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Skihalle: Girardellis Ski-Konserve

Was naturliebenden Österreichern nur ein entsetztes Kopfschütteln abringt, ist in Wirklichkeit ein genialer Streich. Wir testeten die (bislang) längste Hallen-Skipiste der Welt im Norden Deutschlands.



Ruhrpott-Snowboarder in der Skihalle von Bottrop
Picture by T. Micke

Wie ein fetter, grüner Blechwurm liegt das "Alpincenter" des Austro-Luxemburgers Marc Girardelli im Industrieviertel der Stadt Bottrop im Herzen des Ruhrgebiets zwischen Duisburg, Essen und Bochum. Keine Augenweide, auch wenn gleich nebenan nur Fabrikschlote die dunstige Skyline prägen und der seltsam gekrümmte Gebäudekomplex landschaftsschonend auf einer Kohlehalde errichtet wurde. Aber bei einer Skihalle zählen wohl in erster Linie innere Werte.

Graubraun präsentiert sich der "Ruhrpott" an diesem verregneten Samstagnachmittag im März. Ungemütliche 13 Grad laden höchstens zu einem Ausflug ins Einkaufs-Megaplex ein. Oder eben zum Hallen-Skifahren: Als wäre gleich ums Eck die Talstation der Gletscherbahn, poltert ein Vater mit seiner kleinen Tochter in voller Montur mit Skiern, Stöcken, Skistiefeln über den Parkplatz vor der matschigen Kohlehalde. Ein älteres Pärchen bleibt stehen und schaut den beiden belustigt nach. Nur ein Karibik-Strand wäre für die Szene wohl als Hintergrund noch seltsamer.

Doppelter Fließband-Skilift in der Skihalle von Bottrop
Picture by T. Micke

Gleich nach der Eingangstür das erste Highlight. Wer schon immer einmal wissen wollte, was sein Koffer jenseits des Checkin-Schalters auf dem Flughafen erlebt, bekommt hier das richtige Gefühl: Ein freundlicher Angestellter befördert Neuankömmlinge schwungvoll auf ein Fließband, das in steilem Winkel nach oben durch einen neonbeleuchteten Endlosschacht ins Nichts entschwindet. Beruhigende Einkaufsmusik trällert während der Fahrt aus Lautsprechern an den kahlen Betonwänden, und alle hundert Meter führt ein Notausgang einladend auf die Halde hinaus. Von dem "Koffer-Gefühl" wird man erst befreit, wenn einem auf dem Nachbarfließband ein verschwitzter Skifahrer entgegenkommt oder wenn man endlich nach einer öden Ewigkeit oben angekommen ist.

Hier weist einem dann ein weiterer Mitarbeiter den Weg durch einen Vorhang aus dicken Gummistreifen, der die warme Luft draußen halten soll. Und dann steht da mit etwas Glück der fünffache Weltcup-Sieger Marc Girardelli persönlich zur Begrüßung. "Das gibt's wohl auch nicht alle Tage, dass einer aus Österreich ins Ruhrgebiet zum Skifahren kommt", witzelt er mit Vorarlberger Akzent. Warum ausgerechnet ein Mann der Berge auf die Idee kommt, eine "Ski-Konserve" wie diese im Ruhrgebiet zu bauen? "Warum nicht? Man bringt damit gerade in einer solchen Gegend sehr viele eingefleischte Nicht-Skifahrer dazu, mit Leihausrüstung und Skilehrer-Hilfe erste Schritte im Schnee zu wagen. Und wenn's den Leuten Spaß macht, dann fahren sie später auch nach Österreich und in die Schweiz auf einen richtigen Skiurlaub."

Lokalaugenschein beim Skiverleih: Auch beim Material lässt sich ein Girardelli nicht lumpen. Easy Carver für Anfänger, Allround-Carver für Fortgeschrittene, kurze Fun-Carver mit dicker Bindungsplatte für die Könner. Und natürlich Snowboards in allen Größen.

