Die Nachlese

Letzter Teil der 5-teiligen Serie "4000 Meilen gegen den Wind"

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Radtour USA: San Francisco und die feine Dame im Nebel

Nach einem Dutzend "Patschen", gebrochenen Speichen und anderen Defekten auf der Fahrt von der Ostküste endlich das Reiseziel vor Augen: San Francisco, eine der schönsten Städte Kalifornien versteckte sich aber leider vor uns im Dunst.



Ankunft in Kalifornien auf der US 395
Picture by T. Micke

Es war ein nebeliger, kalter Morgen, als wir fünfzehn Kilometer vor der Bucht von San Francisco zu unserer letzten Etappe aufbrachen. Von der Sonne, die wir uns in Kalifornien heiß und brennend vorgestellt hatten, war nichts als ein milchiger Schleier zu sehen, und der Wind blies unangenehm feuchte Luft die Uferpromenade von Millvalley entlang.

Eigentlich hätten wir bei klarem Wetter bereits den Hafen von San Francisco und das Vergnügungsviertel "Fisherman's Wharf" sehen müssen, aber das einzige, das durch den dichten Nebel drang, waren die heulenden Nebelhörner der Fährschiffe, die die Touristen hinaus auf die Gefangeneninsel Alcatraz brachten.

Mehr als zwei Monate lang hatten wir diesem Tag entgegengefiebert. Immer wenn ein vorbeirasender Lastwagen uns eine weitere Fuhre Regenwasser entgegengeschleudert hatte, immer wenn ein Straßenschild bei 40 Grad im Schatten hämisch einen Berg mit zehn Prozent Steigung angekündigt hatte, immer dann, wenn's nicht mehr weiter ging, hatte ich mir unseren kleinen Triumphzug nach San Francisco vorgestellt und das Glücksgefühl, wenn ich zum ersten Mal in meinem Leben die Golden-Gate-Brücke sehen würde. Und ausgerechnet heute lag sie im Nebel!

Das einzige, das zu sehen war, war eine dichte, vierspurige Autokolonne, die sich in zwei riesigen Serpentinen einen Hügel hinauf wand und dann von irgend etwas gleich hinter dem Nebelvorhang verschluckt wurde. Wie Lemminge aus buntem Blech krochen die Autos, leise vor sich hin brummend, die Straße hin auf und tauchten in Zeitlupe in die milchige Suppe ein. Was blieb, war nur das Heulen der Nebelhörner.

Wir folgten der Autobahn auf dem Fußgänger und Radfahrerweg um die letzte Kurve: Nichts, nur Nebel! Plötzlich riss ein Windstoß den Vorhang auf. Riesig, rot und majestätisch lag die Brücke für einen Augenblick in ihrer ganzen Schönheit vor uns. Vornehm und züchtig wie eine feine Dame ließ sie den Wolkenschleier aber sofort wieder fallen, als ob wir schon zuviel von ihr gesehen hätten. Der kurze Anblick reichte dennoch für einen kleinen Freudentanz und das unglaublich schöne Gefühl, endlich am Ziel zu sein!

Nichts auf der ganzen Reise war schwieriger und anstrengender, als mit meinem Weggefährten und Bruder Stefan auszukommen. Nichts auf der ganze Reise war allerdings schöner, als all die Abenteuer und Geschichten mit jemandem gemeinsam zu erleben.

Wir gingen einander furchtbar auf die Nerven. Nie werde ich vergessen, wie wir uns ungefähr nach einem Drittel der Reise auf dem Pannenstreifen eines vierspurigen Highway kurz vor Madison/Wisconsin wegen eines Missverständnisses eine dreiviertel Stunde lang anbrüllten, bis wir beide keine Stimme mehr hatten.

Unvergesslich, wie ich ihn dafür hasste, dass er mir auf vielen "Bergwertungen" einfach auf und davon fuhr, nur um sich gelegentlich mit sicherem Abstand nach mir umzudrehen ("Ja, wo bleibt er denn?"). Legendär, wie ich ihm da für immer auf den endlosen, zermürbenden Geraden davonzog, weil ich mir vorstellte, auf einem Heimtrainer-Rad im Fitnesscenter zu sitzen, um nicht beim Anblick des ewig gleichen Horizonts verrückt zu werden.

Ich hasste die Art, wie er aß. Er hasste die Art, wie ich schnarchte. Er hatte andauernd laut stark irgend etwas an seinem Rad auszusetzen. Ich wollte bei jedem Getränke-Automat eine Pause einlegen.

Ein keppelndes, zanken des Ehepaar kann in zehn Jahren nicht so viele Krisen durchmachen, wie wir in zwei Monaten zu bewältigen hatten. Denn ein Bruder bleibt immer ein Bruder, auch wenn man ihn zwischen durch noch so oft "umbringen könnte".


Manchmal waren wir allerdings auch richtig nett zueinander. Als ich nach meinem dritten "Patschen" an ein und demselben Tag einem Nervenzusammenbruch nahe war, fand er (trotz schadenfrohen Lächelns) ein paar tröstende Worte ("Schau, dafür kannst du's jedesmal ein bisschen schneller!"). Und als ihm auf einer schmalen Bergstraße zum ersten Mal eine Speiche am (völlig überlasteten) Hinterrad brach, sorgte ich selbstverständlich dafür, dass ihn die Autos nicht überrollten, während er am Straßenrand (laut fluchend und erfolglos) versuchte, den Übeltäter auszuwechseln.

Manchmal hatten wir es auch gemeinsam lustig. Etwa, als wir kurz vor Einbruch der Dunkelheit am völlig überfüllten Campingplatz im Yellowstone Park ankamen und uns keine andere Möglichkeit blieb, als die Nacht auf den kalten Fliesen des Herren-Waschraums zu verbringen, weil man uns eindringlich und glaubhaft vor futtersuchenden Bären gewarnt hatte. Oder als wir nach einer Mittagspause in einer kalifornischen Pfirsich-Plantage feststellten, dass wir unsere Fahrräder in ein Gestrüpp voller heimtückischer, nadeldünner Stacheln gelegt hatten und mehr Löcher in unseren vier Reifen waren als Flicken im Reparatur-Set.

Die Gesamt-Schadensbilanz für 6724 Kilometer: zwölf "Patschen", fünf gebrochene Speichen, eine gebrochene Felge, ein abgerissener Sattel, eine defekte Lenkstange, eine verbogene Kette, eine kaputte Schaltung, zwei beschädigte Ventile und zwei durchgesessene Radhosen.

Wenn man bedenkt, dass ich mich erst auf der Flughafen-Rolltreppe kurz vor unserer Rückreise beinahe "derstessen" hätte, haben wir eigentlich ziemlich viel Glück gehabt...


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© Eine Reportage von T. Micke (03-10-96) – Kontakt
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