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Hornschlitten á la Kamikaze

Seit "Wetten, dass...?" im Fernsehen, weiß Österreich, dass Hornschlitten zum Verrücktesten zählen, mit dem man eine vereiste Rodelbahn hinunterrasen kann. Ein Test.



High-Tech-Hornschlitten by Reinhard Wallensteiner, Peter Wurm und Alfred Tabernig
Picture by Wallensteiner/Red Bull

"Was, bitte, ist das ???", fragten sich Hunderttausende Österreicher bei einer der letzten "Wetten, dass...?"-Sendungen, als Gottschalk seine Außenwette präsentierte: Der Deutsche Jürgen Baumgarten fuhr mit seinem spike-bereiften Pkw eine vereiste Rodelbahn vier Sekunden schneller hinunter als die drei Osttiroler Reinhard Wallensteiner, Peter Wurm und Alfred Tabernig mit ihrem Hornschlitten. Obwohl sich die Autofahrt des Rallyepiloten als völlig unspektakulär erwies, saßen Österreicher, Deutsche und Schweizer während der Wette doch gebannt vor dem Fernseher, weil die drei Osttiroler mit ihrem Action-Ritt die eigentliche Show lieferten.

Was am Land teilweise heute noch üblich ist, nämlich Holz und Heu auf den guten alten Ziach- (oder Zieh-) Schlitten vom Berg ins Tal zu bringen und dabei als Lenker und Bremser vorneweg zu rutschen, das hat tatsächlich über die Jahre eine moderne Rennsport-Fortsetzung bekommen. Damals riskierten die Bauern ihr Leben, wenn sie mit einer schweren Ladung Feuerholz zu Tal schlitterten, und oft genug endete so eine Fuhre tragisch.

Heute riskiert nur noch eine Handvoll wilder Hunde in Österreich, Deutschland, der Schweiz, Liechtenstein und Italien Kopf und Kragen und wirft sich mit ihren vom Ziach-Schlitten abgeleiteten Spezialanfertigungen mit Sturzhelm, Rückenprotektor und mehr als 100 km/h über blankes Eis zu Tal. Professionelle Wettkämpfe werden in dieser Disziplin ausgetragen, und Österreich stellt mit Reinhard Wallensteiner vom HSC Osttirol den amtierenden Europameister, in einer Sportart, die zumindest in der Stadt keiner kennt.

Reinhard Wallensteiner lädt sofort zu einer Probefahrt ein, als ich von ihm am Telefon etwas über Hornschlitten-Fahren und den Kick dahinter wissen will: "Der Kick? Der Kick ist natürlich die Geschwindigkeit und die irre Fliehkraft in den Kurven", sagt der 28-jährige Maschinist, der im Sommer als "Ausgleichshobby" mit seinen beiden Ko-Piloten schnelle Motorräder über den Staller Sattel nach Südtirol lenkt.

Fast zwei Meter lang ist so ein Hornschlitten, erklärt Wallensteiner, und wiegt bis zu 80 Kilo. Da müssen alle drei Lenker, Bremser und Steuermann schon perfekt zusammenarbeiten, damit man in den vereisten Kurven und Kehren nicht gleich schmerzhaft in die Bande kracht.

Und wie ist das so, mit Tempo 100 auf einer umgebauten Nostalgie-Rodel? "Pass auf, am besten fährst gleich am Wochenende zu meinem Freund Rupert Heindl nach Frankenfels in Niederösterreich. Der war auch Europameister im Hornschlittenfahren und hat dort die schnellste Bahn des Landes. Er ist ein alter Profi, und der nimmt dich eine Runde mit..."

Redakteur beim Testflug mit Hornschlitten in Frankenfels
Picture by T. Micke

Gesagt, getan: Mit etwas mulmigem Gefühl lege ich tags darauf nach Heindls Anweisungen im Texingtal Rennhelm, Spikeschuhe ("Damitst am Start auch richtig antauchen kannst...") und Rückenschutz an.

Rupert Heindl: "Also, Du bist jetzt für diese Fahrt unser Steuermann." – Ich bin was??? Sollte den Steuermann nicht jemand anderer machen? Einer, der das kann? Heindl: "Naja, du kannst dich auch statt mir vorn vor den Schlitten stellen und die Kurven einlenken. Oder du machst in der Mitte den Bremser..."

Zum Glück ist die Bahn heute nicht vereist. Heindl: "Wirst sehen, das wird ganz gemütlich. Musst halt schauen, dass du dich ordentlich in die Kurve legst, damit wir nicht kippen. Und gscheit festhalten , wenn der Karli, unser Bremser, vor den Kehren in die Eisen steigt."

Eine Fahrt, die ich nicht so schnell vergessen werde: Vorn Rupert Heindl mit messerscharfen Stahlplatten unter den Skischuhen, vollem Körpereinsatz und einer Ideallinie, dass ich jedes Detail der ein Meter hohen Holzbande jetzt wie durch die Lupe kenne. In der Mitte Karl Bieder, der so spät und kompromisslos vor den Kehren ins Bremseisen tritt ("Damit kannst den Schlitten auch aus voller Fahrt in zehn Meter zum Stehen bringen..."), dass ich jedes Mal von hinten mit dem Helm voll auf ihn drauf krache. Und hinten ein etwas panischer "Steuermann", der von Kehre zu Kehre hofft, dass er seine Neugier nicht doch noch mit einem Spitalsbesuch bezahlen muss.

Aber das Resümee nach meiner ersten Hornschlitten-Fahrt steht fest: Eine Riesen-Gaudi wenn man in einem Stück unten ankommt...


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© Eine Reportage von T. Micke (09-03-03) – Kontakt