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Die Glocknerstraße mit dem Fahrrad

Vor genau 60 Jahren wurde die Großglockner-Straße eröffnet. Ein persönlicher Reisebericht.


Nach nur fünfjähriger Bauzeit unter dem Kärntner Landesbaurat Franz Wallack wurde am 4. August 1935 die Großglockner Hochalpenstraße mit einem Rennen eröffnet. Seither stellt sie die größte Herausforderung dar, die Österreich Radfahrern zu bieten hat: 47,8 Kilometer mit Steigungen von bis zu 14 Prozent zwischen Bruck und Heiligenblut verlangen nicht nur Profis bei Österreich-Radrundfahrten alles ab. Auch viele Hobbyradler träumen davon, einmal in ihrem Leben die Straße auf den höchsten Berg Österreichs zu bezwingen. Tobias Micke fuhr mit dem Rad 13 Kilometer über mehr als 1200 Höhenmeter von der Mautstelle Ferleiten bis zum Fuschertörl in 2571 Meter Höhe, um das Geburtstagskind zu würdigen.

Ungewissheit im Magen. Das Gefühl, bei einer Prüfung anzutreten, der man nicht gewachsen ist: man weiß weder was noch wieviel geprüft wird. Man weiß nur, dass man antreten muss. Man hat sich ja vorbereitet.

Strahlend schönes Wetter, aber die Fahrt zur Mautstelle wird bereits zum Spiel mit den Nerven. Da steht er, der mächtige Berg und türmt sich majestätisch immer höher vor mir auf. Lächelnd, erhaben, zeigt er sich mit seinem schneebedeckten Mund von seiner besten Seite, alle 500 Meter ein abgedecktes Schneekettenpflicht-Schild als stille Warnung, so als wollte er sagen: "Ich kann aber auch anders!"

Ferleiten, Mautstelle. Wie ein Grenzübergang in eine andere Welt. Touristenhochsaison, vierspurige Blechschlangen. 28 Euro für Autos, 18 Euro für Motorräder. Radfahrer müssen die Benützung dieser Straße nicht in Euro bezahlen. Radfahrer zahlen anders, direkt. Sie zahlen mit Schweiß, mit Kraft und mit dem Wertvollsten, das sie besitzen: mit dem langsam, aber stetig abbröckelnden Siegeswillen. Der ist nicht mit Geld aufzuwiegen. Das weiß der Berg, das weiß der Mann am Schranken, das ahnen sogar die Touristen, die in ihren qualmenden Kisten die 13-Prozent-Steigungen hinauffächzen.

Da steht er nun, der Berg und grinst herausfordernd. Man lässt sich auch nicht zweimal bitten. Vorbei am weiß-roten Mautbalken, vorbei an dem Wärter, der anerkennend lächelt, als wüsste er etwas, was du noch nicht weißt.

Der Tritt in die Pedale ist gewohnt, auch die Übersetzung. Was neu ist, ist die Distanz, die Steigung, das irre Gefühl, unter den Hochdruckreifen wirklich die gewaltige Großglockner Hochalpenstraße zu spüren.

"Bloß nicht, zu schnell!" schießt es mir auf den ersten hundert Metern hundert Mal durch den Kopf. Zum Glück sind vor mir noch zwei andere Radfahrer. Ich versuche, mich ihrem Tempo anzupassen. Aber was ich auch tue, sie rücken näher. Sie haben eine andere Übersetzung, einen anderen Rhythmus.

Zwei alte Hasen: "Grüss Gott!" rufe ich. Freundlich fragt der eine: Wie geht's?" Ich muss lachen. Guter Scherz nach 500 Metern. "Foarst beide?" (Er meint Fuschertörl und Hochtor) "Nein, das ist mein erstes Mal." Er lacht, sieht sich mein Rad, meine Übersetzung an und dann, während ich mich an ihm vorbeischiebe: "Glück auf!" Das sagen doch nur Bergarbeiter, denke ich. Recht hat er! "Bergarbeiter" stimmt ja eigentlich.

Ich versuche in mich hineinzuhorchen, "meinen" Rhythmus zu finden, und plötzlich legt das Dave-Brubeck-Orchester in meinem Kopf los: "Take five" – richtig, die Melodie habe ich gestern vor dem Einschlafen gehört.

Der Tritt wird leicht, der Rhythmus nimmt mich mit. Die Sonne brennt. Ich fühle mich großartig.

Plötzlich raucht ein dicker Bus viel zu knapp neben mir vorbei. Der Gestank von halbverbranntem Diesel und die Motorhitze sind eine knallharte Ohrfeige. Der erste Einbruch. Ich will hinunterschalten, es geht nicht. Ich bin schon im niedrigsten Gang gestartet.

