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Hagelabwehr: Schutzimpfung gegen zerstörte Ernten

Wiesen und Felder unter Beschuss! Seit es Ackerbau gibt sind die Bauern der sommerlichen Verwüstung durch Hagelgewitter hilflos ausgeliefert. Aber es gibt tatsächlich eine Art "Schutzimpfung" gegen die Eisattacken. Und auch China hat ja bei den Olympischen Spielen den Kampf gegen den Wettergott aufgenommen.



Die größten Hagelgeschoße der Welt messen 18 cm. Aber auch kleine Körner richten jedes Jahr verheerende Schäden in der Landwirtschaft an.
Picture by T. Micke

Die Herren von der Hagelabwehr in Gneixendorf (NÖ) posieren wie "Topgun"-Pilot Tom Cruise vor ihren Maschinen. Der Einsatzbefehl kann jederzeit kommen in diesem Sommer. Die Situation ist labil, der Feind schnell, lautlos, unberechenbar. Und dennoch ist der Einsatz friedlich - wenn auch nicht ungefährlich.

Der "Feind" heißt "Cumulonimbus" und kann - wie Bergsteiger und Paragleiter wissen - in kurzer Zeit zu einem bedrohlichen Wolkenriesen von zehn Kilometer Höhe anwachsen. Er besteht aus winzigen Wassertröpfchen, die in seinem Inneren mit Geschwindigkeiten von bis zu 100 km/h von Winden hinauf- und hinuntergerissen werden. Und er kann unter Umständen eine tonnenschwere Bombenlast abwerfen die als Hagel in nur ein bis zwei Minuten die mühevolle Arbeit eines ganzen Sommers vernichtet. Die größten Eisgeschosse hatten übrigens einen Durchmesser von tödlichen 18 Zentimeter und wurden nach einem Sturm im US-Bundesstaat Nebraska aufgelesen.

Fast ebenso erstaunlich, wie mitten im heißesten Sommer vor gefrorenem Wasser flüchten zu müssen, ist, wie solche Hagelkörner entstehen: Wassertröpfchen gefrieren auch im Sommer in großer Höhe durch die niedrigen Temperaturen, schmelzen aber in der Regel wieder auf dem Weg zur Erde. Wenn aber die Aufwinde innerhalb einer Wolke so stark werden, dass auch kleine Eisbröckchen trotz ihres Gewichts immer wieder immer weiter in die Höhe gezogen werden, dann "backen" sie zu Hagelkörnern von solcher Größe zusammen, dass sie einfach nicht mehr schmelzen, bevor sie schließlich doch mit ungeheurer Wucht die Erde erreichen.

Zu allen Zeiten hätte man gerne ins "Wetterprogramm" eingegriffen, und zumindest in der Theorie scheint das beim Hagel auch zu funktionieren: Größere Regentröpfchen bilden sich im Wasserdampf einer Wolke nämlich erst an winzigen Staubteilchen aus, die durch die Atmosphäre schweben. Wenn man nun eine vermeintliche Hagelwolke mit vielen zusätzlichen solcher Teilchen versorgen kann, vielleicht noch dazu mit solchen, die wie Küchensalz das Wasser auch noch stark anziehen, dann würde es gar nicht zu so großen Eisbrocken in der Wolke kommen. Zumindest wären die Hagelkörner kleiner und weicher und würden weniger Schaden anrichten. Diesen Vorgang, bei dem Flugzeuge zusätzliche Teilchen (winzige, hygroskopische Silberiodid-Kristalle eignen sich dazu am besten) in die Aufwindschläuche großer Cumulonimbus-Türme bringen, nennt man "Wolken impfen".

Die Herren der Hagelabwehr in Unterfladnitz (Steiermark) vor Ihrem Einsatzgerät
Picture by Hagelabwehr Unterfladnitz

Neben Gneixendorf gibt es in Österreich auch in Unterfladnitz (Stmk) noch einen weiteren Stützpunkt von dem aus "Wolken-Schutzimpfungen" durchgeführt werden. Die umgebenden Obst- und Ackerbaugemeinden bezahlen die wagemutigen Piloten dafür, dass sie an die stürmische Basis der Wolkentürme fliegen und mittels eigener Hagel-Brenner Silberiodid-Staub "säen".

Selbst wenn noch kein sicherer Beweis gelungen ist, dass die Wolkenimpferei in der Praxis etwas bringt, so gab es doch eine 19-jährige Studie der Wetterwarte in Wien (ZAMG), die zu dem Schluss kam, dass die Schäden um 40 Prozent abgenommen haben. Dr. Ernest Rudel, Chefklimatologe der ZAMG zur "Krone": "Der wissenschaftliche Beweis, dass die Hagelflieger etwas bringen, fehlt noch immer. Aber es gibt schon sehr deutliche Hinweise. Silberiodid ist zwar ein Desinfektionsmittel und daher giftig, aber die Mengen sind so gering, die Teilchen so klein, dass der Stoff am Boden gar nicht mehr nachweisbar ist. Dagegen ist das Kerosin, das Passagierflugzeuge immer wieder ablassen, eine viel größere Belastung."

Was den Hagel betrifft, dürfte der Klimawandel übrigens für Österreich eher bessere Zeiten bringen. Dr. Rudel: "Mit dem Klimawandel kommt im Alpenraum eher stabiles Hochdruckwetter. Dadurch wird auch die statistische Hagelmenge abnehmen."

Für Unsinn halten viele Wetterexperten allerdings, was in China anlässlich der Olympischen Spiele versucht wird. Im Auftrag des "Zentrums für Wetteränderung" an dem an die 60 chinesische Forscher arbeiten, versucht ein Heer von Mitarbeitern drohende Unwetter während der Sportevents zu verhindern. Auch hier soll Silberiodid mit Raketen in bedrohlich aussehende Wolken geschossen werden, damit diese noch vor den Sportstätten "ausregnen". Glaubt man den Experten, scheitert es hier schon an der Theorie. Dennoch glauben die Chinesen nach jahrelanger "Erfahrung" das Wetter so gut im Griff zu haben, wie die programmierte Medaillenflut...


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© Eine Reportage von T. Micke (17-08-08) – Kontakt