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Fallschirmsprung durch die Stratosphäre: Sturzflug zwischen Wahnsinn und Wissenschaft

Ein Weltrekord im Ballonfahren in Österreich, ein Fallschirmsprung aus 40.000 m in den USA, ein Stratosphären-Besuch im Segelflieger in Neuseeland. Extrem-Abenteuer, auch im Dienste der Forschung.



US-Amerikanerin Cheryl Stearns will mit ihrem Projekt Stratoquest der erste Mensch sein, der ohne Zusatzgeräte die Schallmauer durchbricht
Picture by StratoQuest

Ab 11.000 Meter hat sich's ausgeplaudert, weil da funktionieren die Stimmbänder nicht mehr wegen der zu dünnen Luft. Ab 15.000 Meter braucht man einen Druckanzug, sonst beginnt das Blut zu kochen. Kältefettcreme darf man trotz der eisigen Temperaturen in dieser Höhe nicht verwenden, weil die mit dem Sauerstoff im Atemgerät reagieren könnte, und der Fallschirm musste im Kühlhaus eines Fleischhauers gepackt werden, damit er sich keine Feuchtigkeit einfing, die dann dort oben zur Vereisung des Schirms hätte führen können..."

Wenn die Salzburger Ballonfahrerin Heidrun Prosch (38) und der Fallschirmspringer Paul Steiner (39) aus Mattsee (S) von ihrem letzten Projekt sprechen, dann klingt das tatsächlich mehr nach einer Wissenschaft als nach dem kombinierten Versuch, den Frauen-Höhenweltrekord im Ballonfahren (Prosch) und gleichzeitig die Landeshöchstleistung im Fallschirmspringen (Steiner) zu brechen. Paul Steiner scheiterte leider an einem defekten Sauerstoffventil, wagte aus Sicherheitsgründen den Sprung aus eisiger Höhe nicht, aber Heidrun Prosch kehrte dafür mit einer erreichten Flughöhe von 11.550 Metern als neue (noch inoffizielle) Weltrekord-Inhaberin zurück.

Die Gasflaschen für die Befeuerung des Ballons mussten aus superleichtem Titan sein, die Lastbänder der Hülle besonders schmelzfest wegen der extremen Hitze-Entwicklung der Brenner und die beiden Brenner selbst eine 7000 Euro teure Spezialanfertigung, damit in 11.000 Meter Höhe auch bei minus 60 Grad noch ohne Risiko richtig eingeheizt werden konnte. "Technische Feinheiten in einem Grenzbereich", sagt Heidrun Prosch, Mutter eines fünfjährigen Mädchens, "in dem eigentlich nur die US-Air-Force wirklich Erfahrungen hat."

Dort bewegte man sich schon 1960 im Wettlauf mit den Russen um den ersten bemannten Raumflug (1961) in der dünnen Luft zwischen Wahnsinn und Wissenschaft. Damals ließ sich der junge Bomber-Pilot Joe Kittinger mit aus heutiger Sicht haarsträubender Ausrüstung zu Testzwecken via Gas-Ballon bis in 31.000 Meter Höhe hieven, um von dort mit anfangs mehr als 900 km/h in einem der ersten Druckanzüge viereinhalb Minuten lang im freien Fall der Erde entgegenzurasen. Weil Kittingers Fallschirm-Rucksack bei seinen ersten Versuchen aerodynamisch schlecht abgestimmt war, drehte er sich während des freien Falls in rasendem Tempo um die eigene Achse. Dass er bei dem atemberaubenden Stratosphären-Ringelspiel nicht das Bewusstsein verlor, verdankte "Wild Dog"-Kittinger nur seiner hervorragenden Piloten-Kondition. Die Air Force sammelte damals wichtige Daten über Auswirkung der Stratosphäre, über Strahlung, Reibungshitze und über den physischen Stress, dem ein Mensch unter solchen Bedingungen ausgesetzt ist. Als Honorierung dieser verrückten Pionierleistung hält der "Colonel" immerhin bis zum heutigen Tag den absoluten Höhenweltrekord im Fallschirmspringen.

Diese mehr als 40 Jahre alte Bestmarke versuchen gleich vier Anwärter zu knacken. Neben einem Franzosen, einem Spanier und einem Australier bereitet sich auch eine Frau, eine 47-jährige amerikanische Linienpilotin, auf einen Rekord-Sturzflug aus 40 Kilometer Höhe vor. Cheryl Stearns will nebenbei auch der erste Mensch sein, der ohne Triebwerk und Zusatz-Geräte die Schallmauer durchbricht.

Stearns schilderte die Details des waghalsigen Projekts, nach dessen Abschluss sie in Schulen Vorträge halten möchte, um bei Kindern und Jugendlichen der Internet-Generation mit ihrer unglaublichen Geschichte an der Grenze des Machbaren und der Physik den Forschergeist und das Interesse für Naturwissenschaft neu zu wecken.

