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Erdklima: Hinter uns die Sintflut

Das Wetter spinnt, die Treibhausgase werden immer mehr, und der "Klimawandel wird vielfach einfach ignoriert. Ist die Angst vor dem selbst gemachten "Ende der Welt" nur ein Öko-Schmäh?


Bilder können oft so überwältigend sein, dass das Gehirn die passende Reaktion schuldig bleibt: In Roland Emmerichs Klima-Katastrophenfilm "The Day After Tomorrow" versinkt New York in einer tödlichen Schnee- und Eiswüste. Zum Glück nur Science Fiction, denkt man. Aber was fällt uns außer Kopfschütteln ein, wenn wir ein Paddelboot über Venedigs Markusplatz fahren sehen, wo sonst Tauben auf Pflaster nach Leckerbissen picken? Oder wenn ein mächtiger Gletscher in den Zillertaler Alpen von Mitte letzten Jahrhunderts bis heute zu einem kümmerlichen Bächlein geschmolzen ist? Keine Science Fiction, sondern erschütternde Realität. Und trotzdem springt fast keiner mehr auf und fordert von der Regierung, sofort zu handeln.

Boot mit Flüchtlingen bei der gefährlichen Mittelmeer-Überquerung
Picture by T. Micke

Die Wahrheit ist: Wir haben uns offenbar schon an diese unfassbaren Bilder gewöhnt. Und das geflügelte Wort "Hinter mir die Sintflut..." scheint auf traurige Weise irgendwann durch steigende Meeresspiegel wahr zu werden, wenn man der Mehrheit der Klimaforscher glaubt.

"Was wir derzeit mit unserem Planeten machen, ist, wie wenn man in einem wackeligen Boot aufsteht und herumtanzt", erklärt Prof. Richard Alley, US-Geo-Wissenschafter an der Penn State Universität im Interview: "Kann sein, dass wir kurz davor sind, das Boot zu kippen, kann aber auch sein, dass es nur sanft schaukelt. Wir wissen es nicht."

Um eine Antwort darauf zu finden, werden seit vielen Jahren die leistungsfähigsten Computer der Welt eingesetzt. Findige Forscher nützen jetzt sogar das Internet und die auf diese Weise vernetzten Heim-Rechner für diese Kalkulationen. Jeder, der mithelfen will, kann sich unter www.climateprediction.net ein Stück vom Klima-Rätsel herunterladen und die überschüssige Rechenleistung des PC zur Verfügung stellen. Aber selbst so eine vernetzte Maschinerie, die pro Sekunde viele Milliarden Rechenoperationen schafft, ist nicht in der Lage, mehr als nur Wahrscheinlichkeiten zu liefern. Denn, wann und warum "das Boot kippt", hängt von sehr vielen Dingen ab.

Professor Alley hat in den letzten Jahren mit seinem Forscherteam in kriminalistischer Kleinarbeit bis zu 110.000 Jahre alte Eis-Bohrkerne aus den Tiefen der Antarktis untersucht: Die unterschiedlichen Eisschichten verraten die Niederschlagsmengen auf ein Jahr genau. Eingeschlossene Luftblasen zeigen, wie viel Sumpfgas damals in die Luft gelangte und somit, ob die Sümpfe, etwa in Sibirien, damals aufgetaut oder im Permafrost tiefgefroren waren, wie heute. Und Staub aus Asien und Salzpartikel aus dem Meer verraten, wie viel Wind aus welcher Richtung kam.

Dabei fand Richard Alley heraus, dass das Klima auf unserer Erde mehr als 20-mal in den letzten 110.000 Jahren "gekippt" ist. Einer starken Erwärmung, die oft mehrere Jahrhunderte anhielt, folgte eine starke Abkühlung, die sogar Eis bis an die Küsten Portugals brachte und Afrikas Wüsten eine Zeitlang zu grünen Oasen werden ließ.

Graphik: Die Temperatur-Veränderungen auf der Erde in den letzten 1000 Jahren
Picture by World Health Organisation - WHO

Auslöser für diese Veränderungen des Klimas war, wie im Streifen "The Day After Tomorrow", dass der Golfstrom, der wärmendes Wasser wie ein gewaltiges Fließband aus dem Süden nach Norden transportiert, zum Stillstand kam. "Das passierte in der Vergangenheit zum Beispiel", so Prof. Alley, "wenn durch extreme Gletscherschmelze oder das Brechen natürlicher Dämme mit einem Schlag viel Süßwasser ins Meer gelangte. Dann gefror das weniger salzige Wasser im Winter an der Oberfläche und sank nicht mehr nach unten, wodurch wärmeres Wasser an der Oberfläche nicht nachströmen konnte. Das Fließband bremste sich ab und kam zum Stehen. Die Temperaturen im Norden fielen, jene im Süden stiegen mangels Wasserkühlung aus dem Norden an. Ähnliches könnte die von uns Menschen verursachte Klima-Erwärmung auch bewirken."

