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Speedskifahren: 0-200 km/h in 11 Sekunden

Andere sind Maurer, Anwalt oder Balletttänzerin. Harry Egger ist von Beruf Speedskifahrer. Er hielt jahrelang den Weltrekord. Mit 248,105 km/h war er der "schnellste Mensch auf Erden". Was steckt hinter dem Mann mit der Maske? Ein geltungssüchtiger Grenzgänger? Wir begleiteten den Osttiroler bei idealen Schneebedingungen erstmals in Österreich bei seiner Tempojagd.



Hochgeschwindigkeitsskifahrer Harry Egger in voller Fahrt
Picture by Christiane Müller/Adventure Press

Unglaublich, wie langsam dieser Mann ist! Er spricht in Zeitlupe, bewegt sich wie ein Chamäleon und lächelt wie eine Buddha-Statue. Irgendwie erwartet man sich einen Typen wie Maurice Greene, den amerikanischen Weltrekord-100-Meter-Läufer: fahrig, quirlig, unter Strom, mit jedem Muskel seines Körpers ständig in Bewegung. Fehlanzeige. Harry Egger ist so ruhig, dass man ihn am liebsten aufwecken möchte. Aber einer, der die Länge eines Fußballfeldes in unter zwei Sekunden bewältigt, der von 0 auf 200 km/h sogar einen Porsche verbläst – und das ohne Airbag, Seitenaufprallschutz und Stahlkarosserie – der geht mit Energieausbrüchen wohl sehr vorsichtig um.

Wir stehen an der Nordflanke des Rüffikopfs oberhalb des Vorarlberger Schnee-Dorados Lech auf 2100 Meter. Ansatzlos kippt der Grat an dieser Stelle nach unten weg. Rundum nackter Fels, auf dem keine Schneeflocke Halt findet, nur eine zwei Meter breite, fast senkrechte weiße Schneise führt nach unten. Gefährlich ragen die Skispitzen in den Abgrund hinaus, vibrieren im Wind. Schwindelgefühl. Wackersteine in der Magengrube. – Hier?!

Harry lächelt sein Buddha-Lächeln und nickt: "Ein Gerüst kommt noch hierher an die Kante, mit einer Startrampe in einem Winkel von 56 Grad."

"Das ist hart am Limit. Schließlich soll er fahren und nicht fliegen", erklärt Harrys Betreuer Martin Schoner: "Schon bei leichten Unebenheiten auf der Piste berühren die 2,50 Meter Skier nur noch alle 20 Meter den Schnee. Da verliert man leicht die Kontrolle. Ansonsten sind jetzt im April ideale Bedingungen für Rekordläufe. Die Schneekristalle sind grobkörnig und rund, und es ist warm, was einen geringeren Luftwiderstand ergibt."

Aber bis zum großen Tag ist noch Zeit. Bis dahin wird trainiert. Unten im "Auslauf", wo man in der Hocke immer noch locker 140 km/h draufkriegt, und in der Kraftkammer.

1,93 Meter ist der Lienzer (Jahrgang 1966) groß, wiegt wuchtige 105 Kilo. Wo die sitzen, fragt man nicht mehr, wenn man sieht, was sich Harry Egger auf die "Beinpresse" auflädt: 500 Kilogramm in Stahlscheiben so groß wie Wagenräder drückt er im Liegen mit den Oberschenkeln nach oben weg. Nicht nur einmal, sondern zehnmal.

Portrait Harry Egger mit Red Bulls Spezialhelm
Picture by Christiane Müller/Adventure Press

Diese Muskelpakete sind Harrys Lebensversicherung, sein Aufprallschutz. Was für Kräfte bei einer Schussfahrt jenseits der 200 km/h wirken, ahnen nicht einmal Hermann Maier und Werner Franz. Das kann man sich nur ansatzweise vorstellen, wenn man mit dem Schweizer Aerodynamiker Charles Bienz spricht, der früher als Raketendesigner in den USA gearbeitet hat, jetzt für das Sauber-Formel-1-Team trickst und auch Harry Eggers Ausrüstung entworfen hat: "Die Skibindung wird vor dem Start aufs absolute Maximum zugedreht, sodass sie blockiert wie ein Schraubstock. Wenn Harry stürzt, dann reißt es sowieso im Bruchteil einer Sekunde den Schuh samt Bindung aus der Verankerung. Auch wenn er besonders unglücklich aufschlägt, dann muss sich der Kevlar-Helm vom Kopf lösen. Der Verschluss hat eine Sollbruchstelle bei 200 Kilo Belastung...

