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Finnlands Karelien: Im Land der Stille

Kurz vor Tagesanbruch, bevor die Vögel ihr Morgenlied beginnen, kann man den Nebel über Ost-Finnlands Seen gleiten hören, und im Wald schmatzen die Elche beim Frühstück.



Blick auf den Pielinen-See im ost-finnischen Karelien
Picture by T. Micke

"Der Finne braucht zum Glücklichsein einen Lachs, eine Flasche Wodka und eine Sauna", sagt ein Sprichwort. Aber das wäre so, wie wenn man über uns behauptet: "Dem Österreicher genügt für seinen Seelenfrieden eine Brettljause, ein Doppler Weißwein und eine Almhütte." – Nicht ganz falsch, aber doch am Wesentlichen vorbeidefiniert.

Der Finne braucht nämlich in erster Linie Finnland, um sich wohl zu fühlen. So wie auch der Österreicher am liebsten nach Hause kommt: Woanders ist's zwar ganz schön, aber so auf die Dauer...

Im Ausland wirken Finnen oft emotionslos, langsam und wortkarg. – Man sehe sich dazu nur die packenden Siegerinterviews mit Mikka Hakkinnen an. – Aber zurück in der Heimat ist der Finne wieder in seinem Element, ein Fisch im Wasser, ein Elch im Wald: würdevoll im Ausdruck, bedächtig in seinen Bewegungen. Ideal angepasst an seinen Lebensraum: ein Land wie ein Stillleben. Besonders in den malerischen Seengebieten Ostfinnlands, dem durch die Grenze zu Russland geteilten Karelien, erlebt man auch als Besucher eine Stille, die anfangs fast ein wenig beklemmend wirkt. Als hätte jemand in den dichten Wäldern rund um den majestätischen Pielinen-See den Ton abgestellt. Erst mit der Zeit gewöhnt sich das Städter-Ohr an die neue, hauchzarte Geräuschkulisse: Statt Stimmengewirr leises Vogelzwitschern und das Knistern alter Fichtennadeln unter den Füßen. Statt Straßenlärm das Rauschen des Windes in den Baumkronen. Und wenn man auf einer mehrtägigen Rad- oder Kanutour nach einer besonders stillen Nacht vor Sonnenaufgang aus dem Zelt kriecht, dann glaubt man zu hören, wie der Morgennebel über den See gleitet und der Elch am anderen Ufer beim Frühstück schmatzt.

Finnischer Lachsgriller auf einem Markt in Joensuu
Picture by T. Micke

Joensuu ist mit 52.000 Einwohnern die Hauptstadt Nordkareliens und ähnelt mit seinen geometrisch angelegten breiten Straßen und den einfachen zweistöckigen Holzhäusern verblüffend einer amerikanischen Provinzstadt. Gäbe es den kleinen Flughafen nicht, der die Region zweimal täglich via Finnair mit Helsinki verbindet und dem Militär als Außenposten zum ehemaligen Beherrscher Russland dient, dann würde man hier nicht viel Leben vermuten.

Doch der Eindruck trügt. Im 16. Jahrhundert während der 600-jährigen Regentschaft Schwedens, führte hier entlang des Flusses Pielisjoki eine der wichtigsten Holz-Handelsrouten Finnlands. Später wurde der Fluss unter dem russischen Zaren durch eine neue Eisenbahn als Transportweg entlastet. Und heute dient Joensuu vor allem den Einheimischen als beliebter Ausgangspunkt für Sommer- und Winterferien in der freien Natur.

Finnischer Festschmaus mit Lohi, Lachspresswurst und Lachsbrot im Speckmantel
Picture by T. Micke

Nicht nur sportbegeisterten Aktivurlaubern bietet Nordkarelien mit Wandertouren, Rad- und Kanufahrten, Rafting, Fischen und Jagen einreiches Betätigungsfeld. Auch gemütlicheren Freizeit-Typen, die mehr das leibliche Wohl im Auge haben, hat die Region geradezu sensationelles zu bieten. Der Fisch- und Trödelmarkt in Joensuu ist eine ideale Gelegenheit, um all die Köstlichkeiten der Region in Ruhe zu probieren. Herrlichen Lachs (auf gut Finnisch: Lohi) gibt es dort natürlich in jeder erdenklichen Variation. Zum Allerfeinsten gehört der frische, auf schlichte finnische Art am offenen Kohlengrill mit Salz geräucherte Lohi. Dann gibt es "Lohipalvi" – eine Art Lachspresswurst – mit Gewürzen, "Lohipiirakka" – Lachs überbacken mit Ei und Reis, "Lohikukko" – Lachsbrot mit Speckmantel und "Lohipizza" – dafür braucht man keine Übersetzung.

Dazwischen werden alle nur erdenklichen süßen oder salzigen Strudelarten angeboten sowie hervorragende selbst gemachte Konserven für die langen finnischen Winter. Typisch für die Region sind auch die so genannten "Piroggen", warme Roggenteig-Taschen, die man mit Reisgrütze, Eierbutter und Blaubeersulz als Vorspeise isst. Klar, dass auch ein duftender Rentierschinken mit Preiselbeergelee nicht fehlen darf, am besten mit einem Waldpilz-Salat.

Ins Holz geschnitzte finnische Liebeserklärung von Jaakko an Riiva
Picture by T. Micke

Obwohl es in Finnland mehr als genug Rentiere und Elche gibt, ist deren Fleisch mit einem Marktpreis von rund 25 Euro pro Kilo so teuer wie Lungenbraten. Der Grund: Beim reichen Nachbarn Norwegen ist man ganz wild auf Wild. Selbst wem das nicht teuer genug ist, dem kann auf dem Markt von Joensuu geholfen werden: Ein Händler hat eine Salami in der Auslage, die 60 Euro kostet. Als er das ungläubige Gemurmel der Touristen vor seinem Stand hört, übersetzt er uns grinsend: "Bären-Salami!" – Ungefähr 60 Bären jährlich dürfen in Finnlands Wäldern legal geschossen werden. Deren Fleisch wird als Delikatesse gehandelt.

Wer jetzt Appetit auf Finnland bekommen hat, dem sei zuletzt eine einfache karelische Jausenköstlichkeit zum Nachmachen für daheim ans Herz gelegt: Salzgurken mit Sauerrahm und Honig. – Das schmeckt ähnlich ausgefallen wie Bären-Salami, ist nur sehr viel billiger und zudem auch noch vegetarisch.


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© Eine Reportage von T. Micke (08-07-01) – Kontakt