Wie kompliziert die Klima-Rechnung wirklich ist, weiß auch die Wiener Meteorologin Prof. Helga Kromp-Kolb, die diese Phänomene gemeinsam mit Klimaforscher Dr. Herbert Formayer in ihrem brandaktuellen "Schwarzbuch Klimawandel" beschreibt (Verlag Ecowin, ISBN 3-902404-14-0): "Genauso gut kann es auch sein, dass ein Gegeneffekt das Ganze wieder ausgleicht. Wenn nämlich das durch den Treibhauseffekt schneller erwärmte Meerwasser leichter verdunstet und dadurch der Salzgehalt der Ozeane an der Oberfläche wieder steigt."

Anteile der Treibhausgas-Emissionen in Österreich im Jahr 2002
Picture by Umweltbundesamt Österreich

Richard Alley: "Da es so viele Faktoren gibt, die wir noch nicht genau kennen, ist das beste Rezept mit Rücksicht auf kommende Generationen: Nicht im Boot herumtanzen und möglichst wenig schaukeln."

Mehr als 140 Staaten weltweit haben ein solches "Tanzverbot" (das berühmte Kyoto-Protokoll von 1997) bis heuer unterschrieben und versprochen, Treibhausgase wie CO² (Verursacher-Anteile: siehe Graphik links), die zur Erderwärmung führen, zu reduzieren. Leider sind es nicht nur "Tanzbären" wie George Bush, der den Treibhauseffekt offenbar seiner Industrie-Lobby zuliebe leugnet und jetzt auch noch im Naturschutzgebiet Alaska nach Öl bohren lässt. Oder "Jurassic-Park"-Bestseller-Autor Michael Crichton, der in seinem neuesten "Reißer" behauptet, die Klimaprobleme seien eine Erfindung radikaler Umweltschützer, die durch Panikmache Spenden kassieren wollen.

Die Abweichung Österreichs bei Treibhausgas-Emissionen vom Kyoto-Protokoll
Picture by Umweltbundesamt Österreich

Auch im von der Wasserkraft verwöhnten, naturliebenden Österreich wird beim Umweltschutz groß geredet und wenig getan. Österreich hatte sich im Kyoto-Protokoll verpflichtet, den Ausstoß von Treibhausgasen von 1990 bis 2010 um 13 Prozent zu senken. Stattdessen stieg der Ausstoß in den ersten neun Jahren um fast 10 Prozent. Um den geplanten Wert jetzt noch zeitgerecht zu erreichen, müsste der Ausstoß um fast 30 Prozent sinken, was wohl unmöglich ist. Prof. Kromp-Kolb: "Und jetzt will auch noch ein Minister den CO²-Ausstoß durch Tempo 160 auf den Autobahnen erhöhen. Und unser Bundeskanzler hält offenbar eine Frist für das Reduzieren der Treibhausgase für unnötig."

"Schlimm ist auch", so die Meteorologin weiter, "dass die meisten Menschen gar nicht wissen, welche Folgen so ein Klimawandel haben könnte. Denn Klimaschutz ist letztendlich vor allem Selbstschutz."

Ein solches Folgen-Szenario kam vor ein paar Jahren von sehr ungewöhnlicher Seite: Der amerikanische Geheimdienst CIA warnte in einem so genannten "Pentagon-Paper", in dem es eigentlich um die Sicherheit der USA vor Terroranschlägen, Kriegen und Eindringlingen ging, vor den Folgen eines Klimawandels. Demnach könnte die durchschnittliche Jahrestemperatur in Europa und Nordamerika bei heftigen Winden und starker Trockenheit langfristig auf minus 5 Grad sinken. In anderen Regionen würden Temperatur und Niederschlag deutlich steigen. Fruchtbare Regionen würden unfruchtbar, Millionen-Städte hätten kein eigenes Trinkwasser mehr. Ein weltweiter erbitterter Kampf um Wasser- und Nahrungsreserven wäre die Folge, und Millionen Klima-Flüchtlinge wären unterwegs.

Europa-Vergleich: Der Ausstoß von Kohlendioxid und seine Veränderung von 1990 bis 2002
Picture by European Environment Agency


Prof. Kromp-Kolb: "Solche Szenarien sind immer gut geeignet, um die Menschen aufzurütteln. Aber wenn man sie in Panik versetzt, nur um durch die täglichen Horror-Nachrichten bis zu ihnen vorzudringen, schießt man über das Ziel hinaus. Und sie klappen die Ohren zu und beschränken sich aufs Jammern. Das eigentlich Schöne ist ja, dass fast keine der geforderten Maßnahmen nicht auch auf andere Weise nützlich wäre. Wer nicht so viel Auto fährt, schont auch das Geldbörsel und verbessert seine Fitness. Und wenn wir es schaffen, die vorhandene Energie besser zu nutzen, hilft das außerdem, die Luftqualität zu verbessern und die Reserven zu schonen, weil man einfach weniger benötigt. Sicher ist leider: Selbst wenn wir jetzt sofort klimamäßig große Anstrengungen unternehmen, können wir die bisherigen Temperatur-Anstiege und ihre Folgen nicht mehr zurückdrehen. Aber wir können zumindest den gefährlichen Prozess bremsen und damit unseren Kindern eine Chance geben, es in der nächsten Generation besser zu machen." (linksstehende Graphik: Der Pro-Kopf-Ausstoß von Treibhausgasen in Europas Ländern im Jahr 1990 und im Jahr 2002)


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© Eine Reportage von T. Micke (03-04-05) – Kontakt