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Die größten Giftmischer im Tierreich

Mit nur einem Biss kann die giftigste Schlange der Welt theoretisch mehr als 100 Personen töten. Dennoch ist das für uns Menschen gefährlichste Gifttier auf Erden ein ganz anderes. Die Hitliste der größten Giftmischer im Tierreich.



Giftig, aber für den Menschen nicht tödlich ist die in Mitteleuropa verbreitete Kreuzspinne
Picture by T. Micke

Hätte sich Eva im Paradies von der bösen Schlange nicht zum Obstessen verführen, sondern beißen lassen, dann hätte die Sache mit der Schöpfungsgeschichte schnell ein schlimmes Ende nehmen können. Besonders übel wäre sie dran gewesen, wenn sich das Ganze irgendwo in Australien zugetragen hätte. Denn da leben die tödlichsten Giftschlangen unseres Planeten.

Eine kürzlich veröffentlichte Hitliste der giftigsten Tiere der Welt wird allerdings nicht von einer Schlange angeführt, sondern von der im Meer vor der Hawaii-Insel Maui (und in vielen Aquarien) lebenden Krustenanemone, einem so genannten Blumentier, verwandt mit den Korallen. Schon ein zehntausendstel Gramm ihres Giftes ist für den Menschen fatal. Eine tödlich beeindruckende Leistung, an die auch der kleine bunte Pfeilgiftfrosch in den Urwäldern Südamerikas beinahe herankommt. Das auf seiner Haut getragene Gift kann 10 Menschen das Leben kosten. Die Zutaten dafür nimmt er über eine spezielle Ameisen-Termiten-Diät zu sich und entwickelt sie im Körper zu jener tödlichen Mischung weiter, die auch die Ureinwohner Kolumbiens beim Präparieren ihrer Jagdpfeile nutzten.

Während diese beiden Tierarten ihre Giftigkeit durch natürliche Auslese mit der Zeit entwickelt haben, um sich vor hungrigen Feinden zu schützen, geht der bis zu 2,5 Meter lange Inlandstaipan mit seiner Giftmischung in Zentral-Australien auf Jagd. Er ist auf Platz 3 die giftigste Schlange der Welt. 110 Milligramm Gift kann er bei einem einzigen Biss ausstoßen. Eine Menge, die ausreicht, um beispielsweise 250.000 Mäuse zu töten, und ihm im Laufe der Evolution große Vorteile eingebracht hat: Als schlängelnder Räuber braucht er so weder viel Kraft noch Krallen, Reißzähne oder besondere Größe, um seine Beute zu fangen. Und er kann sich im wendigen Schlangenformat auch den schwierigsten Lebensbedingungen seiner Heimat anpassen.

Auf Platz 4 der Gift-Top-10 liegt der Blauring-Krake, auf Platz 5 die Seewespe, eine pazifische Quallenart, die auch wegen der hinterhältigen Wirkungsweise ihres Gifts von einigen Forschern als das giftigste Tier der Welt gesehen wird. Auf Platz 6 folgt Australiens gewöhnliche Braunschlange, dann die ebenfalls in Australien lebende Trichternetzspinne, der gelbe Mittelmeerskorpion, die rote Feuerameise (in den Feuchtgebieten der USA daheim) und die Kegelschnecke, deren hübsches Gehäuse bei Sammlern sehr begehrt ist.

Aber wie findet man den Grad der Tödlichkeit eines Gifttiers heraus, und wie vergleicht man zwei völlig verschieden wirkende Gifte miteinander? Zum einen darf man etwa Malaria übertragende Mücken nicht zu den Gift-Kandidaten zählen, weil Malaria ein Krankheitserreger ist, der die Mücke nur als Transportmittel nützt und kein Gift. Dann muss man ein einheitliches Messsystem entwickeln, was nicht ganz leicht ist. Denn zum Beispiel kann der Inlandstaipan viel größere Mengen seiner tödlichen Fracht im Körper transportieren als etwa die winzige Feuerameise. Deshalb hat man eine (ziemlich makaber klingende) Maßeinheit entwickelt: Die so genannte Lethalitätsdosis (LD-50) berechnet sich aus der Menge Gift, die nötig ist, um in einem Experiment 50 Prozent der Versuchsmäuse zu töten. So kann sich der kleinere aber potentere Pfeilgiftfrosch vor dem großen Taipan einreihen. Und während heutzutage zum Glück kein Mäusemassenmord mehr notwendig ist, um das Gift einer neu entdeckten Tierart zu messen, hat sich diese selten verwendete Maßeinheit erhalten.

