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Flores, die Insel der sieben Zwerge

Das Erbe der Menschheit: 12.000 Jahre alte Knochenfunde auf einer "Märcheninsel" im Indischen Ozean sorgen für Unordnung im "Paradies".



Der Stammbaum des Menschen muss erweitert werden
Picture by Mark Moore

Die australischen Forscher staunten nicht schlecht, als sich das seltsame Puzzle langsam zu einem Bild zusammensetzte: Bei Ausgrabungsarbeiten auf der indonesischen Vulkan-Insel Flores entdeckte ein Team um die Archäologen Peter Brown und John Morwood die Skelette sieben erwachsener, nur einen Meter großer menschlicher Wesen, die mit dem heutigen Menschen, dem Homo sapiens, nur entfernt verwandt sind (siehe Graphik). Die kleinen Abkömmlinge des ausgestorbenen Homo erectus wohnten noch vor 12.000 Jahren zum Ende der Altsteinzeit auf dem damals isolierten Eiland. In einer Epoche also, als sich die Homo-sapiens-Version der Menschen von heute schon viele tausend Jahre lang flächendeckend über die Weltkarte ausgebreitet hatte.

Auf Flores lebten diese "sieben Zwerge" (und natürlich ihre Verwandten) gemeinsam mit "Drachen", riesigen Komodo-Waranen, vor denen sie sich in Acht nehmen mussten, und machten ihrerseits Jagd auf Miniatur-Elefanten. – Zwerge, Drachen und Mini-Elefanten auf einer "vergessenen" Insel? Wenn das nicht nach Märchen klingt.

"Die Geschichte ist wirklich abenteuerlich", gibt der Archäologe Mark Moore lachend im Interview zu: "Bei uns im Ausgrabungsteam läuft gerade der Witz: Nachdem die sieben Zwerge tot aufgefunden worden sind, fahndet die Polizei von Flores jetzt nach Schneewittchen, um die Sache zu klären..."

"Diese Zwergerl-Menschen", meint Prof. Gerhard Weber vom archäologischen Institut der Uni Wien, "werden noch eine ganze Menge von Experten beschäftigen. Von großen Tieren wusste man, dass sie auf isolierten Inseln durch das beschränkte Nahrungsangebot über Tausende von Jahren zu Zwergwuchs übergehen, um auf diese Weise Energie zu sparen. Auf Malta und Sizilien gab es einst auch Elefanten mit einer maximalen Schulterhöhe von hundert Zentimetern. Aber dass dieser Insel-Zwergwuchs auch beim Menschen möglich ist, ist hoch interessant."

Hochentwickelte Steinwerkzeuge des Homo Floresiensis
Picture by Mark Moore

Völlig verblüfft waren die Forscher, als sie beim "Homo floresiensis" hoch entwickelte Steinwerkzeuge fanden, zu deren Herstellung schon viel Geschick nötig ist, das man den kleinen "Insel-Hobbits" aufgrund ihres bescheidenen Gehirn-Volumens von 380 Kubikzentimetern nicht zugetraut hätte. Mark Moore: "Diese Zwergmenschen konnten Feuer machen, selbst gemachte Steinklingen benützen und möglicherweise sogar über das Meer fahren. Das ist weit mehr, als Schimpansen können, und die haben einen etwas größeren Denkapparat."

Interessant sind diese Details auch, weil bis heute nicht geklärt ist, warum bestimmte Menschenarten wie der Erectus oder der Neandertaler ausgestorben sind. Gerhard Weber: "An der Größe des Gehirns allein lag es sicher nicht. Der Neandertaler hatte immerhin ein durchschnittliches Hirnvolumen von 1600 Kubikzentimetern und war durchaus sehr fit, wohingegen wir Homo sapiens nur auf 1350 kommen. Aber vielleicht war der Neandertaler nicht so sozial veranlagt und unterlag deshalb unter schwierigen Lebensbedingungen dem heutigen Menschen über die Jahrtausende."

Was das Aussterben der bis jetzt einzigartigen Zwergmenschen auf der Insel Flores betrifft, so sind sich die Forscher relativ einig, dass ein Vulkanausbruch ihnen und den Mini-Elefanten vor 12.000 Jahren ein Ende machte. Glaubt man aber den heute auf Flores lebenden Menschen, dann soll es bis vor zwei-, dreihundert Jahren seltsame Zwergenwesen auf der Insel gegeben haben, die in Höhlen hausten.

Anscheinend war also der Homo sapiens bis vor kurzem gar nicht allein als "Krone der Schöpfung", sondern hatte einen kleinwüchsigen Vetter im "Paradies", der immerhin so anders war, dass – so Mark Moore – eine Fortpflanzung zwischen ihm und uns, also ein gemeinsamer Ast auf dem Stammbaum, nicht funktioniert hätte.


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© Eine Reportage von T. Micke (21-11-04) – Kontakt