Die Nachlese

Reportagen und Berichte mit der Keyword-Search suchen... Gegründet 1999 als "Die Nachlese"

ARCHIV INDEX
- Servus-Magazin

- Abenteuer/Reise
- Allgemeinwissen
- Astronomie/Weltall
- Forschung/Hitech
- Fun Stuff/Verrücktes
- Gesund/Umwelt
- Historisches/Antike
- Hobby/Kochen
- Pflanzen/Tiere
- Politik/Wirtschaft
- Sport/Extremsport
- Testautos/Autotests

- Fotos/Bild-Archiv

Translation

Traduction


- Weltbildung-Weblog
- Coole Surftipps
- Über Welt-Bildung
- FAQs/Leserbriefe
- Home/Startseite


Free Skiing: Süchtig nach Schwerkraft

Wenn bei den Urlaubsgästen am Fuß des Mont Blanc akute Atemnot ausbricht und die Gondeln bei der Bergfahrt auf den Brévent voll mit Sturzhelmträgern sind, dann ist Showtime in Chamonix, dem Mekka der "Free-Skier". Dann schneit es manchmal aus wolkenlosem Himmel, und die weltbesten Schutzengel liefern sich mit Mutter Natur einen Wettkampf auf Leben und Tod.



Freeskiiing Jump beim Snowthrill in Chamonix (Frankreich)
Picture by Red Bull

Nein! Er wird nicht springen, ganz sicher nicht. Das überlebt doch keiner! – Du wirst sehen, er biegt vorher noch nach links ab..."

Den Zuschauern am Fuße des Brévent-Steilhangs stockt der Atem, als Sverre Liliequist als Vorletzter im ersten Finallauf des "Red Bull Snowthrill" wie im Drogenrausch mit Vollgas auf eine 20 Meter hohe Klippe zufährt: Jetzt, jetzt muss er abbiegen, dorthin, wo die anderen auch gefahren sind, das ist die letzte Gelegenheit!" Aber der junge Schwede steuert weiter unbeirrt die fatale Kante an. Das fassungslose Gemurmel Hunderter Zuschauer ist inzwischen sogar trotz des hämmernden Beats im Zielraum und dem Knattern des Kamera-Hubschraubers zu hören. Dem Ansager verschlägt's mitten im Satz die Sprache. Der Imbiss-Mann an der Burrito-Pfanne legt trotz Massenandrangs seinen Löffel zur Seite, um zuzuschauen. Und wer sich einen Feldstecher mit auf den Berg genommen hat, der senkt das Gerät ungläubig in den Schoß, um mit bloßen Augen zu sehen was sich da oben auf dem mehr als 45 Grad steilen Hang anbahnt.

Die, die erst jetzt hinauf schauen, um den Grund für die starrende Menge zu finden, haben es trotz der Entfernung leicht: Auf einer Breite von 20 Metern rieselt da, wo der Fahrer die Stahlkanten in den windgepressten Boden stemmt, ein gewaltiger Schnee-Wasserfall über den dunklen Fels ins Bodenlose. Von oberhalb, wo der Helikopter über der Szene kreist, sieht es so aus, als ob Sverre Liliequist knöcheltief in einem reißenden Bergbach fahren würde, von unterhalb, wo das andere Filmteam im Steilhang wartet, wie wenn es aus blauem Himmel schneit.

Bergdolen segeln neugierig wie Aasgeier über der schmalen Felszunge. Vollsynchron legt jetzt überall auf dem Hang das Dauerfeuer der Hochgeschwindigkeits-Fotoapparate los. Der Hubschrauber der Filmcrew schwebt reglos über der Kante. Ganz Chamonix hält den Atem an!

Sverre – zögert keine Sekunde, bremst nicht ab, um vielleicht noch einen Blick in die Tiefe zu riskieren, sich's doch anders zu überlegen und zurückzusteigen. Lautlos explodiert um ihn herum eine Pulverschneewolke, als er die Beine beim Abheben nach oben reißt, um sauber über die ersten Felsen zu kommen. Fünf Stockwerke tiefer schlägt er schließlich wie eine 80 Kilo schwere Dachlawine in den Schnee ein. – Und fährt einfach weiter, als wär nichts gewesen.

Wie ein Gewitter entlädt sich das Publikum. Bewundernder, fassungsloser Jubel brandet bis hinauf zum jungen Schweden, – der bei den letzten Schwüngen ins Ziel schon die Arme hochreißt. 36.2, trotzdem nur die siebenthöchste Punktezahl, bekommt er für diesen Husarenritt.

Grausam ist die Wettkämpf-Welt: Für die besten Schutzegel vergeben die vier Bewertungsrichter keine Punkte. Was zählt, ist die Schwierigkeit der gewählten Gesamtlinie auf der 600 Meter langen, mit Felsen übersäten Ostwand, außerdem die Flüssigkeit des Laufes, Technik- und Aggressivität des Fahrers und die Kontrolle über Hang und Gerät.

Freeskiing, Landung nach einem Salto in Chamonix
Picture by T. Micke

"Free Skiing", freies Skifahren: Was da – zumindest in Frankreich – als neuer, ultracooler Trend-Sport unbegrenztes Skivergnügen verspricht, bereitet Bergrettung und Tourismusverantwortlichen hierzulande graue Haare.

"Erwischen lassen derfst di bei uns halt net", tönt es im Gleichklang von Österreichs drei "Snowthrill"-Teilnehmern vom vergangenen Wochenende: Lois Koidl (34) und Alex Häfele (24) schieden im Vorlauf von Chamonix nach spektakulären Stürzen unverletzt aus, Cornelia Danzl wurde bei den Damen mit zwei kontrollierten Läufen hervorragende Vierte.

Kontrolle ist oberstes Gebot dieser Extrem-Sportart, bei der grundsätzlich mit Sturzhelm, Wirbelsäulenschutz und Lawinenpiepserl gefahren wird. Überbreite Geländeskier sorgen. für ein Maximum an Auftrieb und hohe Laufruhe. "Wenn's einen allerdings zerlegt, dann geht's ordentlich dahin!", schildert Lois Koidl, Architekt aus Kitzbühel. Drei, vier, fünf unfreiwillige Saltos hintereinander sind auf einem Hang wie in Chamonix keine Seltenheit. Bei einem Gefälle von bis zu 100 Prozent kein Wunder. Da ist es den Fahrern lieber, dass sie die Skier bei einem Kapitalsturz nicht verlieren. Denn nur mithilfe der Bretter lässt sich die Purzelbaum- und Salto-Orgie gezielt beenden.

Nicht selten setzen die Läufer nach einer solchen Einlage ihre Fahrt ohne wirklich zum Stehen zu kommen fort. Denn die Uhr läuft. Und der spektakulärste Stunt bringt nichts, wenn der Fahrer das Zeitlimit überschreitet. Nur die ganz Harten steigen ins Finale der Top Ten auf.

Die allerdings werden in Chamonix umschwärmt wie Popstars: Ehrfurcht und Hochachtung für die Kamikaze-Ladies, glutäugige Blicke und aufgeregte Groupies mit feuchten Händchen für die letzten wahren Männer. Todesmut ist eben nicht nur beim Stierkampf und in Acapulco sexy. Macht – und sei es jene über die Naturgewalten – macht begehrenswert. Bleibt nur die Frage offen, welche Mutter sich einen Schwiegersohn wünscht, der wie der Franzose Maitre Romain, über eine zwölf Meter hohe Felsklippe aus voller Fahrt auch noch einen Salto hinlegt.


< Zurück zu Sport/Extremsport

© Eine Reportage von T. Micke (05-03-00) – Kontakt