keiner rechnet, wird zum traurigen Beweis, wie leicht das Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur kippen kann.



Naturkork für Rotwein: Weine werden immer öfter mit Kunststoff verschlossen
Picture by T. Micke

"Wenn in Brasilien ein Schmetterling mit den Flügeln schlägt, bricht in Texas ein Tornado los." Mit diesem Vergleich wollte US-Meteorologe Edward Lorenz in einer Rede über die Chaos-Theorie zeigen, wie sehr kleine und große Ereignisse auf der ganzen Welt zusammenhängen können. Oder einfacher gesagt: Winzig kleine Ursache, große Wirkung.

Mit einem solchen Problem kämpfen derzeit Land- und Forstwirtschaftsexperten in Spanien und Portugal: Um dem lästigen, gelegentlichen Stoppeln von in Flaschen abgefülltem Wein ein Ende zu setzen, verwenden Winzer auf der ganzen Welt in den letzten Jahren immer öfter Korken aus Kunststoff.

Der Vorteil: Keine Verluste und peinlichen Situationen mehr durch korkenden Wein (in der Fachsprache: "Wein mit einem Korkfehlton") beim Flaschenöffnen. Der Nachteil: Ein ganzes Ökosystem und seine Tiere könnten durch den allzu bequemen Griff zum Kunstkorken sterben.

98 Prozent aller Weinkorken weltweit stammen nämlich aus den bis zu tausend Jahre alten Korkwäldern Spaniens und Portugals, die bis jetzt als perfektes Beispiel für ein Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur galten: Die Korkeichen werden dort alle neun Jahre geschält. Das heißt, die Korkrinde, die den Baum in diesen trockenen Regionen vor Feuer und Verdunstung schützt, wird vorsichtig abgenommen, der Baum nimmt keinen Schaden, die Rinde wächst wieder nach. In dieser teilweise von Menschenhand geschaffenen Waldlandschaft hat sich über die Jahrhunderte eine Vielzahl von Tierarten eingelebt. Neben Iberischem Königsadler, Kranich und Schwarzmilan auch der Iberische Luchs, von dem es nur noch etwa 150 Stück auf der ganzen Welt gibt.

Korkeichen im Süden Portugals
Picture by T. Micke

Durch den vermehrten Umstieg auf Kunstkorken geraten nun die korkproduzierenden Bauern langsam, aber sicher unter Druck. Und obwohl die Korkeichen in der Region gesetzlich geschützt sind, liebäugeln immer mehr der Betroffenen damit, auf den Anbau von Eukalyptus umzusteigen, der unsinnigerweise auch noch von der EU gefördert wird und dadurch derzeit lukrativer ist als Kork.

WWF-Waldexperte Marc Niggemeyer: "Um dieses empfindliche Ökosystem zu stören, müssen die Korkwälder nicht einmal umgeschnitten werden, was die Regierung zum Glück per Gesetz weitgehend verhindert. Es genügt schon, dass sie nicht mehr bewirtschaftet werden und verwildern. Ohne die Schafe und Ziegen der Bauern wächst außerdem das Gras zwischen den Eichen zu hoch und verdorrt in der Hitze. Brände breiten sich dadurch sehr viel schneller aus und Kaninchen und andere Nagetiere, für die die Korkwälder ein Paradies sind und von denen Luchs und Adler leben, finden nicht mehr genug Nahrung."

"Eine Kettenreaktion, die erst am Anfang steht, die aber in einem Dilemma enden kann", befürchtet Marc Niggemeyer: "Es kann ja leider niemand den Bauern vorschreiben, womit sie ihr Geld verdienen. Ein erster Schritt in die richtige Richtung wäre, die EU-Fördergelder sinnvoller einzusetzen. Ein zweiter, wenn Konsumenten Weinmarken mit Kunstkorken zu vermeiden versuchen." Weinuntersuchungen haben außerdem ergeben, dass schlechte Naturkorken nur zu einem kleinen Bruchteil an verdorbenem, als korkend empfundenem Wein schuld sind. In den meisten Fällen war schlechte Lagerung die eigentliche Ursache.


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© Eine Reportage von T. Micke (16-03-03) – Kontakt