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Großglockner-Besteigung: Dem Himmel ganz nah

Wenn die Wolken im ersten Sonnenlicht über die 3000er Inseln der Hohen Tauern schwappen und die in Watte gepackte Welt darunter noch dem Tag entgegenschlummert, dann zerfließt im Morgengrauen auf dem Großglockner die Grenzen zwischen Himmel und Erde.



Blick von der Erzherzog-Johann-Hütte (Großglockner) bei Sonnenaufgang
Picture by T. Micke

Sonnenaufgänge sind immer etwas ganz Besonderes. Schon deshalb, weil man sich ungewöhnlich früh aus dem Bett quälen muss, um einen zu erleben, oder weil man es bis zum Morgengrauen noch nicht bis ins Bett geschafft hat.

Ein Sonnenaufgang am Meer, der glüht so richtig vor Romantik – manchmal auch ein bisschen vor Erotik. Ein sanftes, leidenschaftliches Emporsteigen, feurig wie ein Schluck Bacardi auf leeren Magen.

Ein Sonnenaufgang im Hochsommer auf 3450 Meter im ewigen Schnee des Hofmannskees am Fuß des Glockner-Gipfels hat hingegen etwas höchst Dramatisches: Da steht man um fünf Uhr Früh bei Temperaturen um den Gefrierpunkt allein auf der Terrasse der Erzherzog-Johann-Hütte – in klammen Hüttenschlapfen, T-Shirt und Boxershorts, weil man eigentlich nur kurz austreten wollte – und kann sich von dem Dämmerungsthriller am östlichen Horizont nicht mehr losreißen: Wolken rollen in mächtigen Wirbeln aus dem Tal im Tiefflug über das Schneefeld herauf. Schwarz und unheimlich brechen dazwischen die steinernen Schattenkämme der Hohen Tauern durch, verschwinden immer wieder für Sekunden im aufgewühlten Wolkenweiß. Kein Vogelzwitschern, kein Baumrauschen, kein Straßenlärm: eine stumme Symphonie fürs Auge.

Dann, ohne Vorwarnung, das erste Aufblitzen der Sonne: Fast eine kleine Explosion, die für einen Augenblick Wärme und Licht vom Horizont herüber schleudert, dann minutenlang zum milchigen Streulicht verschwimmt, während hier und da Funkenschauer über die hartgefrorene Gletscherschnee-Decke laufen, wo die Wolkenwalzen es zulassen...

Schließlich ruft die Natur zur Ordnung, und wenn man kurze Zeit später zähneklappernd vom stillen Ort zurückkehrt, herrscht wieder Friede am Firmament: Die Wolken sind da, wo sie an einem solchen Tag hingehören, nämlich im Tal, und die Sonne wandert unbeirrt in einen blauen Himmel hinein, der laut Wettervorhersage heute nur den Wanderern im Hochgebirge strahlen wird.

Um sechs Uhr ist Aufbruch. Schon am Vorabend haben wir zwischen zwei Liedern am großen Kachelofen die Steigeisen den Bergschuhen angepasst, damit heute alles schnell und glatt geht.

Beinahe hundert Bergsteiger haben sich gestern kurz vor Einbruch der Dunkelheit in der Erzherzog-Johann-Hütte einquartiert. Zwei von ihnen, die Brüder Martin und Norbert Gratz aus Kals, machen diese Tour bei schönem Wetter sogar zweimal die Woche. Im Marschgepäck immer ihre Trompeten, mit denen sie dem großen Berg zur Freude der anderen Gäste am Abend von der Adlersruhe aus ein Ständchen bringen.

Sie alle wollen heute morgen in Seilschaften von drei bis acht Personen dem 3798 Meter hohen Berg aufs Haupt. Ein rund zweistündiger Wettlauf, der an sonnigen Wochenenden nicht mehr viel mit Alpen-Idyll zu tun hat: Frischer Schnee, der heute Nacht gefallen ist, zwingt die Gruppen im Gänsemarsch hintereinander in eine Spur. Langsamere Seilschaften zu überholen ist verpönt und nebenbei nicht ungefährlich, deshalb siegt verkrampfte Höflichkeit und die Gelassenheit der Bergführer.

Aufsteig zum Gipfel des Großglockner
Picture by T. Micke

Ab dem Kleinglockner (3770 m) ist dann wirklich Trittsicherheit gefragt. Mit Händen und Füßen, die Steigeisen des Vordermanns immer in bedrohlicher Nähe der eigenen Finger, klettert man den Kamm entlang.

Fast wie bei einem Riesentorlauf wurden hier alle paar Meter dicke Eisenstangen in den Fels getrieben, zum Festhalten und damit die Bergführer des Nationalparks ihre "Schäflein" sichern können. Den eigentlichen Sinn dieser Maßnahme versteht man spätestens, wenn der "Gegenverkehr" der zurückkehrenden Glockner-Bezwinger einsetzt.

Nichts für schlechte Nerven ist dann kurz vorm letzten Anstieg das Glockner-Schartl, wo man vom Wind gebeutelt über einen vier Meter langen, stark ausgesetzten Grat an der berüchtigten Pallavicini-Rinne entlangbalancieren muss.

"Ausgesetzt", das nichtssagende Lieblingsvokabel aller Routenplaner, heißt in diesem Fall: verdammt schmal. Schmal wie ein Murmeltier-Hintern, also etwa eine Hand breit. So schmal, dass eine naive junge Dame in Jeans und Designer-Bergschuhen, die die Glocknertour an dieser Stelle gern gegen einen Einkaufsbummel in Lienz getauscht hätte, laut zu ihrem Bergführer nach vorn ruft: "Du, Hans? Warum haben s' denn hier keine Geländer montiert?" Und Hans entgegnet mit einer Ruhe, nur ein wirklich erfahrener Bergführer besitzt: "Weil, Barbara, dann hätten s' gleich einen Sessellift bis hinauf bauen können." Und, das hatte Hans vergessen, weil auf dem Gipfel für einen Sessellift zum Glück kein Platz ist. Da wird nämlich so schon geschoben und gedrängelt wie an der Supermarkt-Kasse, damit jeder, der's geschafft hat, auch von sich ein Beweisfoto mit Gipfelkreuz knipsen lassen kann. Und dann schaut man, dass man schleunigst wieder in Richtung Erzherzog-Johann-Hütte auf bricht, bevor die Nächsten kommen.

Pferdetrekking am Fuß des Großglockner
Picture by T. Micke

Aber all das gehört heute, mit ausreichend Humor betrachtet, zum Gipfelerlebnis Großglockner dazu und sollte keinesfalls über die Schönheit des Nationalparks mit seiner einzigartigen Bartgeier-Kolonie, den Steinadlern, Steinböcken und Gämsen, den Murmeltieren und den ewig blühenden Almwiesen hinwegtäuschen.

Eine besonders schöne Variante der Acht-Stunden-Tour zur Adlersruhe kann man zum Beispiel beim Pferdetrekking genießen, bei dem man von Kals (Osttirol) kommend von Haflingern bis zur Glorerhütte (auf halber Strecke) begleitet wird, die einem die Last auf dem Rücken erleichtern.


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© Eine Reportage von T. Micke (26-08-01) – Kontakt