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Menschliche Staubfänger durch "PM10"

Wir können sie nicht sehen, aber wir atmen sie täglich ein und werden davon krank: Winzigkleine Feinstaub-Partikel verpesten immer stärker unsere Luft. Und sie gelangen bis ins Gehirn.



Feinstaubbelastung in Österreich 2003
Picture by Umweltbundesamt Österreich

Wenn Sie gerade darüber nachdenken, ein Auto zu kaufen, sollten sie zweimal überlegen, ob es nur wegen des Sprit-Preises ein Diesel sein muss: Erstens lohnt sich ein Diesel-Pkw wegen der deutlich höheren Anschaffungskosten im Vergleich zum Benziner nur für Vielfahrer. Und zweitens sind die Selbstzünder-Motoren (ohne die neuen Ruß-Partikelfilter) besonders im diesel-verliebten Österreich zu einem ordentlichen Teil an der gefährlichen Feinstaub-Belastung schuld, die für Herz-Kreislauf-Krankheiten, Asthma, Bronchitis und diverse Entzündungen sorgt.

Die Zahlen dazu schockieren: Allein in Österreich sterben pro Jahr laut einer Studie 5600 Menschen an den Folgen der Luftverschmutzung, in Deutschland sind es mehr als 50.000. Die allgemeine Lebenserwartung sinkt für alle menschlichen Staubfänger um neun Monate. Und laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO ist der Smog in der EU jährlich für 13.000 Kinder unter vier Jahren tödlich.

"Wer viel raucht, geht zwar noch ein deutlich höheres Risiko ein als das", erklärt Umweltmediziner Dr. Hans-Peter Hutter von der Uni Wien im Interview, "aber man kann die Feinstaubbelastung durchaus mit den Gefahren des Passiv-Rauchens vergleichen. Und auch ein unverbesserlicher Raucher wird seine Lebenserwartung nicht achselzuckend noch zusätzlich verringern wollen."

Smog über Manhattan
Picture by T. Micke

Feinstaub in der Sprache der Wissenschafter "PM10" genannt, weil die Partikel einen Durchmesser von weniger als 10 Mikrometer (0,01 mm) haben ist deshalb so tückisch, weil er durch sein geringes Gewicht mehrere Tage und oft über Hunderte Kilometer durch die Luft wirbelt, bevor er sich niederlässt. Und die einzelnen Staubkörner sind so winzig, dass sie von den natürlichen Filtern des Menschen in Nase und Rachen nicht ausgesiebt werden und auch nicht vor scheinbar "geschlossenen" Räumen Halt machen.

Etwa die Hälfte der Teilchen ist sogar kleiner als ein Mikrometer und schafft daher, wie Forscher jetzt herausfanden, nicht nur den Weg bis in die winzigsten Lungenbläschen, sondern auch weiter bis in die Blutbahn, bis in die anderen Organe und über den Riechnerv sogar bis ins Gehirn. Die Folgen sind noch nicht erforscht, aber, so Dr. Hutter: "möglicherweise tragen diese entzündungsfördernden Teilchen auch zu Alzheimer und Parkinson bei." Normale Schutzmasken, wie man sie in Baumärkten bekommt, und die Filter in Lüftung und Klimaanlage vieler Autos sind gegen diesen Staub wirkungslos, weil sie nur sehr viel größere Partikel wie etwa Pollenkörner aussieben.

Feinstaub-Verursacher in Wien
Picture by Umweltbundesamt Österreich

Hochsaison für Feinstaub ist besonders der Winter, weil in Industrie, Haushalt und Straßenverkehr mehr verbrannt wird, der staubige Straßensplitt von den Autos fein gemahlen wird und das kalte Wetter die Luft besonders in Tälern und Becken oft tagelang fast zum Stehen bringt, wie Dr. Jürgen Schneider, Leiter der Abteilung für Lufthygiene im Umweltbundesamt, erklärt: "Graz ist deshalb leider geradezu eine Staub-Hochburg, aber auch Innsbruck und das Inntal, wo zusätzlich zur Industrie viel Verkehr herrscht." Wien und der flachere Osten Österreichs haben dafür eher mit einem anderen Problem zu kämpfen: Bis zu 60 Prozent der allgemeinen Feinstaub-Belastung werden nämlich mit dem Wind aus Nachbarländern zu uns verfrachtet. Dr. Schneider: "Aber auch Österreich ,exportiert' viel von seinem Feinstaub ins Ausland."

Zumindest auf Umwelt-Ebene ist daher die Osterweiterung der EU mit Sicherheit ein großer Gewinn. Denn die EU hat fixe Richtlinien in Sachen Feinstaub, die alle Mitgliedsländer einhalten müssen: Seit Anfang 2005 darf der Durchschnittswert von 50 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft nur noch an 35 Tagen im Jahr überschritten werden. Österreich hat diese Latte nun selbst sogar landesweit auf maximal 30 Tage gelegt. Wenn man die Messwerte hochrechnet, dann werden bei uns jährlich unglaublich, aber wahr 47.000 Tonnen Feinstaub in die Luft geblasen.

PM10-Quellen im Wiener Raum
Picture by Umweltbundesamt Österreich

Wichtigstes "Gegenmittel" für die Industrie sind Rauchgas-Filteranlagen in den Fabriks- und Kraftwerksschloten. In Wien werden die Linienbusse seit Jahren nur noch mit umweltfreundlichem Flüssiggas betrieben. Und statt des Streusplitts wurde heuer die Straßenglätte so viel wie möglich mit umweltverträglichem Feuchtsalz bekämpft. Der verbleibende Streusplitt wird dieser Tage im Rekordtempo eingesammelt, um möglichst viel Staub zu vermeiden.

Was man als guter Bürger selbst gegen die Belastung tun kann: Alte, mit Kohle oder Holz betriebene Öfen ohne Filter sind wahre Feinstaub-Schleudern. Ebenso wie die erwähnten Diesel-Autos, die leider erst jetzt durch gesetzlichen Druck und gegen Aufpreis von den Kfz-Firmen mit wirkungsvollen Ruß-Partikelfiltern angeboten werden. Die Hersteller dieser Filter kommen derzeit mit dem Liefern nicht mehr nach. Wer sein Auto unnötig mit laufendem Motor stehen lässt (zum Warmlaufenlassen oder als Ersatz-Standheizung, die besonders bei Taxifahrern und Reisebus-Chauffeuren beliebt ist), trägt ebenfalls grundlos zur Staubbelastung bei, wie auch mit übertriebenem Gasgeben zwischen zwei Ampeln im Stadtverkehr.

Vielleicht fällt es leichter, sich zu bemühen, wenn man weiß, dass bei uns allein 2400 Tote jährlich auf das Konto "Luftverschmutzung durch Straßenverkehr" gehen. Zum Vergleich: Bei Unfällen kamen 2004 "nur" 876 Menschen ums Leben.


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© Eine Reportage von T. Micke (27-03-05) – Kontakt