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Flugsimulator-Training: Passagier schafft Notlandung mit Linienjet

Auf dem Flughafen Schwechat dürfen jetzt auch Nicht-Piloten eine Linienmaschine fliegen. Im Profi-Simulator. Ein Selbstversuch von Profi-Passagier Tobias Micke.



Der Flugsimulator für Piloten des Airbus A320 der Lufthansa-Gruppe auf dem Flughafen Wien-Schechat
Picture by T. Micke

Das kann doch wirklich nicht so schwer sein! Das Höhenruder – eh klar – für die Höhe. Dann Seitenruder und Querruder. Ersteres ist hinten bei der "Flosse", Letzteres an der "Finne". Oder doch umgekehrt? Das eine ist jedenfalls zum Steuern in der Luft, das andere zum Ausgleichen des Seitenwinds und eines eventuellen Triebwerksausfalls sowie zum Lenken nach der Landung, solange der Fahrtwind noch eine Rolle spielt. Wie soll man sich das alles merken? Das Querruder wird mittels Fußpedalen bedient, Seiten- und Höhenruder mit dem Sidestick. Ha, mit dem Sidestick kenn ich mich aus. Der funktioniert wie der Joystick, mit dem ich als Kind auf dem Spielcomputer daheim Alien-Invasionen abgewehrt habe. Dann wären da noch die Schubregler, der Fahrwerkshebel und 2000 andere Schalter. Ob man die wirklich alle zum Fliegen braucht?

Zehn Millionen Euro kostet das neue Spielzeug in der Austrian-Airlines-Basis auf dem Flughafen Schwechat, das von außen mit seinen hydraulischen Spinnenbeinen wie eine neue Prater-Attraktion aussieht und von innen exakt das Cockpit eines Airbus A320 nachbildet. Wer hier als Berufspilot seine Ausbildung abschließt, kann direkt in einen echten A320 einsteigen und losfliegen. So real ist der Simulator, der zu Übungszwecken 1600 Fehler eingespeichert hat; inklusive Triebwerksbrand, Rauch im Cockpit und Ausfall sämtlicher Instrumente.

Ich habe keine Pilotenausbildung, durfte als Kind einmal staunend im Cockpit eine Landung miterleben und tue mich bis heute schwer, einen flugfähigen Papierflieger zu basteln. Trotzdem darf ich an dieses hochkomplizierte Fluggerät. Möglich ist das, weil im Stundenplan des Simulators immer wieder Plätze frei sind, wenn gerade keine Profi-Flugausbildung und keines der regelmäßigen Sicherheitstrainings der Berufspiloten ansteht. Dann können seit neuestem auch Laien einmal erleben, was sich da hinter der verschlossenen Cockpit-Tür vor, während und nach einem Passagierflug abspielt.

Hochleistungsbildprojektoren schaffen im Cockpit des Airbus A320 Simulators reale Bedingungen
Picture by T. Micke

Zuerst steht allerdings ein einstündiger Theoriekurs auf dem Programm. Ausbildner Dietmar Kopf erklärt uns Fluganfängern, warum so ein 70 Tonnen schweres Trumm überhaupt abhebt, was die Landeklappen an der Aerodynamik verändern und warum jeder Pilot trotz all der Bordrechner einen eigenen Laptop braucht, um Starttempo und Startschub auf Gewicht und Länge der Startbahn abzustimmen. Und, dass der A320 das erste Passagierflugzeug war, das durch Fly-By-Wire die 40 Meter langen Stahlseile mit Umlenkrollen vom Steuer zu den Rudern überflüssig gemacht hat. Heute geht das elektronisch. Dafür hat der Jet sieben Hauptcomputer an Bord, von denen auch im Ernstfall zumindest einer funktionieren muss.

Dann geht es ab zur Praxis. Mein Schädel brummt, der Puls steigt. Als ich im Pilotensessel Platz nehme, scheint all das eben Gelernte wie weggeblasen. Zu viele Schalter, Lämpchen, Hebel. Hinter mir stellt mein Ausbildner den Simulator ein. Ich habe mir den Flughafen Innsbruck gewünscht für meinen ersten Start. Vor mir durch die Panoramascheibe erstreckt sich tatsächlich das Inntal mit der Nordkette. Ein paar Schäfchenwolken werden noch in den blauen Himmel gesetzt, anschnallen und los gehts. Als ich die Schubregler für die Haupttriebwerke nach vorne lege, drückt mich die Beschleunigung in den Sitz und die Maschine rumpelt spürbar mit aufheulenden Aggregaten über die Startpiste. Möglich wird das durch die hydraulischen Spinnenbeine, die alles originalgetreu wiedergeben. Das Beschleunigungsgefühl entsteht, weil sich die ganze Kabine dabei steil nach hinten legt.

Der Simulator ist vergessen, so gelungen ist die Illusion. Ich fliege diese Maschine wirklich! Rechtskurve, um dem Hafelekar nicht zu nah zu kommen, und dann eine lange Linkskurve, um die Landung vorzubereiten. Neben mir stellt mein Copilot alle möglichen Hebel um, die er mir im Blitzkurs nicht erklärt hat, auch die Landeklappen betätigt er. Das Fahrwerk klappt rumpelnd aus. Als es 50 Meter über dem Boden kritisch wird, bin ich mit dem Joystick – Pardon, Sidestick – überfordert. Zu heftig sind meine Reaktionen auf die Anweisungen des Ausbildners. Er bricht die Landung ab. Beim zweiten Mal knallt die Maschine unsanft auf der Piste, springt aber gleich wieder weg. Ich werde getröstet: Schließlich ist hierfür jahrelanges Training nötig.

Hihi, das ist natürlich NICHT das Simulator-Cockpit des Airbus A320...
Picture by T. Micke

Verdammt, zumindest eine Notlandung würde ich gerne schaffen. In den Flugzeugfilmen, wo Passagiere Jumbos nach Funkanweisung vom Tower runterbringen, klappt das doch auch. "Wir probieren es mit Salzburg. Das ist nicht ganz so schwer", ruft Dietmar Kopf vom Steuercomputer des Simulators über meine Schulter. Zack! Binnen einer Sekunde wird unser Airbus vom wackeligen Landeanflug auf Innsbruck in den Luftraum über der Mozartstadt gebeamt. Beamen, das wäre wirklich die Transportmethode der Zukunft, schießt es mir in der kurzen Pause durch den Kopf. Scheinbar schwerelos hängen wir in der Luft im Standby-Modus, der blinkende Sendeturm am Horizont. "Bereit?", tönt es von hinten. Dann beginnt die Wackelei samt Seitenwind von vorne. Ganz vorsichtig bewege ich Höhen- und Querruder und ernte dafür Lob, bis ich mit der anderen Hand kurz vor dem Aufsetzen die Triebwerke auf Leerlauf stellen muss. Einmal setzt das Fahrwerk auf der Landebahn auf, dann ein zweites Mal. Wir sind unten! Mit kräftiger Hilfe des Profis an meiner Seite. In Gedanken stelle ich mir 180 Charterpassagiere vor, die mit ängstlicher Miene die schützenden Hände vom Gesicht nehmen und erleichtert applaudieren...

Das Einzeltraining im Airbus A320 kostet 275 Euro und ist neben anderen Verrücktheiten rund ums Fliegen über die Firma Pro Toura Flight Events zu buchen (01/700-736-127)


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© Eine Reportage von T. Micke (02-12-07) – Kontakt