Die Nachlese

Reportagen und Berichte mit der Keyword-Search suchen... Gegründet 1999 als "Die Nachlese"

ARCHIV INDEX
- Servus-Magazin

- Abenteuer/Reise
- Allgemeinwissen
- Astronomie/Weltall
- Forschung/Hitech
- Fun Stuff/Verrücktes
- Gesund/Umwelt
- Historisches/Antike
- Hobby/Kochen
- Pflanzen/Tiere
- Politik/Wirtschaft
- Sport/Extremsport
- Testautos/Autotests

- Fotos/Bild-Archiv

Translation

Traduction


- Weltbildung-Weblog
- Coole Surftipps
- Über Welt-Bildung
- FAQs/Leserbriefe
- Home/Startseite


Kamikaze-Piloten auf Selbstmordmission: Todeskommando für das Vaterland

Als "Kamikaze-Attacken" wurden die Anschläge vom 11. September auf den World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington oft bezeichnet. Jetzt ist in einem Buch beschrieben, was Japans legendäre Piloten Ende des Zweiten Weltkriegs tatsächlich zu ihren Selbstmord-Missionen trieb.



Schäden nach einem Kamikaze-Angriff auf einen US-Flugzeugträger

Zur Geschichte: Als letzten Ausweg vor der Kapitulation gegenüber den Amerikanern im Zweiten Weltkrieg ersannen japanische Militärstrategen im Herbst 1944 eine neue Taktik, um die US-Armee an ihrer wertvollsten Stelle zu treffen: Mit Bomben bestückte japanische Kampfmaschinen sollten sich gezielt auf amerikanische Flugzeugträger stürzen und diese so zerstören. Selbstmordkommandos aus der Luft – etwas, womit die Amerikaner damals, wie auch im November 2001 in New York und Washington, nicht rechneten.

Durch die Geschichte und auch durch die japanische Kriegspropaganda verklärt, sind die Kamikaze-Piloten von 1944 zu Helden-Legenden aufgestiegen und mögen den Attentätern vom 11. September tatsächlich als Vorlage gedient haben. Man sagte über die Kamikaze (übersetzt bedeutet das Wort so viel wie "Gotteswind") ja auch, sie hätten sich freiwillig zu dieser letzten Reise ohne Wiederkehr gemeldet, dem Vaterland mutig und heldenhaft gezielt das eigene Leben geopfert.

Der in Japan arbeitende ARD-Korrespondent Klaus Scherer ging für sein Buch "Kamikaze – Todesbefehl für Japans Jugend" (Iudicium-Verlag, ISBN 3-89129-728-9) dem Helden-Mythos nach und stieß auf überlebende Selbstmord-Piloten, die auf Sturzflug ins Jenseits abgeschossen wurden oder notlanden mussten und überlebten. Sie erzählen heute eine ganz andere Geschichte, von kollektivem Zwang, von angedrohter Familienschande und einer Militärerziehung, die den teilweise erst 16- und 17-Jährigen das "Nein-Sagen" unmöglich machte.

Ein japanischer Kamikaze-Pilot im Anflug

Kenichiro Onuki, heute 90 Jahre alt und einer der Kamikaze-Piloten von damals, kam mit dem Leben davon, weil seine Maschine beschossen und so schwer beschädigt wurde, dass er nur noch notlanden konnte. Er schildert in dem Buch auf – ganz besonders aus aktueller Sicht – bedrückende Weise, was nach dem letzten Start seines Lebens in ihm vorging: "Vor dem Abflug dachte ich mir, es hat keinen Sinn, über das Sterben nachzudenken. Als ich unterwegs im Flugzeug dann irgendwann auf die Uhr sah und bemerkte, dass es noch etwa zwanzig Minuten Flugzeit waren, überkam mich plötzlich eine wahnsinnige Angst. Ich dachte mir: Was, ich muss jetzt sterben? Kann ich nichts dagegen tun? – Es war eigentlich völliger Widersinn. Ich konnte ja nicht mehr zurückfliegen (Anm.: wegen der mitgenommenen Treibstoffmenge). Noch zwanzig Minuten, und ich würde in Stücke gerissen werden. Immer wieder hörte ich eine Stimme in mir, die sagte: Willst du das so? Ist das richtig so? Ich wusste, dass ich nicht mehr zurück konnte, aber gleichzeitig war etwas in mir, das mir sagte, dass ich nicht sterben wollte. Das breitete sich in meinem Kopf aus. Dann habe ich geschrien, laut geschrien..."


Bill Simmons, damals US-Marinesoldat auf dem Flugzeugträger "Santee", überlebte einen Kamikaze-Angriff mit viel Glück: "Es war ziemlich beängstigend. Man konnte zum Himmel aufschauen und einen Menschen dort sehen, der dazu bestimmt war, sich umzubringen. Für uns war das etwas völlig Neues. Wir dachten, jeder Mensch würde von Natur aus sein Leben bewahren wollen, solange es nur geht. Und wir konnten nicht verstehen, wie jemand bereit sein konnte, so etwas zu tun. Ich kann es heute noch kaum verstehen, wie verzweifelt man sein musste, um das zu machen. Sie beschädigten damit nicht nur unsere Schiffe, sondern auch unsere Moral..."

Fast 6000 junge Männer schickten die japanischen Militärführer auf diese Weise unter dem Deckmantel eines militärischen Ehrenkodex direkt in den Tod. Noch heute werden sie in Japan als Helden verehrt. Buch-Autor Klaus Scherer: "In Japan kam niemand auf die Idee, die Anschläge in den USA als Kamikaze-Flüge zu bezeichnen."

Nicht nur in Flugzeugen wurden die blutjungen japanischen Soldaten übrigens auf ihre letzte Reise ins Heldenparadies geschickt, sondern auch in Ein-Mann-U-Booten, in deren Bug eine Bombe eingebaut war. Ob sie trafen oder nicht: Sie kamen nie mehr zurück.


< Zurück zu Historisches/Antike

© Eine Reportage von T. Micke (04-11-01) – Kontakt