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Südafrikas "Herzkönig" aus Österreich

Dr. Peter Zilla ist Nachfolger des großen Herzchirurgen Christiaan Barnard in Südafrika und betreibt dort Spitzenforschung.



Das "Groote Schur"-Krankenhaus in Kapstadt (Südafrika)
Picture by T. Micke

Eine Sensation, ähnlich aufsehenerregend wie die erste Mondlandung, war es, als Dr. Christiaan Barnard im Dezember 1967 im "Groote-Schuur"-Spital in Kapstadt in einer fünfstündigen Operation seinem 55-jährigen Patienten Louis Washkansky erstmals erfolgreich ein fremdes Herz einpflanzte. Und obwohl Barnard selbst, der gerne und oft Wien und seine Heurigen besuchte, die damalige Leistung immer wieder herunterspielte ("Das Herz ist doch nur eine Pumpe!"), erlangten er und das hochmoderne "Groote-Schuur"-Spital in Südafrika über Nacht Weltruhm.

Mit Dr. Peter Zilla ist jetzt seit 14 Jahren ein Österreicher Nachfolger des großen Barnard, der 2001 im Alter von 78 Jahren verstarb, im Krankenhaus am Kap der Guten Hoffnung. In einer "Klinik unter Palmen", die immer noch ihresgleichen sucht. Denn hier werden nicht nur routinemäßig winzige so genannte "Stents" mit feinem Draht-Maschenwerk in verstopfte Raucher-Arterien eingesetzt, damit die "Blutautobahn" zum Herzen wieder frei ist und Herzklappen transplantiert, damit die "Pumpe" wieder genügend Blut transportiert. Es wird unter der Leitung des Österreichers auch Spitzenforschung betrieben.

Herzchirurg Dr. Peter Zilla und sein großer Vorgänger Christiaan Barnard
Picture by T. Micke

Prof. Dr. Zilla bei einem Besuch in Kapstadt: "Auch wenn Herz- und Bypass-Operationen weltweit schon Routine sind, bleibt immer noch das Problem, dass die Implantate, die wir von Organspendern bekommen und die Prothesen aus Titan, Kunststoff oder Schweine-Gewebe nicht bis in alle Ewigkeit halten. US-Gouverneur Arnold Schwarzenegger zum Beispiel hat nach Komplikationen bei einer Routine-Herzoperation im Jahr 1997 jetzt zwei fremde Herzklappen, die wohl irgendwann in den nächsten Jahren durch neue ersetzt werden müssen. Ein erneuter schwerer Eingriff, den man gerne vermeiden würde."

In der Herzforschungsabteilung des "Groote-Schuur" in Kapstadt arbeiten nun unter Zillas Leitung Ärzte, Biologen, Chemiker und Ingenieure fächerübergreifend an Lösungen für dieses Problem. Vier sündhaft teure Elektronenraster-Mikroskope stehen den Wissenschaftern zur Verfügung, ebenso wie ein vollautomatisches "Ultra-Mikrotom" der Wiener Firma Reichert, mit dem sich Gewebe im Bereich von Millionstel Millimeter schneiden und untersuchen lässt. Eines der ehrgeizigen Ziele der Forscher ist es zum Beispiel, die derzeit verwendeten "Stents", mit denen verengte Adern offen gehalten werden, so zu verbessern, dass sie sich nach der Operation mit der Zeit in körpereigenes Gewebe umwandeln.

Hitech-Wegweiser im "Groote Schur"-Spital in Kapstadt
Picture by T. Micke

Dr. Zilla: "Heutzutage können wir Kunststoff-Gels herstellen, die praktisch unsichtbar für den Körper sind und nicht, wie etwa die bei Operationen oft verwendeten Herzklappen von Schweinen, ohne entsprechende Medikamente als Fremdkörper angesehen und abgestoßen werden. Die Idee ist jetzt die, dass das körpereigene Gewebe an vorherbestimmten Stellen in winzige Hohlräume einer solchen Kunststoff-Prothese hineinwachsen soll. Durch das Einbauen spezieller ,Bio-Schlüssel' aus Peptiden kann man bestimmen, dass ein bestimmter Typ von Zelle andocken und aktiv werden kann und eine andere, die nicht erwünscht ist, nicht. Dieser ,Puzzlestück'-Methode wird in 20 bis 30 Jahren eine entscheidende Rolle beim Regenerieren von Organen spielen. Dass diese Regeneration schon mit Arterien funktioniert, haben wir hier in Kapstadt mit Versuchen nachgewiesen. Aber es wird noch drei bis vier Jahre dauern, bis wir es in der Klinik erproben."

Vorreiter auf dem Gebiet dieses im Fach-Jargon so genannten "Tissue Engineering" war übrigens Peter Zillas ehemaliger Chef Prof. Manfred Deutsch, der bis vor kurzem im Wiener Krankenhaus Lainz die Chirurgie leitete. Dr. Zilla: "Wir haben in Lainz schon vor 22 Jahren Venen-Zellen des Patienten im Labor vermehrt und sie mit ein paar kleinen Tricks auf der Innenseite eines Plastikröhrchens anwachsen lassen, das dem Patienten dann als Ersatz für eine verengte Arterie ins Bein implantiert wurde. Der Körper kommt damit viel besser zurecht, und die neue ,Arterie' verschließt sich nicht schon nach fünf Jahren wieder. Lainz hat sich mit dieser Methode, die dort seit über 10 Jahren sehr erfolgreich praktiziert wird, einen Platz auf der medizinischen Weltkarte gesichert."

Dass bahnbrechende Entwicklungen in der Medizin oft Jahrzehnte brauchen, um weltweit Routine zu werden, ist eines der wenigen Dinge, die Dr. Peter Zilla, der jedes Jahr zum Skifahren mit seiner Frau nach Österreich kommt, in seinem lebensrettenden Traumberuf stören: "Und dass die meisten Forscher so sehr in ihr Spezialgebiet verliebt sind, dass sie nicht fächerübergreifend mit anderen zusammenarbeiten. Was ihn sonst noch stört: Dass es in Südafrika so schwer ist, an eine gute Salami zu kommen. Und dass es hier keine Heurigen gibt..."


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© Eine Reportage von T. Micke (31-10-04) – Kontakt