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Formel-1: Sag, wie macht das der Prüller?

WM-Finale der Formel 1 in Jerez – wie immer kommentiert von Heinz Prüller. Seine Fernseh-Reportagen sind legendär, aber seinen Arbeitsplatz kennt niemand.



Formel-1 Tests in Le Castelet
Picture by T. Micke

Jerez in Spanien: traditionsgemäß Schauplatz spannender Formel-1-Läufe – beinahe so traditionell wie Heinz Prüller am Grand-Prix-Mikrofon. Nur – wer weiß schon, wo und unter welchen Umständen der TV-Kommentator arbeitet?

Ein Grand Prix mit Heinz Prüller ist legendär, manchmal auch amüsant: dann, wenn der Motorsport-Starreporter ein spektakuläres Überholmanöver übersieht, dieses aber eine Kurve später umso dramatischer nachliefert (z.B.: "Beeergeeer!!! Geeerhaaard Beeergeeer hat den Führenden Hiiill überholt!!!"). Aber einmal einen ganzen Formel-1-Lauf direkt neben Altmeister Prüller in der Kommentatoren-Box zu verbringen ist aufregender als ein Dreher am Ende der Start-Geraden und brutaler als ein Motorschaden in der letzten Runde.

Als Prüller eine Stunde vor Start ins Kommentatoren-Kammerl über der Haupttribüne geschlurft kommt und aus seiner Sporttasche nur ein paar vollgekritzelte Zettel kramt, bin ich erst einmal maßlos enttäuscht. Keine fünfbändige Motorsport-Enzyklopädie (von Alesi bis Zanardi), kein Bildband "Wer ist wer der Boxenstraße". Nicht einmal das Handbuch "Gerhard Berger – ein Leben in Braus und Saus" hat er dabei. Und ich dachte immer, der Prüller ertrinkt hinter laufender Kamera in einem Berg von Papierkram, weshalb ihm vielleicht manchmal der Blick auf den Monitor versperrt ist...

Also woher, um Himmels willen, nimmt Heinz Prüller dann all die Anekdoten und Histörchen, mit denen er Seher und Hörer pausenlos während der Formel-1-Übertragungen füttert?

Die Antwort ist beeindruckend und erschreckend zugleich: Heinz Prüller, der tatsächlich alle (!) der knapp 500 Formel-1-Rennen (bis auf eines wegen der Olympischen Spiele 1984) kommentierte, hat sämtliche Zahlen und Fakten im Kopf. Und so setzt er sich auch heute mit Kopfhörer und Mikro bewaffnet auf einen der Plastik-Gartenstühle des zwei mal drei Meter Kammerls, streckt die Füße von sich, verstaut die linke Hand in der Hosentasche und wartet, bis Fritz Melchart an den Regie-Reglern das Bild zu seinem Ton liefert.

"Einen schönen Formel-1-Sonntagnachmittag, meine Damen und Herren!" brüllt Prüller ins Mikrofon. Und auch Fritz Melchart schreit im Kopfhörer so laut, dass man ihn noch in zwei Meter Entfernung versteht. Sind denn hier schon alle schwerhörig? Die Frage erübrigt sich, als draußen auf der Piste die Motoren angeworfen werden. Sogar in hundert Meter Entfernung und trotz geschlossener Fenster versteht man kein normal gesprochenes Wort mehr.

Es geht in die Aufwärmrunde: Prüller hat vier Monitore vor sich. Einen mit dem TV-Bild des ORF, einen mit dem der örtlichen Regie und zwei, auf denen winzigklein Rundenzeiten, Boxenstopps und Zeitrückstände der Fahrer abgebildet sind. Außerdem sieht er durch das Fenster noch die Boxeneinfahrt.

Auf einem der wenigen Zettel, die Prüller mitgebracht hat, ist die Strecke aufgezeichnet. Von dem liest er jetzt herunter, wie schnell und in welchem Gang diese oder jene Kurve zu fahren ist, während Schumacher und Co. ihre Reifen warmfahren.

Die Piloten gehen an den Start. Ampel auf Rot. Auch Heinz Prüller hat inzwischen Wettkampf-Position eingenommen: linke Hand in der Hosentasche, Oberkörper vorgebeugt, Füße auf den Zehenspitzen, den Bügel des Regie-Kopfhörers ins Genick verschoben. Grün! Die Scheibe der Kabine vibriert, draußen fegt ohrenbetäubend ein Hornissenschwarm vorbei, und Prüller gibt in seinem Gartenstuhl Vollgas: Die sagenhafte Beschleunigung drückt ihn zurück auf die hinteren zwei Sesselbeine. Der Stoff seiner Hosentasche ist durch den Druck der linken Hand zum Zerreißen gespannt, und seine Stimme schraubt sich bis zum Ende der Start-Geraden stufenlos auf Höchstgeschwindigkeit.

Ich versuche mich in Prüllers Lage zu versetzen. Vor mir flackern Zahlen und Symbole in verschiedenen Farben über die zwei winzigen Monitore: "Schumi erster, Hill zweiter", lese ich "Von Bergers Platzierung keine Zeile!). "McLaren bereitet Boxenstopp vor", informiert der Mini-Bildschirm (Nur für wen?). Ein Sauber dreht sich vor laufender Kamera von der Strecke. – Prüller sieht sofort, dass es Johnny Herbert ist, ich hätte das in der Staubwolke nicht erkannt. "Zehn Sekunden Strafe für Marques wegen Behinderung", meldet der Monitor. – Wen er behindert hat steht leider nicht dort. Und was macht Berger? Die örtliche Regie hat nur die drei Führenden im Visier. – Halt jetzt war Berger kurz im Bild. Wen hat er da überholt? Oder hat er nur überrundet? Oder war's gar nicht Berger, sondern Alesi? Auf dem Daten-Monitor kann ich davon jedenfalls noch nichts sehen. Prüller hat's wirklich nicht leicht!

Ich bin nur stummer Zaungast neben Heinz Prüller, der in einem fort gestikuliert und redet (irgend etwas über den verstorbenen Formel-1-Pfarrer Erio Belloi), außerdem im Ohr auch noch den schreienden Fritz Melchart sitzen hat, und hab' schon Stress beim bloßen Zusehen.

Daheim bei Popcorn und Cola ist alles irgendwie übersichtlicher. Da sieht man sogar, wenn im Hintergrund einer ein schmutziges Helmvisier wegwirft. Mein Schädel brummt, und Schumachers viel zu sauberes Motorengeräusch verursacht Ohrensausen. Das nächste Rennen schaue ich mir wieder gemütlich von zuhause aus an und stelle mir vor, wie Heinz Prüller jetzt langsam in Startposition geht...


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© Eine Reportage von T. Micke (26-10-97) – Kontakt