"Sturz" – Das Wort kommt vor den Highspeed-Duellen zwischen Harry und seinen Konkurrenten Philippe Billy aus Frankreich und Jeff Hamilton aus den USA nicht vor. Und doch passiert es. Harry riss es im März 1995 in Les Arcs während der Qualifikation 20 Meter vor der Zeitnehmung den linken Ski weg. Noch mit mehr als 180 km/h schlitterte er auf dem Rücken, vor Schmerz in seinen Helm hineinbrüllend, durch die Lichtschranke. 500 Meter weiter blieb er liegen. Harry hatte Verbrennungen am ganzen Körper, einen Gewebeschock, innere Verletzungen, aber unwahrscheinliches Glück. Keine gebrochenen Wirbel wie Jeff Hamilton, keine gehäuteten Hände wie Pascal Budin. Vier Jahre später fuhr er in Les Arcs Weltrekord. Mit 248,105 knapp 3 km/h schneller als der bisherige Titelinhaber Laurent Sistach (F), 40 km/h schneller als der Innsbrucker Franz Weber bei seinem Rekordlauf 13 Jahre zuvor. 2006 wurde Harrys Rekord von Simone Origone geknackt. Der Italiener raste mit 251,4 km/h durch die Lichtschranke.

Highspeed-Junkie Harry Egger mit seiner Spezialausrüstung in St. Anton
Picture by T. Micke

Und wozu das alles? Für eine blinkende Zahl auf der Leuchtanzeige? Für eine Bestmarke, die keiner begreift? Für Schlagzeilen und Ruhm in einer Welt der sinnlosen Superlative? Die Antwort überrascht: "Als ich 1987 damit begonnen habe, wollte ich imponieren, ich wollte ins Rampenlicht, ganz oben stehen. Seit damals habe ich viel nachgedacht: Ein Leben lang gaukelt uns unsere Konsumgesellschaft vor, welche Statussymbole wir besitzen müssen. Deshalb sind immer mehr Menschen unzufrieden mit sich. Dabei könnte jeder von uns mit der richtigen Einstellung in seiner eigenen kleinen Welt glücklich sein."

"Mein persönliches Glück habe ich in diesem Beruf gefunden: Wenn ich jetzt mit den Skiern nach vorne an diese Kante gehe, dann warte ich darauf, dass es passiert. Dass ich weiß, dass genau jetzt der richtige Augenblick ist. Mein Körper und meine Psyche frei werden, ich loslassen kann. Dann steigt eine Energie in mir auf, die ich nur in diesen besonderen Momenten erlebe. Ein Gefühl des Loslassens, das während der 20 Sekunden eines Laufs so intensiv wird, als hätte ein anderer, viel stärkerer Pilot in mir die Führung übernommen und ich wäre nur noch Beifahrer..."

Am dritten Trainingstag in Lech stürzt Harry Egger im letzten Lauf des Tages schwer. Er überschlägt sich mit "nur" 120 km/h mehrmals, kegelt sich die rechte Schulter aus. Der Traum, den eigenen Temporekord zu knacken, ist ausgeträumt. Zumindest im Augenblick. Denn Harry Eggers Rekordjagd geht weiter.


Anmerkung: Harry Egger sprang 2007 in Chile bei einem Rekordversuch dem Tod haarscharf von der Schaufel. Er hat seine Karriere inzwischen beendet. Das Interview über sein "zweites Leben" lesen Sie auch auf "Die Nachlese".

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© Eine Reportage von T. Micke (15-04-01) – Kontakt