Die Nachlese

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Tragschrauber Pal-V: Flieg, Auto, flieg!?

Von daheim zur Arbeit fliegen oder einfach dem Urlaubsstau entschweben? Der Traum, der fast so alt ist wie das Auto selbst, könnte in ein paar Jahren endlich real werden.



Das fliegende Auto PAL-V als Einsatzfahrzeug für einen Notarzt
Picture by Spark Design Engineering

Der Verkehrsfunk verkündet gerade, dass sich auf der Tauernautobahn ein kilometerlanger Stau wegen Überlastung bildet. Und man selbst steht mit Kind, Kegel und Familienkutsche schon seit einer Viertelstunde mittendrinnen. Nichts rührt sich, die Sonne brennt vom Himmel, und der Nachwuchs in der zweiten Reihe hat genau jetzt ein dringendes Bedürfnis.

Wer würde in einer solchen Situation nicht davon träumen: Den geheimnisvollen Knopf mit dem kleinen Helikopter darauf gleich neben dem Autoradio drücken, woraufhin sich vier Rotorblätter aus dem Dach entfalten. Dann den Schalthebel auf Flugbetrieb umstellen und abheben in den blauen Himmel. Auf und davon vor den Augen Hunderter Staugefangener.

James-Bond-Erfinder Ian Fleming lässt in seinem ebenfalls weltbekannten Kinderbuch "Chitty Chitty Bang Bang" das gleichnamige Auto genau das tun: Dem Oldtimer wachsen Flügel, und die Familie Potts entschwindet aus einem Verkehrsstau, um ein Picknick an den malerischen englischen Kreidefelsen zu genießen.

Wer sich bei der Erstlektüre des Buches als technikinteressiertes Kind schon gefragt hat, wie das sagenhafte Flugauto des Erfinders Caractacus Potts mitten in einem Stau Anlauf nehmen konnte, um abzuheben (wie der Autor dieser Zeilen vor etwa 30 Jahren), der ist schon sehr nah an einem der Hauptprobleme, das heutige Flugauto-Tüftler noch immer beschäftigt. Zu aufwändig, zu teuer und zu schwer sind bisher alle Senkrechtstarter-Konzepte für den Alltagsgebrauch. Von der Technik eines herkömmlichen Helikopters mit motorbetriebenen Rotoren bis zu jener des legendären britischen Düsenjets "Harrier".

Und so sieht der PAL-V aus, wenn er mit eingeklappten Rotoren als Dreirad auf der Straße fährt
Picture by Spark Design Engineering

Wenn man aber zum Starten Anlauf nehmen muss und zum Landen Auslauf benötigt, dann braucht man leider auch jedes Mal so etwas wie einen Flughafen, was die Einsatzmöglichkeiten stark einschränkt. Hat also das Flugauto für jedermann keine Chance, jemals in die Praxis zu gehen? Mitnichten. Fragt man den Niederländer John Bakker, dann ist es sogar schon in fünf Jahren so weit. Der Ingenieur hat zwei relativ neue Fortbewegungsmittel genauer unter die Lupe genommen und sieht in der Verbindung der beiden endlich die Erfüllung des Traums.

Ein Mittelding aus Hubschrauber und Sportflugzeug, der so genannte Gyrokopter, erobert derzeit die Herzen vieler Hobbyflieger weltweit, obwohl es sein Konzept schon seit vielen Jahrzehnten gibt. Der Gyrokopter ist vergleichsweise billig in der Anschaffung, ein Leichtgewicht und benötigt zum Starten im ungünstigsten Fall 30 Meter Anlauf, wohingegen beim Landen drei bis fünf Meter genügen.

Die "Nachlese" hatte kürzlich das Vergnügen, bei einem Gyrokopter-Test mit dem österreichischen Extremsportler-Piloten Andreas Siebenhofer mitzufliegen, und war begeistert. Vor allem davon, dass das Fluggerät auch bei abgeschaltetem oder defektem Motor nicht abstürzen kann wie ein normaler Helikopter, sondern allein mithilfe von Fahrtwind und Schwerkraft wie der Flügelsamen des Ahorns zu Boden schwebt.

Nimmt man nun einen solchen Gyrokopter und "kreuzt" ihn mit dem so genannten "Carver", einem von Holländern erfundenen revolutionären Motordreirad, das in der Lage ist, Fahrerkabine und Vorderrad in die Kurven zu legen, dann kommt laut Ingenieur Bakker ein handliches Flugauto heraus. Der "Pal-V", für dessen Entwicklung der Tüftler eine EU-Förderung erhofft, "wird anfangs so viel kosten wie ein guter Sportwagen", ist vier Meter lang, wiegt 550 Kilo und beschleunigt auf der Straße motorradmäßig in fünf Sekunden von 0 auf 100 km/h. Durch die spezielle Kurventechnik der Radaufhängung sollen bis zu 200 km/h Höchstgeschwindigkeit auf der Straße möglich sein. Derselbe Motor treibt in der Luft nicht die Räder an, sondern einen Heckrotor, der für so viel Vortrieb sorgt, dass ebenfalls knapp 200 km/h dabei herausschauen. Mit einer Tankfüllung sollen so mehr als 500 Kilometer zurückgelegt werden, was Wien-Innsbruck nonstop möglich machen dürfte. Neben der Frage, ob eine geschlossene Fahrerkabine (Gyrokopter sind meist offen) nicht zu seitenwindanfällig ist, stecken die größten Herausforderungen in der Bedienbarkeit der völlig unterschiedlichen Instrumente. Allerdings: In Zeiten, in denen Auto-Bordcomputer und Navigationsgeräte mit "Touchscreens" und Multifunktionsdisplays arbeiten, auf denen man Spielfilme laufen oder sich den Reifendruck anzeigen lassen kann, war es wohl auch noch nie so leicht.

In der Zivil-Version des PAL-V könnte man jedem Stau entkommen
Picture by Spark Design Engineering

Anfangs soll das neue Flugauto bei Katastropheneinsätzen wertvolle Dienste leisten und überall dort, wo Straßen Mangelware sind. Viele Viehbesitzer in den USA schwören bereits auf den Gyrokopter, um zu ihren entlegenen Ranches zu kommen. Für sie würde die separate Anfahrt zum Flugfeld entfallen. Notärzte könnten damit direkt zum Einsatzort fliegen/fahren, ohne die Kosten und die Besatzung eines Rettungshubschraubers, und auch ÖAMTC und ARBÖ würde ein Pannen-Pal-V gute Dienste leisten.

Sollte ein solches Flugauto tatsächlich einmal zum Alltagsgerät werden, dann käme, um Chaos und Unfälle zu vermeiden, wohl ein Flugleitsystem zum Einsatz, das im terrorsensiblen Amerika bereits erprobt wird. Wie bei einer "Luftautobahn", ist ein unsichtbarer Flug-Korridor vorgegeben, innerhalb dessen man zum gewünschten Ziel fliegen kann. Dieser ist auf dem Navigationsgerät eingespeichert. "Über den Wolken" wäre man dann zwar, wie Reinhard Mey in seinem Klassiker singt, aber das mit der "grenzenlosen Freiheit" würde dort enden, wo der Bordcomputer Alarm schlägt und vollautomatisch den Kurs korrigiert...


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© Eine Reportage von T. Micke (21-10-07) – Kontakt