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Island: Tanz auf dem Vulkan

5000 Jahre lang war Vestmannaeyjar eine ruhige Inselgruppe im Nord-Atlantik. Dann, am 14. November 1963, explodierte aus dem Meer in einer gewaltigen Aschen- und Feuersäule ein neuer Vulkan und brachte das jüngste Eiland der Welt hervor. Seither tobt hier die Erde, erstickte bereits ein Stadtviertel und Tausende Lebensträume unter glühender Lava. Und immer noch kämpfen die Inselmenschen gegen die Macht der Natur um ihre Heimat.



Die Hauptinsel Heimaey heute: Lava bildet noch immer Mauern um die Stadt
Picture by T. Micke

Die ersten, die den seltsamen Feuerschein über der Hauptinsel Heimaey entdeckten, waren Seeleute, die am 23. Jänner 1973 von einer Nachtfahrt in isländischen Gewässern heimkehrten: Auf einer Länge von 1,6 Kilometer war im nordöstlichen Teil der Insel die Erde aufgebrochen. Glühendes Magma spuckte meterhoch aus der gespenstischen Spalte in den Nachthimmel und tauchte den Stadtrand des 5000-Seelen-Fischerstädtchens in ein teuflisches Licht. Aber erst als ein schlaftrunkener Inselbewohner die Feuerwehr alarmierte und meinte: "Bei einem unserer Nachbarn, da brennt etwas", wurde Großalarm gegeben. Eine gigantische, zähflüssige Lavawalze begann wenig später auf die ersten Häuser zuzurollen, es regnete Asche und heiße Steinbrocken bis hinunter zum Hafen.

Noch in derselben Nacht wurden sämtliche Einwohner von Heimaey (wo für ein paar Jahre auch Film-Orca Keiko wohnte) mit Hilfe der Fischereiflotte evakuiert, ursprünglich deshalb, weil man Angst vor Gasexplosionen im bewohnten Gebiet hatte. Nur das Nötigste nahmen die flüchtenden Menschen mit, denn niemand rechnete damit, dass der neue Vulkankrater, den man später "Eldfell" ("Feuerberg") nannte, in diesem fünf Monate dauernden Ausbruch die halbe Stadt unter einer 18 Meter dicken, 250 Millionen Kubikmeter umfassenden schwarzen Lavakruste begraben würde.

Notdürftig bei Freunden und Verwandten, aber auch bei wildfremden Helfern auf dem nördlich gelegenen isländischen Festland untergebracht, mussten die verzweifelten Inselbewohner im Regional-TV mit ansehen, wie die Lavawalze unaufhaltsam ein Gebäude nach dem anderen wie ein riesiger, rotglühender Bulldozer dem Erdboden gleich machte. Kein Ende der Katastrophe war in Sicht.

Der Vulkan Eldfell spuckt auf Vestmannaeyjar noch heute Feuer
Picture by T. Micke

Bjarni Sighuatsson, der heute mit seiner Frau wieder auf den Westmänner Inseln wohnt, war damals als 25-Jähriger im Bergungsteam, das in den ersten Wochen nach dem Vulkanausbruch auf Heimaey zu retten versuchte, was möglich war: "Tausende Fenster im noch unbehelligten Westteil der Stadt mussten wir mit Stahlplatten abdichten, weil Eldfell mit jeder Eruption glühende Steine in hohem Bogen über die Stadt feuerte, die die Glasscheiben durchschlugen und die Inneneinrichtung der Häuser in Brand setzten. Und auch die Dächer mussten immer wieder freigeschaufelt werden, damit sie nicht von der Last der meterhohen Asche eingedrückt würden." Freiwillige Helfer und Rettungsteams schufteten rund um die Uhr, um wenigstens einen Teil der Stadt und die lebenswichtigen Fischfabriken am Hafen zu schützen, die bis heute fast 20 Prozent des isländischen Fischexports bestreiten. "Dann tauchte eine neue Gefahr auf", erinnert sich der Fotograf Sigurgeir Jonasson, der heimlich auf Heimaey blieb, um den Ausbruch zu dokumentieren, und noch am 22. März, zwei Monate später, mit ansehen musste, wie das Haus seiner Familie von der Glutwalze zerstört wurde: "Der Lavastrom drohte die Hafeneinfahrt zu verschließen."

Heimaey besaß den einzigen Hafen Südislands, der auch in den heftigen Winterstürmen, die manchmal Windgeschwindigkeiten von bis zu 115 km/h erreichen, einigermaßen für Schiffe und Fischerboote sicher war. Jonasson: "Wenn der Vulkan den Hafen verschlossen hätte, dann wäre die Insel unbewohnbar geworden, die Fischfabriken hätten schließen müssen, die Menschen wären plötzlich nicht nur ohne Zuhause, sondern auch ohne Zukunft dagestanden."

Wissenschaftler aus ganz Europa und den USA boten ihre Hilfe an und entwickelten die ungewöhnlichsten Theorien zur Rettung der Stadt. Eine davon beinhaltete sogar, mit Hilfe des US-Schlachtschiffs "Arizona" ein Loch in die Ostflanke des Eldfell zu schießen, um so die Lava ins Meer abfließen zu lassen.

Aber ein anderer, ähnlich verrückter Plan bekam schließlich den Zuschlag: Zu diesem Zweck ließ die US-Luftwaffe eigens vom Flughafen Chicago besonders leistungsfähige Wasserpumpen einfliegen. Tag und Nacht wurde die 1100 Grad heiße Lavafront nun mit Abermillionen Liter kaltem Meerwasser abgekühlt, kämpften unzählige Feuerwehrleute mit Schläuchen und Schaufeln gegen die vernichtende Urgewalt des "Feuerbergs", um die glühendheiße Lawine nach Osten ins Meer abzulenken.

