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Helikopter-Bergung: Gerettet am "seidenen Faden"

In schwindelnder Höhe am Seil unterm Notarzthubschrauber: Wie ein verletzter Bergsteiger seine Rettung erlebt.



Helikopter-Taubergung im Gebirge mit einem Christophorus-Hubschrauber des ÖAMTC
Picture by ÖAMTC

Dieses Seil sieht unglaublich dünn aus. Es zittert bei 75 km/h im Fahrtwind wie ein zum Zerreißen gespanntes 30 Meter langes Gummibändchen. Zehn Stockwerke höher schwebt der gelbe ÖAMTC-Helikopter mit dem Zeichen der österreichischen Bergrettung der blendenden Sonne entgegen und ich mit ihm.

Das Schlagen der Rotorblätter lässt die Luft vibrieren und übertönt meinen rasenden Herzschlag. Am liebsten würde ich jetzt nach diesem Seil greifen, nach dem "seidenen Faden", an dem jetzt mein Leben hängt. Mich daran festhalten, um mich ein bisschen sicherer zu fühlen. Aber ich kann mich keinen Zentimeter bewegen. Meine Hände und meine Füße sind in einer Art Schlafsack zusammengeschnürt. Und obwohl ich sehr bequem liege auf dieser seltsamen Vakuummatratze, würde ich gerne sehen, was sich hinter meinem Rücken unter mir abspielt: 100 Meter Luftstand müssen es mindestens sein, vielleicht auch 400. Und ganz weit unten der Gletscher mit seinen gefährlichen versteckten Spalten.

Manche dieser Spalten sind vielleicht nur mit 10 Zentimeter Schnee bedeckt, der jetzt während der Sommer-Schmelze ganz plötzlich nachgeben kann. Man geht einfach nicht über einen Gletscher, ohne angeseilt zu sein. Sondern verbunden mit den Gefährten, damit, wenn einer abstürzt, die anderen ihn halten können. Man geht auch nicht mit knöchelfreien Turnschuhen ins Hochgebirge, auch wenn die Gummisohle noch so gut auf dem Fels haftet.

In nur drei Minuten ist das Team von "Christophorus 7" in Lienz, in der Luft, fünfzehn Minuten später schwebt der Hubschrauber schon über dem Ködnitzkees zwischen Stüdlhütte und Adlersruhe am Großglockner in etwa 3000 Meter Höhe.

Erfahrener Flugretter des ÖAMTC: Der Tiroler Joe Redolfi
Picture by T. Micke

"Der Knöchel ist gebrochen", schreit Flugretter Joe Redolfi, der neben mir am selben Seil hängt, gegen den Lärm der Rotoren an. Wenigstens sein Lächeln ist in dieser ganzen Situation beruhigend. Immerhin hat der Tiroler schon mehr als 2000 solcher Einsätze hinter sich: am Seil bis zu 500 Meter hoch über Schluchten baumelnd, bei böigem Wind und bei Regen oder Schneefall. Unglaubliche 4300 Kilo hält dieser "seidene Faden" aus, erklärt Joe. Jetzt hängen wir zu dritt daran: Links Joe Redolfi, Ausbildungsleiter der Christophorus-Hubschrauber-Crew, rechts Rettungsarzt Dr. Robert Kovacic aus Lienz. In der Mitte ich mit meinem Knöchel, eingeschnürt wie eine Mumie in den Bergesack, in dem vor mir wohl schon Menschen mit dem Tod gerungen haben müssen. Fälle mit verletzter Wirbelsäule und schweren Kopfwunden. Bewusstlose, die stundenlang auf Joe oder einen seiner Kollegen warten mussten, weil sie nicht, wie ich, einfach via Handy die Notrufnummer 140 wählen konnten.

Eine Taubergung per Hubschrauber aus Sicht des Unfallopfers
Picture byÖAMTC

Ich bin froh, dass es mir nicht so geht wie diesen Menschen. In Wahrheit ist nicht einmal mein Knöchel gebrochen. Joe hat das nur gesagt, damit ich mir bei dieser Übung der österreichischen Bergrettung in Osttirol die Situation besser vorstellen kann. Eine Minute später setzt uns "C7" sanft auf einer Kuhweide in Kals am Glockner ab. Bei einem echten Notfall würde man mich jetzt direkt in den Helikopter verfrachten und ins Spital weiterfliegen. Aber so bin ich nur froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

Am seidenen Faden des Rettungshubschraubers: Der Passagier merkt nichts davon.
Picture by T. Micke

30 Patienten verdanken jede Woche diesen Hubschraubern ihr Leben. 500 so genannte Taubergungen (wie ich sie gerade erlebt habe) wurden 2004 durchgeführt. Und die österreichische Bergrettung hat mit ihren mehr als 11.000 ehrenamtlichen Mitarbeitern in diesem Jahr in Österreich 6221 Verletzte aus Notsituationen geborgen. Bei 127 Menschen kam die Hilfe zu spät.

Seit die Bergrettung 1896 erstmals bei einem Lawinenunglück auf der Rax aktiv wurde, hat sich vieles verbessert: So brauchte man 1959 trotz Hubschrauber-Einsatz noch 30 Stunden, um einen Schwerverletzten aus der berüchtigten Palavicini-Rinne am Glockner-Gipfel zu holen und nach Lienz ins Spital zu bringen. Heute würde dieselbe Bergung deutlich unter einer Stunde dauern.

Anderes ist aber leider noch immer vorsintflutlich veraltet: So wird zwar laut Gesetz die "Rettung" eines Betrunkenen nach einem Zeltfest von der Krankenkasse erstattet, die Kosten eines Verletzten im Gebirge aber nicht. Bestenfalls zahlt die Privatversicherung, wenn es eine gibt. Oder der Gerettete muss selber dafür aufkommen. Schlimmstenfalls bleibt der private Verein "Bergrettung" aber auf den Kosten sitzen. Eine Schande in einem Fremdenverkehrsland, in dem auch der Staat am Tourismus viel Geld verdient und in dem die freiwilligen Helfer fast täglich ihr Leben riskieren.


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© Eine Reportage von T. Micke (28-08-05) – Kontakt