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Glocknerkönig: Hobby-Radler im Rennrausch

Bergwertungen sind nicht nur Sache der Fahrrad-Asse, die sich jetzt wieder über die Gipfel der Tour de France quälen. Jeden Sommer findet auf den Großglockner ein Jedermann-Rennen statt, bei dem man die Probleme der Profis ein wenig nachvollziehen kann. Ein Erlebnisbericht.



Beim Glocknerkönig-Radrennen gehört die Hochlapenstraße den Hobby-Radfahrern
Picture by Michael Bernkopf

Sonntagfrüh ist es, und nur die Kühe auf den Weiden rund um Bruck sind normalerweise um diese Zeit schon auf den Beinen. Heute morgen sind es aber zusätzlich noch 1600 Hobby-Radfahrer, die sich um 5.30 Uhr ein Frühstück hineinzwängen, damit sie in zwei Stunden, rechtzeitig zum Start des Glocknerkönig-Radrennens für Jedermann, genug Kraft für die mörderischen Anstiege zum Fuschertörl haben.

Mein Magen rebelliert! Über 1694 Höhenmeter, 27 Kilometer mit bis zu 12 Prozent Steigung, geht's hinauf bis in 2445 Meter Höhe. Schneien könnt's dort oben auch jetzt im Sommer. Das kennt man von den Profirennen im TV und nimmt's vom Sofa aus locker. Aber selber auf dem Fahrrad durchs Schneegestöber müssen?

Noch fünf Minuten bis zum Start, und bis eben hat es noch geregnet. Niemand glaubt dem Platzsprecher, der ständig eine Wetterbesserung durchs Mikrofon verkündet. Heiße fünf Grad hat's jetzt dort oben am Fuschertörl. Reichen die dünne lange Hose und das lange T-Shirt? Sollte ich mehr anziehen? Weniger? Habe ich genug gefrühstückt? Genug zu Trinken mit? Was, wenn ich beim Massenstart stürze und gleich am Anfang nicht mehr fahren kann? Grübeln die anderen auch so viel?

Mit dem Startschuss entlädt sich die Spannung wie ein Blitzschlag. Vorn beginnen die ersten zu rollen, zwei Minuten später hat uns die Welle erreicht. Keiner stürzt, alles geht gut. Sobald wir aus Bruck heraußen sind und sich vor uns die Straße nach Fusch und weiter zur Mautstelle Ferleiten durchs Tal zu winden beginnt, bin ich gefangen vom Rennrausch: Schnellere schieben sich von hinten vorbei, langsamere, die ich überhole, sorgen wieder für Gleichgewicht im Selbstbewusstsein. Nur nicht zu schnell beginnen, nur nicht mitreißen lassen von den anderen. Auf den ersten echten Steigungen, in etwa einer Stunde, da will ich sie wieder sehen, diese allzu schnellen. "Sauer" in den Oberschenkeln, keuchend, weil sie sich jetzt, hier unten, übernommen haben. Dann fahr ich mühelos vorbei, mit einem schönen runden Rhythmus, den ich bis oben halten will.

Die Überholer, aber auch die Überholten werden weniger. Langsam gewöhne ich mich an das Bild der zwei Italiener links, die noch immer wie aufgezogen miteinander reden (Wo nehmen die nur die Luft her?!), an das blaue Hinterrad rechts, das auf dem feuchten Asphalt wie eine Hummel surrt und an die giftgrüne, tanzende Radhose vor mir.

Fusch liegt hinter uns, Fusch und der aufgeregt winkende alte Mann mit der Lederhose und dem zahnlosen Lächeln. Was wohl mehr anstrengt: 30 Minuten Lächeln und Winken, oder 30 Minuten Radfahren?

Nach 40 Minuten erreichen wir die Mautstelle Ferleiten. Es ist, als ob jemand plötzlich den Ton verschluckt hat. Selbst die Italiener haben vor Ehrfurcht aufgehört zu diskutieren. Denn von hier aus, gleich hinter den Schranken mit ihren Mauthäuschen, die heute leer sind, weil die Straße nur für Radfahrer offen ist, geht es nur noch bergauf. Steil bergauf. Gnadenlos steil, bis auf die Kehren, die so eng sind, dass man versucht ist gleich umzukehren, einfach wieder hinunter zu fahren und sich lieber ein ordentliches Frühstück zu gönnen, statt der halben Banane und dem Elektrolyt-Getränk, das in der Fahrradflasche so übel nach Plastik schmeckt.