In der Tat spielt beim Unternehmen "a href=http://www.stratoquest.com target=_blank>Stratoquest" eine ganze Palette von Forschungsgebieten und physikalischen Grenzgesetzen eine Rolle: "Normale" Fallschirmspringer erreichen wegen des großen Luftwiderstands in Höhen zwischen 2000 und 5000 Metern üblicherweise Geschwindigkeiten zwischen 180 und 300 km/h. Cheryl Stearns hofft, bei ihrem Satz aus 40.000 Metern in der extrem dünnen Luft 1,2 Mach Überschallgeschwindigkeit, also circa 1400 km/h zu erreichen. Damit würde sie mit einer Concorde mithalten können, die bis zu zwei Mach erreicht. Was genau ein Mensch beim körperlichen Durchbrechen der Schallmauer spürt, ob Gefahr besteht, ist bis jetzt nicht bekannt. Fest steht allerdings, dass die Amerikanerin mit 300 Grad Celsius Reibungshitze an der Kevlar-Außenhaut ihres Spezial-Druckanzugs rechnen muss, während die Außentemperatur in etwa 20.000 Meter Höhe kurzfristig auf minus 100 Grad fällt. Darüber ist es wärmer, darunter auch.

Cheryl Stearns: "Obwohl ich vermutlich mit Überschallgeschwindigkeit unterwegs sein werde, werde ich trotzdem nur einen relativen Wind von circa 250 km/h zu spüren bekommen, weil ja in größerer Höhe auch weniger Luftmoleküle auf meinen Körper einwirken. Wichtig ist auch, dass ich mich für den 5,5 Minuten dauernden Sturzflug in der Idealposition halte, also in einem 70-Grad-Winkel und Kopf an die Brust gedrückt, damit mir nicht Ähnliches passiert wie seinerzeit Joe Kittinger."

Stearns selbst hat mittlerweile gut 15.000 Fallschirmsprünge hinter sich. 14-mal, erzählt sie, ging dabei der Hauptschirm nicht richtig auf, und sie musste die Reserve-Kappe ziehen. Etwas, das ihr ohne weiteres auch bei ihrem Rekordsprung passieren kann. Denn ob der knapp 32 Quadratmeter große Schirm – ebenfalls aus einem speziellen, extra angefertigten Material – und seine Thermoverpackung den starken Temperaturschwankungen standhält, das wird erst die Praxis zeigen, wenn Stearns bei einer Flugshow in Kansas vor Publikum und laufenden Kameras nach dreistündigem Aufstieg aus ihrer Ballonkapsel aussteigt.

Geschätzte acht Millionen Dollar wird das gesamte Projekt kosten, das unter dem Überbegriff "ExtremeScience", also Extrem-Forschung läuft. Eine Summe, die nur dadurch aufzubringen ist, dass sich die jeweiligen Sponsoren, unter anderem die US-Luftwaffe, davon wichtige Forschungsergebnisse versprechen. Cheryl Stearns: "Weniger der Sprung selbst ist so wertvoll für die Forschung als das Drumherum, die neu entwickelten Details." Technische Neuheiten wie zum Beispiel die Ventilautomatik des Anzugs, der ja während des "kontrollierten Absturzes" den Druck der jeweiligen Höhe anpassen muss.

Stearns: "Wir verdanken ja zum Beispiel auch die Entdeckung und haushaltsgerechte Anwendung der Mikrowellen der Weltraum-Forschung." Außerdem denken NASA und ESA über ein neues Rettungssystem für Astronauten auf dem Weg zu oder von der Raumstation ISS nach.

Ebenfalls ihre Forschungsfinger im Spiel hat die NASA bei jenem wilden Unterfangen, das der Profi-Abenteurer Steve Fossett nach einem gescheiterten Versuch noch einmal wagen will: Gemeinsam mit einem Ex-NASA-Piloten will der Amerikaner mit einem umgebauten deutschen Segelflugzeug über Neuseeland auf die Rekordhöhe von 19.000 Metern steigen. Abgesehen von Eiseskälte, ungeheizter Kabine, geringem Außendruck, begrenztem Sauerstoff-Vorrat und jeder Menge Gewichtsproblemen, kommt für die beiden Waghälse noch ein großes aerodynamisches Problem hinzu: Segelflugzeuge dieser Bauart benötigen in normaler Höhe üblicherweise eine Mindestgeschwindigkeit von 90 km/h, um genügend Auftrieb zu entwickeln und steuerbar zu bleiben. Wegen des geringen Luftdrucks muss Fossetts "Glaser Dirks DG505M" in dieser Höhe aber an die 400 km/h schaffen, um flugfähig zu bleiben, eine Geschwindigkeit, für die der Segler natürlich nicht gebaut wurde...


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© Eine Reportage von T. Micke (25-08-02) – Kontakt