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Bokito: Ein Gorilla im Liebes-Nebel

King Kong heißt im richtigen Leben Bokito und wohnt im Zoo von Rotterdam. Eine Besucherin war von dem imposanten Gorilla regelrecht verzaubert, kam fast jeden Tag vorbei, baute so etwas wie eine Beziehung zu ihm auf. Jetzt brach Bokito aus seinem Gehege aus und attackierte seine Verehrerin. Aus verschmähter Liebe?


Bokito ist ein Macho von Format: 180 Kilo schwer, eindrucksvolle zwei Meter groß, mit breiten Schultern, kraftvollen Händen und in der Blüte seiner Gorilla-Jahre. Aufgezogen wurde er im Berliner Zoo, nachdem ihn seine Mutter verstoßen hatte, mit der Flasche – wie der Zufall will, von Tierpfleger Reimon Opitz, der jetzt für das Wohlergehen von Eisbär-Star Knut verantwortlich ist.

Mit seinen elf Jahren ist Bokito noch ein junger "Silberrücken", hat aber schon drei Weibchen in seinem kleinen Berggorilla-Harem und zwei Gorilla-Kinder. Die junge Familie wohnt im Blijdorp-Zoo von Rotterdam in einem Gehege mit einem überdachten Teil, an dessen großer Glasscheibe sich Kinder (und manche Erwachsene) die Nasen plattdrücken, und einer dschungelartigen Außeninsel, die ein tiefer, 4,40 Meter breiter Wassergraben von den Zoo-Besuchern trennt.

Man sollte glauben, dass die Affenidylle für den jungen Vater (bis auf die Zoo-Gefangenschaft) perfekt wäre. Bokito belehrte aber seine Betreuer und viele hundert Besucher Ende April eines Besseren, als er mit einem Riesensatz über das Grenzwasser sprang, einer Frau mehrere Knochenbrüche und hundert Bisse zufügte, weitere drei Besucher leicht verletzte und so lange im Zoorestaurant mit Stühlen und Tischen um sich warf, bis ihn ein Pfleger mit fünf Betäubungspfeilen ins Land der Träume schoss.

"Gut ists gegangen, (fast) nix is gschehn", ist man versucht zu sagen, wäre da nicht Yvonne de Horde, die mehrfach und stundenlang operiert werden musste. Ihr Brustkorb war nach der Attacke eingedrückt, mehrere Rippen sowie ein Arm zweimal gebrochen. Und ihre rechte Hand wurde durch den kraftvollen Griff des Gorillas regelrecht zerquetscht.

"Was brachte Bokito bloß dazu, derart auszurasten?", rätselten Betreuer und Tierpsychologen in den ersten Stunden nach dem Vorfall in Zeitungs- und Fernsehinterviews. Immerhin sind Gorillas sehr wasserscheu, und ein solcher Graben galt bis zu diesem Zeitpunkt als unüberwindbare Hürde. Dann wachte Yvonne de Horde aus ihrer Vollnarkose auf und verkündete überraschend: "Ich verzeihe Bokito. Er ist und bleibt mein Liebling!"

Als sich schließlich noch Augenzeugen meldeten und zufällig geschossene Privatvideos ins Internet gestellt wurden, die zeigen, wie die 57-jährige verheiratete Mutter durch die Panzerglas-Scheibe des Innen-Geheges Blickkontakt mit dem Gorilla suchte und mit ihm turtelte ("Schauen Sie, er lächelt zurück!"), ergab sich plötzlich aus dem anscheinend grundlosen Affenangriff ein faszinierendes, wenn auch etwas seltsames Bild.

Primaten-Experte Frans de Waal: "Die Frau hat den Gorilla mehrmals wöchentlich mit ihrer Zoo-Dauerkarte besucht und ihm dabei – vielleicht unabsichtlich – ,schöne Augen' gemacht. Dann ging sie natürlich irgendwann weg. Der Silberrücken war durch das Verhalten seiner Verehrerin offenbar frustriert. Schließlich ist er in einem Alter, in dem Gorilla-Männchen nach Weibchen Ausschau halten. Und in seiner testosterongeladenen Wut war auch der breite Wassergraben kein echtes Hindernis mehr für ihn."

"Ich Bokito, du Jane!", hätte der Gorilla gesagt, als er nach seinem geglückten Weitsprung plötzlich vor der Frau seines Herzens stand. So wird zumindest auf den holländischen Fanseiten gewitzelt, die im Internet seit dem Vorfall entstanden sind. Und Yvonne de Horde muss sich wirklich wie im falschen Hollywood-Film vorgekommen sein, als "ihr Liebling" sie in bester "King Kong-Manier" am Arm mit sich mitschleifte.

Zoodirektor Ton Dorresteijn im Interview: "Ich bin zwar kein Primatenexperte, aber für Frans de Waals Erklärung spricht, dass auch Bokito offenbar nur Augen für die Frau hatte. An diesem Tag war Hochbetrieb bei uns im Zoo, und es standen viele hundert Menschen mit Kinderwagen und Babys in unmittelbarer Nähe. Trotz der entstehenden Panik ging Bokito nur auf diese eine Frau los. Von ihr abgelassen hat er erst, als sie sich klein machte, was ein Gorilla-Mann nach ein paar rituellen Balzbissen von seinen Weibchen als Zeichen der Unterwerfung erwartet."