Das Glocknerkönig-Radrennen lockt nicht nur sportliche Hobby-Radfahrer an
Picture by Michael Bernkopf

Alle horchen sie hier in sich hinein, schalten – klack, klack, klack – weit hinunter, um zu sehen, zu spüren, was die Oberschenkel machen und die Atmung. Das bis jetzt, das waren bloß 15 Kilometer Vorspiel. Jetzt gilt es, den eigenen Rhythmus zu finden. Ein Tempo, mit dem die Atmung noch mitkommt, in einer Haltung, in der die Hände nicht einschlafen.

Fetzen von blauem Himmel zwinkern durch das Wolkeneinheitsweiß. Keine Autos: Wenn man Zeit hat zwischen zwei Pedaltritten, zwischen den Atemstößen nachzudenken, ist das fast das Schönste: Keine Auto- und Buskolonnen, die sich nahe dem Kühlerinfarkt, aus allen Rohren qualmend, die Straße hinaufquälen.

Einer der wenigen Überholer der letzten Minuten reiht sich plötzlich neben mir ein und schaut mit finsterer Miene auf mein Hinterrad: "Du verlierst Luft", sagt er mit Grabesstimme in Tiroler Dialekt. In Panik werfe ich einen Blick aufs Hinterrad, verliere dabei beinahe das Gleichgewicht. Das Hinterrad?! Das sieht doch normal aus, oder? "War nur ein Spaß", kontert der andere und radelt augenzwinkernd sicherheitshalber nach vorne außer Reichweite. Wirklich sehr lustig! Aber nach einer Schrecksekunde muss ich auch lächeln.

Langsam schwinden die Kräfte. Jede Kehre wird zur Oase für die schmerzgeplagten Beine, der Schluck aus der Flasche zur Tortur, weil man jedes Mal beim Schlucken einen bitter nötigen Atemzug auslassen muss. 12 Prozent Steigung. Der Puls galoppiert. Durchbeißen wie daheim auf dem Trainingshügel spielt's hier nicht. Noch acht Kilometer, das ist für einen Husarenritt zu weit. Langsamer treten ist das einzige Rezept, auch wenn sich alles dagegen wehrt. Der Stolz, weil dann die Italiener davonziehen, die innere Uhr, weil dann das Ganze nur länger dauert.

Ankunft am Fuschertörl: Den Renn-Moderator kann man schon von weit unten hören
Picture by Glocknerkönig

Endlich, nach einer Ewigkeit kommt das Fuschertörl in Sicht. In die Stille hinein kann man den Sprecher hören: "Und diese beiden, das sind die letzten, die es noch in unter zwei Stunden schaffen werden..." – Wie schön wär das: Jetzt genauso schnell wie der Schall hier herunter sein, es auch unter zwei Stunden schaffen, absteigen, den müden Beinen, den verkrampften Schultern, den eingeschlafenen Fingern nachgeben und das verklebte Gesicht mit wunderbar kaltem Wasser kühlen...

Es ist noch nicht so weit. "Hexenküche" steht auf einem Straßenschild. Sehr treffend. In meiner Agonie spreche ich den Fahrer neben mir an, der auch gequält schaut: "Komm, die letzten Meter schaffen wir auch noch." Aus Ostdeutschland ist er, erfahre ich später auf dem Parkplatz. Ein begeisterter Hobbyradler aus Leipzig, der zum ersten Mal auf so einem Berg ist: "Super, euer Glockner. Aber der zieht sich schon ziemlich..."

Geschafft! Am liebsten würde ich vor dem Fuschertörl den Boden küssen, aber ich bin so erledigt, dass ich wahrscheinlich nicht mehr von alleine aufkäme. Aber dafür gibt's jetzt endlich ein ordentliches Frühstück!


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© Eine Reportage von T. Micke (13-07-03) – Kontakt