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Gyrokopter: Zweierbob für die

Achterbahnfahren – nur ohne Schienen. Im Zweier-Bob mit 120 km/h durch die Steilkurve des Eiskanals – nur ohne Eiskanal. Ein neues Spielzeug fliegt in den Luftraum über Europa: Der Gyrokopter (auch Tragschrauber genannt) – mit einem Rotor, der nur vom Fahrtwind angetrieben wird.



Der Hauptroter des Gyrokopters wird nicht von einem Motor angetrieben, sondern vom Wind
Picture by T. Micke

"Ui!" sagt der Redakteur zum Fotografen, die schreckgeweiteten Augen in den Himmel gerichtet: "Da hab ich wohl den Mund ein bisserl vollgenommen." Oben, im blauen Himmel über dem unaussprechlichen ungarischen Örtchen Fertöszentmiklós, zieht der 29-jährige steirische Abenteurer-Extremsportler-Pilot Andreas Siebenhofer mit seinem zweisitzigen Gyrokopter Demonstrationsrunde um Runde. Nicht etwa gemächlich, so mit 60, 70 Sachen in glatten, überschaubaren Planetenbahnen rund um den Meidl-Sportflugplatz, bei denen man gerne mitfliegt, um den sonnigen Herbstblick hinüber zum Neusiedler See zu genießen. Sondern mit bis zu 180 km/h, manchmal nur einen Meter über der Grasnarbe, mit radikalen Kurven, übel aussehenden Steigflügen, Querflügen mit der Breitseite voran und Steilspiralen Nase nach unten, bei denen die Grenze zum Absturz nicht mehr weit zu sein scheint.

Am besten die etwas blass gewordene Nase hinterm Helmvisier versteckt, die Zähne zusammengebissen und hinein ins Cockpit. Doch von hinein kann nicht viel die Rede sein: Der Gyrokopter – oder Tragschrauber wie man auch sagt – ist offener als der Olympia-Zweier bei den Winterspielen, ein Go-Kart der Lüfte, ein Bob mit einem österreichischen 115-PS-Turbomotor von Rotax. Der treibt aber erstaunlicherweise nicht die beiden vier Meter langen Rotorblätter überm Kopf an wie bei einem normalen Hubschrauber, sondern den Riesenventilator hinter der Rückenlehne des Co-Piloten. Der "Ventilator" sorgt für Schub nach vorn und erzeugt Fahrtwind. Der Fahrtwind wiederum setzt die beiden vorne leicht nach oben angestellten Rotorblätter in Bewegung, und ab 30 km/h hebt der Gyrokopter ab. Laut Pilot kann man an Tagen mit Windgeschwindigkeiten über 30 km/h auch praktisch senkrecht in die Luft starten. Eben wie ein normaler Helikopter.

Und warum dann nicht gleich ein Hubschrauber? Wozu dieses verwirrende System mit dem Fahrtwind als Antrieb? "Das demonstrier ich dir am besten, wenn wir in der Luft sind", grinst Siebenhofer. Mir schwant Böses. Schließlich ist Andreas Siebenhofer jener Bursche, der vor drei Jahren weltweit für Schlagzeilen sorgte, weil er mit einem motorisierten Paragleiter im "Pausenhof" von Johannes Paul II. im Vatikan landete, um ihm persönlich die Unterschriften von 2000 Golfkriegsgegnern zu überbringen. Dem ist sicher nichts zu verrückt, um eine gute Show zu liefern.

Wie ein Zweier-Bob lässt sich der Tragschrauber durch die Luft manövrieren
Picture by T. Micke

Beim Einsteigen ins Cockpit die nächste Schrecksekunde: Das einzige, das einen in diesem Gyrokopter an den eh schon sehr luftigen Sitz schnallt, ist ein standardmäßiger Linienflugzeug-Gurt für Passagiere. Schwacher Trost: Dafür gibts deutlich mehr Beinfreiheit als in der Economy-Klasse.

Da es absolut windstill ist, werden die beiden Rotoren über uns doch mit Hilfe einer Umschaltmechanik auf Touren gebracht. 300 Umdrehungen pro Minute, die ohne Motor von allein aufrecht bleiben, sobald das Gerät in Fahrt ist. Zehn Sekunden später sind wir in der Luft. Die Länge eines Tennisplatzes hätte als Anlauf locker gereicht. Andi fliegt bei den folgenden Magen-Darm-Manövern zwischendurch so tief, dass ich unseren Fotografen am Boden hinter der Kamera hämisch grinsen sehen kann. Loopings gehen mit so einer Maschine nicht. Aber dafür alles andere, inklusive Stillstand in 2000 Meter Höhe was einen nach ein paar rasenden Kurven fast am meisten verwundert.

Und dann der absolute Alptraum jedes Hubschrauberpiloten: Unser Motor bleibt stehen! Ein Helikopterpilot hat jetzt etwa eine halbe Sekunde Zeit, um das zum Stillstand kommende Getriebe von den Rotoren zu trennen. Wenn nicht, stürzt die Maschine ab wie ein Stein. Der Gyrokopter dagegen, dessen Rotoren ähnlich wie die Flügelsamen des Ahorns funktionieren, die sich im Herbst von den Bäumen "schrauben", geht in einen schnellen, aber sanften Sinkflug über. Andi setzt die Maschine butterweich auf die Piste auf und sagt, während ich noch nach Luft schnappe: "Das ist es, was ich dir zeigen wollte..."

Angetrieben werden diese Gyrokopter vom legendären Rotax-Motor mit 115 PS
Picture by T. Micke

Gyrokopter sind eigentlich keine neue Erfindung und wurden schon im Zweiten Weltkrieg antriebslos als Ausguck für aufgetauchte U-Boote genutzt. Derzeit erleben sie aber dank neuer Technik in Deutschland und den USA einen Boom. Sie kosten in der Anschaffung so viel wie ein besserer Mittelklassewagen und in der Wartung so wenig wie ein Motorrad. In Österreich gibt es bisher ganze zwei Stück, was sich laut Andreas Siebenhofer, der eine Autostunde von Wien auch Pilotenausbildungen macht, in den nächsten Jahren rasch ändern wird. Denn auch der Prototyp eines "fliegenden Autos" mit dieser Technik ist bereits im Entstehen. Nähere Infos dazu gibt es im Internet unter www.gyro.at


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© Eine Reportage von T. Micke (19-11-06) – Kontakt