Die Nachlese

Teil 4 der 5-teiligen Serie "4000 Meilen gegen den Wind"

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Radtour USA: Der weiße Riese

Per Drahtesel durch Amerika reisen: von den heißen staubigen Ebenen South Dakotas in die schneebedeckten Bergregionen von Wyoming. Auf Indianer-Schleichwegen abseits der amerikanischen Touristenrouten kommt man Büffel und Bergschaf auf die Spur. Nur die Invasion der Heuschrecken hätten wir wirklich gerne ausgelassen.



Pass über die Bighorn-Mountains in den USA
Picture by T. Micke

"Rocky Mountains", das klingt wie "Leiser Berge" oder "Leitha Gebirge". So harmlos, so hügelig. Bei "Rocky Mountains" denkt man sich: Wenn die Amis ordentliche Berge hätten, dann würden sie sie auch einzeln und ordentlich benennen. Wir, zum Beispiel, haben den Großglockner. Ein ordentlicher Berg. Das hatte ich mir eingeredet, seit ich daheim mit Zeigefinger und Lineal auf dem Atlas über diese "Hügelkette" nach Kalifornien hin weggesprintet war, und nannte sie seit damals nur noch lässig "Die Rockys". Blöd war nur, dass sie sich jetzt respekteinflößend und ziemlich unlässig am Horizont auftürmten. Auf den Gipfeln lag Schnee, wie wir leider auch ohne Fernglas eindeutig erkennen konnten.

Was uns da den Blick auf Kalifornien versperrte, war laut Karte ein namenloser Vorläufer der "Rockys" in der Gruppe der "Bighorn-Mountains", deren höchster Gipfel auf 4130 Meter, die Passhöhe auf 2986 Meter Höhe liegt. Unser "Weißer Riese" konnte sich also durchaus neben dem Großglockner sehen lassen.

In den folgenden fünf Stunden setzten wir alle Energien ein, die die vergangenen Wochen übriggelassen hatten, und jeden einzelnen der 21 Gänge. Nüchterne Erkenntnis: Die schweren Räder waren mit der niedrigsten Übersetzung leichter zu fahren als zu schieben. Es ist also keine große Sache, zu behaupten, dass wir jeden der knapp 2000 Höhenmeter vom Tal auf den Pass im Sattel zurücklegten.

Oben wurde heftig gebaut. Die Straße sollte verbreitert werden und glich einer holprigen Wüstenpiste eher, als einer Fahrbahn. Außerdem war es unmöglich, in dieser Umgebung (wir veranstalteten am höchsten Punkt unserer Reise feierlich eine Schneeballschlacht) eine frostfreie Unterkunft für die Nacht zu finden.

Der nächste Ort hieß Lovell und war noch einmal gut 70 Kilometer entfernt. Hätte sich nicht die folgende glückliche Begebenheit zugetragen, wären wir wohl an diesem Tag nie dort angekommen: Auf der letzten Steigung zur 3000er Passhöhe bremste sich neben mir plötzlich ein Geländewagen ein.

Besatzung: Fünf junge Ferialjob-Bauarbeiterinnen auf dem Weg zurück nach Lovell. "Braucht ihr zufällig einen Platz zum Übernachten?" schrie die Fahrerin durchs offene Fenster. Mehr als ein Kopfnicken und ein gequältes Lächeln brachte ich nicht mehr hervor. Daraufhin reichte mir die Beifahrerin aus dem rollenden Fahrzeug einen Zettel mit einer Adresse, und die fünf brausten davon.

Die Aussicht, am Ende eines Tages einmal nicht nur unsere eigenen unrasierten, erschöpften Gesichter zu sehen, beflügelte ungeheuer. Drei Stunden später wir waren die 2000 Höhenmeter mit gut 80 km/h wieder hin untergejagt, hatten dabei beinahe zwei seltene "Big Horn"-Schafe überfahren und waren zu guter Letzt noch durch einen Wolkenbruch "getaucht" erreich ten wir nach 174 Kilometern Lovell. Man empfing uns wie gute alte Freunde...

174 Kilometer und 4000 Höhenmeter – dieser Tag wurde zur Königsetappe unserer Tour. Manchmal quälten wir uns allerdings bereits nach weit geringeren Distanzen. Unvergesslich der Tag, an dem wir schon nach 76 Kilometern (ein Schnitt von 100 km war geplant) gestoppt hatten, weil ich tatsächlich dreimal (auf dem Rad!) in Sekundenschlaf gefallen war und deshalb bei nahe mit einem Lkw zusammengestoßen wäre.


Eine Qual ganz anderer Art lauerte im Staat Wyoming: Die Straßen waren abschnittweise mit Tausenden von Heuschrecken übersät. Selbst mit der tierfreundlichen Angewohnheit, um Raupen und Käfer herumzuradeln, gab es. da kein Entrinnen: Mund zu, Kragen zu, Augen auf den Horizont und durch! Ich kann bis heute wegen der Ähnlichkeit des ekelhaften Geräusches kein Popcorn essen...

"All dies ist unser Land!" erklärte "Kleiner Büffel" schwankend und mit ausladenden Bewegungen. "Unsere Väter und die Väter unserer Großväter wurden hier geboren. Der weiße Mann hat sie getötet, die Überlebenden gefangengenommen und in Gehege gesperrt."

"Kleiner Büffel" war mit einer furchtbaren Whisky-Fahne aus einer Bar am Rande eines Indianerreservats in Idaho gestolpert, als wir gerade in den Schatten des Gebäudes vor 40 Grad Mittagshitze flüchten wollten. Und was er sagte, klang für uns anfangs wie ein Monolog aus einem Western.

"Kleiner Büffel" erzählte uns vom inhaltlosen Leben im Reservat und von seinen Freunden, die in die Stadt der Weißen gezogen waren und damit in seinen Augen ihre Indianer-Identität verkauft hatten. Sein Stamm sei so gut wie ausgestorben. Das tragische Schicksal eines ganzen Volkes saß da neben uns mit geröteten Augen und schwerer Zunge, und wir fanden kein einziges tröstendes Wort.

Dafür entdeckte der Indianer in uns Radfahrern Gleichgesinnte, die die Schönheit Amerikas "mit den Augen der Tiere" zu schätzen gelernt hätten, und schenkte mir voller Weinseligkeit einen Viertel-Dollar als Andenken, der ihm aus dem Stiefel gefallen war, als er sich während unseres Gesprächs an der Ferse kratzen musste.

Irgendwie hinterließ "Kleiner Büffel" bei uns einen verblüffend großen Eindruck. Sein trauriges Gesicht sehe ich noch immer vor mir, wenn ich die Augen schließe.


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< Lesen Sie in Teil V dieser Serie: Die feine Dame im Nebel

© Eine Reportage von T. Micke (02-10-96) – Kontakt
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