"Mission Control" in der Skihalle von Bottrop
Picture by T. Micke

Für den gesamten Alpincenter gibt es ein "all inclusive"-Konzept: Das Tagesticket für Erwachsene kostet unter der Woche 35 Euro (Sa./So 45 Euro) und beinhaltet alles Skimaterial alle Liftfahrten, Essen am klaten und warmen Buffet und Getränke (inkl. Wein und Bier). Man kann aber auch nur Morgens, nur nachmittags oder nur abends fahren. Dann wirds billiger (aber auch all inklusive).

Marc Girardelli: "Das Geschäft hat sehr gut begonnen. Die Anlage ist seit Jänner in Betrieb. Inzwischen haben wir an starken Tagen 5000 Gäste, die sich von 9 Uhr früh bis Mitternacht auf der Piste und an der Bar tummeln können. Das ganze Jahr über, bei konstant minus fünf Grad. Wenn's dann im Sommer draußen so richtig herunterbrennt und unsere Sonnenterrasse fertig ist, wird das eine Riesenhetz."

Minus fünf Grad. Erstaunlich. Das glaubt man erst, wenn man wirklich "nach einer weiteren Wärme-Schleuse auf der Kunstschneepiste steht und friert. "Aber dafür geht hier auch kein Wind. 640 Meter sind's vom "Gipfel" bis ins "Tal". Bottrop hat damit die mit Abstand längste Indoor-Skipiste der Welt. 30 Meter ist sie breit und entspricht einem "gemütlichen Familienskigebiet" (blaue bis rote Piste). Oben, wo die "Alm" mit Bergrestaurant untergebracht ist, fährt ein Anfängerlift. Wer bis ins "Tal" wedelt, muss wieder aufs Fließband. Beim Einkehrschwung auf der "Alm" kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus: Bauernmöbel, so weit das Auge reicht, gemütliche Sitzecken, alte Rennfahrer-Fotos zwischen löchrigen Reindln und antikem Ackergerät als Wandschmuck, eine urige Bar mit einer feschen, blonden Freizeitsennerin und im "Stüberl" sogar ein riesiger ausgestopfter Bär, bei dem man sich allerdings sofort misstrauisch fragt, wo der wohl herkommt. Sind's wirklich die traurigen Überreste des letzten Ureinwohners unserer Berge? Oder hat Meister Petz sich während eines Zoo-Spaziergangs unvorsichtigerweise beim Herumstreunen durch die Bottroper Kohlehalden erwischen lassen?

Vertrautes auf der Speisekarte: "Tiroler Gröstl" um 6,50 Euro, "Schlutzkrapfen" und "Jagertee" aber auch "Pommes mit Mayo" um 4,50 Euro. – Und damit der Ruhrländer auch weiß, was genau er da serviert bekommt, befindet sich auf der Rückseite der liebevoll gestalteten Karte noch ein "Almduden" mit Übersetzungen wie: "Brettljaus'n" = Brotzeit.

Zünftige Skihütten-Atmosphäre auch auf der Kohlenhalde im Ruhrgebiet
Picture by T. Micke

Hand aufs Herz: Vom Hallenskifahren im Gruppenkühlfach kann man halten, was man will, aber diese Almhütte übertrifft leider einiges von dem, was bei uns auf den Bergen angeboten wird. Nur an den Blick aus dem Fenster kann man sich schwer gewöhnen.

Das Publikum, das hier Skifahren geht, ist allerdings auch ein ganz anderes als in Schladming, Gastein oder Kitzbühel: Auf einem halben Dutzend Fernsehapparate an den Wänden der Umkleidehalle läuft gerade live auf "Eurosport" der zweite Durchgang eines Riesentorlaufs. Nur die besten fünf sind noch am Start. Hochspannung auch ohne Seeger und Assinger. Aber kein Einziger der gut sechzig Menschen im Raum wirft auch nur einen Blick auf den Hundertstel-Thriller zwischen Maier, Raich und Von Grüningen.

Dafür hat sich eine kleine Menschentraube um einen Ski-Simulator mit Münzeinwurf versammelt, wie er auch im Wiener Prater steht. Nach dem vierten Sturz des virtuellen Rennfahrers auf dem Bildschirm fragt ein Bub seinen Vater besorgt: "Papi, ist Skifahren wirklich so schwer?"


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© Eine Reportage von T. Micke (01-04-01) – Kontakt