"Prinzipiell", so der Tiergarten-Direktor weiter, "ist es nichts Besonderes bei uns, dass manche Tiere ihre Fans haben. Einige unserer Gäste besuchen ihre Zoo-Lieblinge regelmäßig, bringen ihnen sogar Geschenke mit, die den jeweiligen Pflegern übergeben werden." Im Berliner Zoo, wo Eisbärchen Knut noch immer die Massen in seinen Bann zieht und Bokito seine Kindheit verbrachte, hat auch der Orang-Utan Mano eine ältere weibliche Dauerverehrerin, die ihm die Langeweile durch die Glasscheibe vertreibt. Und im Schönbrunner Tiergarten in Wien weiß man selbstverständlich auch von Affen-Freaks und Löwen-Groupies.

Ton Dorresteijn: "Der eigentliche Fehler der Frau war, dass sie den Augenkontakt mit Bokito gesucht hat. Gorilla-Männchen empfinden das in ihrem sozialen Umfeld als Bedrohung ihrer dominanten Vormachtstellung." Ein Verhalten, das im mehrfach oscar-nominierten Spielfilm "Gorillas im Nebel" rund um die Primatenforscherin Dian Fossey (gespielt von Sigourney Weaver) eindrucksvoll gezeigt wird.

In den Niederlanden hat indes die Philosophie-Doktorandin Stine Jensen eine Diskussion ausgelöst, die reichlich Material für Talkshows liefert. Dr. Jensen hat nämlich ihre Dissertation zum Thema "Warum Frauen Menschenaffen lieben" ("Why Women Love Apes") geschrieben und nimmt sich im Interview kein Blatt vor den Mund: "Es kann ja wohl kein Zufall sein, dass die meisten bekannten Primatenforscher Frauen sind. Jane Goodall wurde mit ihren hautnahen Beobachtungen über Schimpansen weltberühmt, Birut Galdikas mit ihrer Arbeit über Orang-Utans auf Borneo, und Dian Fossey ließ sich sogar neben ihrem Lieblingsgorilla Digit in den Bergen von Ruanda begraben. Ein Grund ist sicher, dass in der Primatenforschung in der Vergangenheit oft Frauen als Assistentinnen eingesetzt wurden, weil man der Meinung war, sie könnten mit ihrer mütterlichen Art besser auf die Affenkinder eingehen. Ein Klischee, das von Männern gefördert wurde. Aber es gibt auch einen Erotik-Aspekt: Mit Sicherheit spricht das starke Macho-Verhalten der Primaten-Männchen die Ur-Instinkte vieler Frauen an. Und da ist ein zwei Meter großer Silberrücken natürlich der Macho Nummer 1 ! Seine offen zur Schau gestellte Männlichkeit steht im großen Gegensatz zum modernen Rollenbild der Männer in Europa, die bei immer mehr Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau immer weniger in ihrer ursprünglichen Rolle als Ernährer und Beschützer gefordert werden. So ist für mich auch diese ungewöhnliche ,Love Story Anzeichen für ein Gesellschaftsproblem."

Yvonne de Horde wird dieser Tage nach mehreren ärztlichen Eingriffen das Krankenhaus verlassen. Es ist aber noch nicht klar, ob sie ihre rechte Hand je wieder wird gebrauchen können. Ihre Tochter und ihr Mann bemühen sich in der Zwischenzeit, die emotionalen Wogen zu glätten, die nach dem Vorfall in der Öffentlichkeit entstanden sind: Wie bei einem Scheidungskrieg wurde unter anderem gefordert, die Frau solle sich Bokito nur noch auf 100 Meter nähern dürfen.

Bokito, "der wahre King Kong", wie eine holländische Zeitung zynisch titelte, wendet seine volle Aufmerksamkeit inzwischen wieder den drei Gorilla-Weibchen zu und kommt laut Zoodirektor seinen familiären Pflichten nach. Dorresteijn: "Ein Besuchsverbot werden wir über Frau de Horde ganz sicher nicht verhängen. Sie wird ja auch psychisch betreut, und es ist vielleicht wichtig, dass sie ihr Trauma aufarbeitet."

Derzeit darf die prominente Rotterdamer Gorilla-Familie das Innengehege nicht verlassen, weil der Zoo daran arbeitet, den Wassergraben so zu sichern, dass es keine Ausflüge mehr für Bokito gibt. Der Direktor: "Meiner Meinung nach trägt auch Tierpfleger Reimon Opitz vom Zoo in Berlin eine Mitverantwortung an diesem gefährlichen Vorfall, der auch schlimmer hätte ausgehen können. Wenn Primaten wie Bokito von Hand aufgezogen werden müssen, weil die Mutter dazu nicht in der Lage ist, sollte diese Bindung an einen Menschen höchstens zwei Jahre dauern und das Tier danach in eine Gruppe eingegliedert werden. Bei Bokito in Berlin waren es aber sieben Jahre. Das lenkt die Prägung eines Affen zu sehr von seinesgleichen auf den Menschen ab."

Nachdem ein paar Tage lang unter den Bokito-Fans die unberechtigte Angst umging, der junge Gorilla könnte eingeschläfert werden, regen sich nun Stimmen – allen voran aus der von zwei Frauen geleiteten niederländischen Tierpartei – Bokitos Familie solle ausgewildert und in Freiheit gesetzt werden. Bei so viel plötzlicher Anteilnahme kann sich der Zoo natürlich nicht über Besuchermangel beklagen. T-Shirts mit der Aufschrift "Free Bokito" (in Anlehnung an den gequälten Killerwal aus dem Film "Free Willy") werden von Straßenhändlern angeboten, und auch Gorilla-Masken vom letzten Fasching können mit Bokito-Aufpreis verkauft werden, wenn auf der Verpackung zu lesen ist "Bevor deine Freundin dir davonläuft..."


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© Eine Reportage von T. Micke (09-06-07) – Kontakt