Um den schützenden Hafen auf der kleinen Fischerinsel Heimaey kämpften die Feuerwehrleute viele Stunden
Picture by T. Micke

Ein monatelanger Kraftakt, der sich lohnte. Als Eldfell im Juni desselben Jahres endlich zu toben aufhörte, waren 417 Häuser zerstört worden. Ein Feuerwehrmann war ums Leben gekommen, aber der Hafen war gerettet und die Insel um gut 20 Prozent größer.

Volle zwei Jahre dauerten die Aufräumarbeiten, die mit Hilfsgeldern aus aller Welt finanziert wurden. Die österreichische Gärtnerei Starkl errichtete sogar aus privaten Spenden in der Nähe des örtlichen Krankenhauses einen kleinen "Wiener Garten" aus besonders strapazierfähigen Büschen und Sträuchern, um möglichst schnell das erste Grün als kleinen Lichtblick in die verbrannte, schwarze Stadt zurückzubringen.

Obwohl viele der ehemaligen Inselbewohner entmutigt in ihren bereits neu gekauften Häusern in und um Islands Hauptstadt Reykjavik blieben, leben heute wieder rund 4600 Menschen auf dem Westmänner-Archipel – der Großteil vom Fischfang: Dorsch, Kabeljau, Schellfisch und Hering, der direkt auf der Insel weiterverarbeitet und bis nach Senegal verschifft wird.

Die, die zurückkehrten, haben eine ganz besonders starke Bindung zu ihrem rauen Insel-Zuhause im Nordatlantik entwickelt:

Kristjan Egelson, der mit seiner Frau Augusta heute in der Stadt ein kleines Fisch- und Vogelmuseum leitet, hatte Glück. Sein Haus im Westen der Insel blieb stehen. "Vestmannaeyjar ist und bleibt unsere Heimat", betont er. "Schon im November 1963 haben wir miterlebt, wie vor der Südküste bei einem mächtigen unterirdischen Vulkanausbruch ein neues Stück Land geboren wurde. Es war faszinierend! Auf dieser anfangs toten Lava-Insel namens Surtsey wachsen heute Gräser und Blumen im Sommer, und die Vögel kommen zum Nisten. Wir wissen, dass wir auf einem Vulkan leben, der jederzeit wieder ausbrechen könnte. Erst letztes Jahr hatten wir ja ausgerechnet um den Nationalfeiertag ein heftiges Erdbeben. Aber es ist nichts Gröberes passiert."

Die Spuren des verheerenden Vulkanausbruchs auf den Westmänner-Inseln von 1963 sind noch heute zu sehen
Picture by T. Micke

Bjarni Sighuatsson steht mit seiner Frau Aurora an diesem kalten, wolkenlosen Herbst-Nachmittag auf der Terrasse seines Einfamilienhauses. Die letzten Blumen in dem kleinen Garten sehen arg mitgenommen aus. Sie wachsen schlecht, sagt Aurora, weil die messerscharfen kleinen Lavabrocken, die der Wind auch heute noch an stürmischen Tagen über die Insel peitscht, die Stängel verletzen und zerschneiden.

Sighuatsson deutet hinüber zum nur 13 Kilometer entfernten isländischen Festland, wo ein gewaltiger Gletscher, der Vatnajökull, der Küstenlinie eine leuchtend weiße Krone aufsetzt: "Unter diesem Gletscher ist vor fünf Jahren ein Vulkan ausgebrochen, der mit dem schmelzenden Gletschereis eine heftige Flutwelle gebildet hat. Diese Welle hat ein acht Kilometer langes Stück des Küstenstreifens mit ins Meer gerissen. Man fürchtet, wenn der Vulkan noch einmal, und diesmal heftiger ausbricht, dass die Flutwelle die Westmänner Inseln erreichen könnte."

"Sie machen sich Gedanken, warum man auf einer solchen Insel überhaupt leben will?", fragt Bjarni Sighuatsson nachdenklich: "Die meisten Menschen auf Heimaey sind hier geboren und aufgewachsen. Das Leben ist bestimmt oft sehr beschwerlich, aber wir haben hier nun einmal unsere Wurzeln. Wir sind das raue Klima gewöhnt und die langen, dunklen Winter. Auch den Vulkan, der immerhin jahrelang nach dem Ausbruch das heiße Wasser und die Heizung für unsere Wohnungen geliefert hat. In den Ferien fahren wir in den Süden, zum Baden in die Sonne oder auch nach Österreich in die Alpen zum Skifahren. Aber wir freuen uns jedes Mal, wenn wir die Inseln wiedersehen. Unsere Familie und unser Schicksal ist einfach mit diesem besonderen Stück Land verbunden, auch wenn es sich Besuchern manchmal wie der Vorhof zur Hölle präsentiert. Und dann fügt er wie zur Bestätigung hinzu: "Übrigens, Sie sollten vielleicht doch morgen Früh den ersten Flug aufs Festland nehmen, wenn Sie Ihre Maschine nach Europa nicht verpassen wollen. Heute ist es zwar noch windstill und die Sonne scheint, aber für morgen wurde dichter Nebel und ein Schneesturm mit Wind bis 90 km/h vorhergesagt. Glauben Sie mir, der Nachmittagsflug wird bestimmt gestrichen..."


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© Eine Reportage von T. Micke (18-11-01) – Kontakt