Der Kampf hat begonnen. Ich muss mir etwas einfallen lassen. Mein Blick schweift die Berghänge entlang:

"Schöne Landschaft!" rede ich mir ein. "Die Kühe, das Rauschen des Wasserfalls. Ein Murmeltier pfeift – herrlich!!" Das hab' ich oft geübt. Diese Dinge sind wirklich herrlich. Nur im Augenblick, in diesem Augenblick, da sind sie mir in Wirklichkeit völlig egal. Ich finde den Rhythmus wieder.

Das größte Problem, eigentlich das einzige, ist das Tempo. Ich bin gewohnt, auf Druck zu fahren, habe mich beim Trainieren an mein Optimum herangetastet. Nur hier, auf dem Glockner, soll plötzlich das Minimum heraus, die Sparflamme. Ich will ja nur dort oben beim Fuschertörl ankommen, und wenn's heut' abend ist.

Zwischendurch Parkplätze für die erschöpften Autorfahrer. Ich mag sie, wenn sie am Straßenrand stehen, den Motor abgestellt haben und schauen. "Papi, guck mal!" Der Bub verschluckt sich beinahe an seinem Keks. Papi dreht sich um, und dann schaut die gesamte Familie.

Ich sauge ihre Blicke auf. Sie sind reine Energie. Jeder einzelne bringt mir mindestens fünf Meter. Ich weiß, was sich die Leute denken. Vor mir wieder zwei Radfahrer. Ich hänge mich an, wie man sagt. Beim Bergfahren kein körperlicher, sondern ein psychologischer Vorteil. Der andere erkämpft sich die Straße Meter um Meter. Man selbst radelt eigentlich nur mit, braucht nicht aufs Tempo zu achten.

Kleiner Gipfelsieg am Fuschertörl der Großglockner Hochalpenstraße
Picture by T. Micke

Immer ein kurzer Gruß beim Überholen – man ist schließlich Kollege und Leidensgenosse – und weg, um nicht womöglich selber jemanden hintendran hängen zu haben. Ich bin wieder allein.

Zehn Minuten später, im sogenannten "Hexenkessel", ist es plötzlich da, das Kraftloch. Ich bin zu schnell gefahren, und jetzt sitzt es fett und hämisch in meinen Oberschenkeln. Die Sonne brennt, feuriger Schweiß in den Augen, die Blasen an meinen Handflächen jammern. Zeit zum Aufgeben, denke ich. Etwa Halbzeit.

"Nein, sicher nicht!" sagt eine innere Stimme. Ich stehe aus dem Sattel auf, packe mit aller Kraft in den schweißnassen Lenker. Die Blasen kreischen und sind ganz plötzlich still. Das Blut pocht in der Stirn, mein Unterkiefer tut weh. Ich muss es bis zur nächsten Kehre schaffen, da ist es flach. Da kann ich aufmachen, aus der Flasche trinken und hoffen – leider habe ich nie an diese "isotonischen Durstlöscher" geglaubt.

Die nächste Kehre lässt auf sich warten. Vorher trinken hat keinen Sinn, das geht sich mit dem Luftholen nie und nimmer aus. Da – ein Parkplatz mit einem Bus voller Holländer!

Ich habe Autobustouristen noch nie in meinem Leben so geliebt wie in diesem Moment. Sie lächeln, klatschen mir den Rhythmus. Einer ruft mir etwas zu, gibt mir einen Schubser.

Ich schaffe es bis zur nächsten Kehre, und der Durstlöscher macht sich bemerkbar. Die Beine werden nach anfänglichem Kribbeln – als wären sie ein bisschen gewachsen – wieder leichter. Ich ändere den Griff, die Blasen sind wieder zu spüren – ein gutes Zeichen. Dann taucht das Fuschertörl über mir auf. Ich wusste nicht, dass ein einfaches Steinhäuschen so schön sein kann. Ich bilde mir ein, es schimmert ein wenig golden in der Sonne.

Je näher ich dem Törl komme, desto besser fühle ich mich. Jetzt noch ein Sprint, um den einen, der noch zwischen mir und dem Gipfel liegt, hinter mir zu lassen.

Auf den letzten Metern ging ich ein wie ein zu früh geschöpfter Germknödel, den letzten Mann erwischte ich trotzdem irgendwie. Das Fuschertörl. Nach einer Stunde und 36 Minuten.

Innerhalb einer halben Stunde braute sich ein Unwetter zusammen. Eile war angesagt. Da Fahrräder im Gegensatz zu Autos keine Motorbremse haben, die Betriebsbremsen aber trotzdem ähnlich schnell heißlaufen, konnte ich nur vor den Kehren wirklich bremsen. Für dieselbe Strecke vergingen auf diese Weise bis ins Tal nur 16 Minuten.

Es kommt vermutlich nur auf der sagenhaften Großglockner Hochalpenstraße vor; dass Radfahrer Autos überholen...


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© Eine Reportage von T. Micke (04-08-95) – Kontakt