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Keiko: Der Wal hat die Qual

In dem Kino-Kassenschlager "Free Willy" konnte er vor laufender Kamera spektakulär in die Freiheit springen. Im wirklichen Leben begann damit erst die tragische Geschichte seiner Gefangenschaft. Nach 19 Jahren darf Keiko, der Killerwal, nun erstmals ins Meer Nur, wieviel "Killerwal" ist von dem einst so majestätischen Raubtier heute noch übrig?



Orca Keiko (Free Willy Star) im Unterwasser-Gehege der "Free Willy Keiko Foundation"
Picture by T. Micke

Eine Million Zuschauer lockt Keiko, der Killerwal, jährlich nach Newport (USA) ins "Oregon Coast Aquarium". 19 der 21 Jahre seines Lebens hat er in Gefangenschaft verbracht, einen rührenden Film gedreht über einen Wal, der von skrupellosen Freizeitpark-Gangstern misshandelt wird und mit Hilfe eines Jungen in die Freiheit entkommt. – Um dann ziemlich genau diesen Leidensweg seiner Filmrolle am eigenen Leib nachzuvollziehen. Nur das Happy-End fehlt.

76 Millionen Dollar hat Keiko dem Film-Giganten Warner mit "Free Willy" eingebracht. 10 Millionen wird es nun die eigens geschaffene "Free Willy Keiko Foundation" kosten, um den Problemwal demnächst in seine Heimatgewässer vor der Küste Islands bei der Vulkan-Insel Heimaey umzusiedeln. Zuerst in ein spezielles Freigehege von der Größe eines Fußballfeldes. Wenn diese Umgewöhnung an "naturnahe" Lebensumstände gelingt, soll Keiko ins offene Meer entlassen werden.

Die Ironie dabei: Die Details dieses echten Wal-Dramas sind bei weitem aufregender als der ziemlich heuchlerische Tränendrücker "Free Willy". (Für Teil II und III fand man übrigens mit mechanischen Wal-Attrappen das Auslangen. Warum nicht gleich?)

In freier Wildbahn sind Killerwale gefürchtete Jäger, tonnenschwer, muskelbepackt und majestätisch. Genau das macht den Reiz für die Aquariumsbesucher aus: Feuchte Hände, Herzklopfen, Nackenhaare wie Stecknadeln und ein ziemlich mulmiges Gefühl, wenn so ein neun Meter langer Orca lautlos auf die trennende Glasscheibe zuschwebt.


Keiko verkam in Gefangenschaft zur Unterwasser-Marionette, zu einem kränkelnden, bedauernswerten Geschöpf, das wieder aufgepäppelt werden musste wie ein hilfloser Säugling. Ein Dutzend Pfleger und Betreuer rund um Keiko haben Untergewicht, Muskelschwund chronische Hautausschläge, Pilzinfektionen und Darmparasiten ihres Schützlings mit Antibiotika und Vitaminpräparaten halbwegs in den Griff bekommen. Das Meerestier hält es unter Wasser auch schon wieder 17 Minuten ohne Luftholen aus. Früher schaffte Keiko gerade mal drei (!) Minuten.

Derzeit bemüht man sich dem Ex-Räuber das Jagen und Reißen wieder beizubringen. Wer eben jahrelang nur tote, aufgetaute Lachssteaks, Tintenfische und Heringsfilets auf dem Speise-plan hatte, der kann mit glitschigen, panisch herumflitzenden Dorschen nicht sonderlich viel anfangen.

Oder wie Dianne Hammond von der "Free Willy Foundation" im Interview meinte: "Keiko grauste anfangs vor zappelnden Fischen wohl ungefähr so, wie wenn wir Menschen einen lebenden Regenwurm essen müssten."

Wenn Keiko sein Zuhause bei Vestmannaeyjar bezogen hat, kommen aufregende Zeiten auf ihn zu: Kleinere Tiere können ungehindert durch die groben Maschen des Geheges schwimmen. Und erstmals seit fast 20 Jahren wird Keiko wieder all die Geräusche und Stimmen von Artgenossen und Beutetieren wahrnehmen können, die der Ozean bietet.



Anmerkung der Nachlese-Redaktion: Keiko starb fast zwei Jahre nach erscheinen dieses Artikels im Dezember 2003 vor der Küste Islands an einer Lungenentzündung. Wir halten aber an diesem Artikel fest, weil er an Aktualität in Sachen Tierschutz nichts verliert.
< Lesen Sie, wie es mit Keiko weiterging: Ein Besuch beim Orca-Pensionisten vor der Küste Islands

© Eine Reportage von T. Micke (13-09-98) – Kontakt