Das für den Menschen in der Praxis tödlichste Gifttier ist dennoch überraschenderweise weder der Pfeilgiftfrosch noch irgendein anderes Tier aus der Top-10-Liste. Es handelt sich dabei um die so nützliche und harmlos wirkende Honigbiene. Obwohl ein normaler Erwachsener mehr als tausend Bienenstiche überleben kann, sterben allein in Deutschland jährlich Dutzende Menschen am Gift einer einzigen – wobei Maja, die dabei selbst ihr Leben lassen muss, nichts dafür kann, dass viele Menschen auf Bienengift schlicht und einfach allergisch sind.

Während die einen froh sind, dass sie nicht mit Gifttieren in Berührung kommen, fordern andere dies regelrecht heraus. Der Kugelfisch kann mit seinem Gift theoretisch 30 Menschen auf einen Schlag ums Leben bringen (dieselbe Substanz übrigens, die dem Blauring-Kraken ihren 4. Platz einbringt). Trotzdem gilt er in japanischen Delikatess-Küchen als besondere Spezialität. Die Kunst des Koches besteht darin, beim Ausnehmen gerade so viel von dem Gift im Fischfleisch zu belassen, dass der Kugelfisch-Gourmet eine leichte Taubheit im Mund und ein Kitzeln – im wahrsten Sinne des Wortes Nervenkitzeln – auf den Lippen verspürt. Dass dies manchmal schief geht, kann man gelegentlich in der Zeitung lesen.

Kurioserweise gibt es nur ein einziges Gift versprühendes Säugetier auf der Erde. Das putzige Schnabeltier, das, wie sollte es anders sein, ebenfalls in Australien lebt und eine absolute Nische der Evolution darstellt. Nur die Männchen dieser seltenen, Eier legenden Tierart besitzen an den Hinterbeinen zwei giftige Stachel, die sie beim Kämpfen einsetzen.

An der absoluten Spitze der giftigsten Tiere der Welt steht aber eigentlich nicht die Krustenanemone mit ihrem "Palytoxin", das zu Muskellähmungen im ganze Körper führt, sondern ein winziges Bakterium namens "Clostridium botulinum", das im sauerstoffarmen Boden lebt und an der Luft schnell zerfällt.

Vor allem alternde Hollywoodstars sind mit diesem kleinen Giftmischer vertraut: Aus ihm braut die Kosmetik-Industrie das Zaubermittelchen Botox, das Stirnfalten, Krähenfüße um die Augen und Fältchen um die Lippen glättet, indem es in winzigsten Giftdosen (weniger als ein Millionstel Gramm des reinen Giftes sind für den Menschen angeblich schon tödlich) einzelne Gesichtsmuskeln lähmt. Fast so schlimm wie das tödliche Gift: Schauspieler Mickey Rourke bekam dem Vernehmen nach eine Zeit lang wegen übermäßiger Botox-Spritzerei keine Filmrollen mehr, weil seine Gesichtszüge zu einer beinahe reglosen Maske erschlafft waren, die keine Gefühlsmimik mehr ausdrücken kann.

Aber so wie Botox für kranke Menschen mit starken Schmerzen im Gesicht zur Erlösung werden kann, haben auch die meisten anderen Gifte in der richtigen Dosierung ihren Nutzen. So experimentieren Pharmalabors laufend mit den chemisch äußerst komplizierten Giften der oben erwähnten Top-10 (vor allem dem Pfeilgiftfrosch), um neue Schmerzmittel mit möglichst geringen Nebenwirkungen zu entwickeln. Das Gift des Kugelfisches mildert beispielsweise die Begleiterscheinungen von Drogenentzug. Und das Gift des Skorpions wird bei schweren Operationen eingesetzt, um die Immunabwehr des Patienten zu unterbrechen, sodass etwa fremde Organe bei Transplantationen leichter angenommen werden.


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© Eine Reportage von T. Micke (01-10-06) – Kontakt