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Finnisches Busenwunder

Westfinnland gilt als Geheimtipp bei Skandinavien-Fans. Am Bottnischen Meerbusen mit seinen malerischen Inselchen wird Schwedisch gesprochen.



Auf den Inseln vor dem finnischen Städtchen Vaasa geht die Mitternachtssonne im Sommer nicht unter
Picture by T. Micke

Die viel zitierte finnische Luftwaffe ist an diesem herrlichen Sommerabend in einem Fischrestaurant auf einer kleinen Insel vor Vaasa offenbar irgendwo anders im Einsatz. Weit und breit keine Stechmücken-Geschwader, die sich zu Sonnenuntergang im Tiefflug auf jede nackte Hautstelle stürzen. Das mag daran liegen, dass jetzt, Ende Juli, die Sonne in diesen Breitengraden gar nicht wirklich untergehen will und Skandinaviens berüchtigten Kampfgelsen dadurch bis tief in die Nacht der Einsatzbefehl fehlt. Vielleicht stimmt aber auch einfach das Klischee nicht, das oft über Finnland verbreitet wird: Land der tausend Seen, Millionen Saunas und Milliarden Gelsen.

Die Sommer sind hier im Norden kurz, aber heftig. Pilze wachsen wie Unkraut in den Wäldern, die Erdbeeren auf die sind die Finnen besonders stolz sind ungeheuer kräftig im Geschmack. Und genauso wie die Natur in den wenigen heißen Wochen das zu schaffen versucht, wofür sie bei uns in Mitteleuropa ein paar Monate Zeit hat, so leben auch die Finnen im Juli und August: intensiv und im Zeitraffer.

Lachsgrillen in einem traditionellen finischen Lappenzelt
Picture by T. Micke

Obwohl die inselreichen Küstenstriche des Bottnischen Meerbusens den Großteil des Jahres zugefroren sind, weil die Ostsee so salzarm ist, leistet sich fast jeder hier ein Boot. Allein in Vaasa mit seinen 57.000 Einwohnern sind es mehr als 5000 Stück, Mietboote für Ausflügler und Touristen nicht mitgerechnet. Nur so (und im Winter mit dem Skidoo) sind die meisten der idyllischen Inselchen zwischen Finnland und dem nur 100 Kilometer entfernten Nachbarn Schweden erreichbar. Und auf fast jeder leuchtet einem ein halbes Dutzend der traditionell rot oder gelb gestrichenen Sauna-Häuschen zwischen Birkenwäldchen entgegen, wo die Einheimischen bis spät in die taghelle Nacht feiern.

Warum die Häuschen in Skandinavien rot bzw. gelb sind, darüber gibt es viele Theorien. Die glaubhafteste: Dieses Spezielle Rot ist eine Farbe, die man sich selber aus Eisen, Roggen und Öl selbst zusammenbrauen konnte, die daher billig in der Anschaffung war. Wer sich Gelb als Farbe leisten konnte, signalisierte damit Reichtum.

Die Städte an dieser Küste sind durch Teerbrennen groß und reich geworden. Traditionell wurde Kiefernholz ein Jahr lang getrocknet dann in einer Grube ganz langsam verbrannt. Auf diese Weise entstanden Hunderttausende Tonnen Teer, der von hier aus in die Städte Europas exportiert wurde und Reichtum brachte.

Hier ereignet sich auch das seltsame finnische Busenwunder, von dem besonders Geologen angetan und männliche Touristen schnell enttäuscht sind: Die Region um den Bottnischen Meerbusen hebt sich langsam aus der Ostsee, in den letzten 9000 Jahren immerhin um 250 Meter. So sehr, dass sich Finnland jedes Jahr um 1000 Hektar vergrößert. Viermal musste deshalb schon der Hafen von Vaasa verlegt und neu gebaut werden.

Finnische Ribiselwein-Experten Sisko und Jorma Keijonen in Alajärvi
Picture by T. Micke

Die Region hat viele kleine, liebenswerte Highlights zu bieten. So zum Beispiel das Messerdorf Kauhava, wo sich im 19. Jahrhundert an die 40 Messermacher tummelten und mit viel Expertise Schneidwerkzeug herstellten, dass nicht rostet. Etwas außerhalb von Kauhava stoßen wir in Alajärvi auf das für Festlandeuropäer ungewöhnliche Weingut von Jorma und Sisko Keijonen. Sie betreiben hier seit kurzem einen richtigen kleinen Heurigen, was noch vor ein paar Jahren wegen der strengen Alkoholgesetze verboten war. Angeboten wird Rot- und Weißwein von der Ribisel, was an sich noch nicht so erstaunlich wäre, wenn der Weiße nicht wie ein guter, trockener Traubenwein schmecken würde. Ein exotisches Mitbringsel mit dem man ganz hervorragend Weinkennern einen Streich spielen kann. Auch ein "Cuvee mit Johannes, Erd- und Blaubeeren" wird angeboten und Johannesbeer-"Grappa". Das aber nur am Tisch und in Schnapsgläsern – das wegen der Alkohlgesetze.

Disco-Fox beim Tango-Festival in Seinäjoki, Westfinnland
Picture by T. Micke

Wer kurzentschlossen noch diesen Sommer, am besten ab Helsinki, eine Mietwagentour in diese typisch finnische Region mit ihrem Kometen-Kratersee Lappajärvi unternehmen will, sollte beachten: 1. Sie haben sich nicht verfahren, wenn man versucht, Schwedisch mit Ihnen zu sprechen. Westbottnien ist tatsächlich zweisprachig aus der Zeit, wo Finnland noch zu Schweden gehörte. 2. Wie gesagt: Es handelt sich nicht um finnischen Rebensaft, wenn man Ihnen einheimischen Weißwein zum Kosten anbietet. Er schmeckt zwar erstaunlich täuschend nach Trauben, wird aber aus weißen Johannisbeeren gemacht. 3. Sie haben nicht zu viel vom finnischen Beerenwein getrunken, wenn Ihnen in Seinäjoki Hunderte heißblütig Tango tanzende blonde Nordeuropäer begegnen. Alljährlich findet hier im Juni das finnische Tango-Festival mit Gesangs- und Tanzwettbewerben statt. Leider verkaufen Tourismusverband und lokale Medien das Tango-Festival als Möchtegern-Kulturevent. In der Praxis ist dort gut aufgehoben, wer auf Kirtag steht und einen exotischen Schlagersänger-Wettbewerb zu Tangorythmen zu schätzen weiß, bei dem es am Ende König und Königin gibt und bei dem auch ein bisschen getanzt wird – allerdings eher Disco-Fox und Hopsasa, als echter Tango.


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© Eine Reportage von T. Micke (31-07-05) – Kontakt