Die Nachlese

Teil 3 der 5-teiligen Serie "4000 Meilen gegen den Wind"

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Radtour USA: Die Rasenmäher-Seuche

Mit dem Rad durch die USA zu strampeln ist nicht nur Profis beim "Race across America" vorbehalten. Nimmt man sich dabei ein wenig Zeit für Land und Leute, kann man ein Amerika erleben; wie es Touristen nur sehr selten zusehen bekommen. Wichtig: Unbedingt genügend Bananen von zu Hause mitnehmen!



Bison-Jagd: Irgendwo hier im hohen Gras muss sich das Vieh doch verstecken...
Picture by S. Micke

Wenn man im Schnitt vier bis sechs Stunden täglich auf dem Rad sitzt, das Hinterteil nach ein paar Tagen dank Rehleder-Einlage und Triathlon-Lenker keine Probleme mehr bereitet und hundert Kilometer täglich zur Routine geworden sind, dann hat man viel Zeit, sich die Umgebung anzusehen, den Bauern auf den Feldern zuzuwinken und sich ein bisschen in die kleine Welt der Menschen in den Dörfern zu versetzen.

Dabei bemerkt man Dinge, die man im "Vorbeifliegen" mit dem Auto gar nicht sehen würde. Etwa die "Rasenmäher-Seuche" (wie wir dieses Phänomen nannten), die besonders im Osten des Landes, etwa bis zu den sandigen Ufern des Mississippi, an sonnigen Samstagnachmittagen Dutzende Dorfbewohner hinwegrafft: Wie besessen jagen dann Männer mittleren Alters (manchmal auch Frauen) mit Baseballkappen wie kleine "Forrest Gumps" auf dröhnenden Minitraktoren jedem frechherausragenden Grashalm in ihrem Vorgarten nach.

Nichts kann diese mähwütigen Amerikaner aus dem Sattel holen, und selbst der geliebte Rosenstrauch wird mit gefühlvollem Gasfuß im Kriechgang (nicht etwa mit der Gartenschere!) vom grünen Gewucher befreit. Sitzt einmal einer nicht "auf seinem "heißen Eisen, dann liegt er drunter und bastelt und schraubt, um der geliebten "Mähmaschin’" vielleicht doch noch eine halbe Pferdestärke oder ein paar Messerumdrehungen mehr zu entlocken. Einen Rasenmäher-Mann haben wir sogar dabei ertappt, wie er die Post aus dem fünfzig Meter entfernten Briefkasten mit seinem Minitraktor holte. Bloß nicht absteigen!

Ansonsten ist Amerikas nördlicher Osten eine einzige Bilderbuch-Idylle friedlichen Landlebens: Knusperhäuschen mit riesigen Gärten, in denen nach guter amerikanischer Sitte kein Zaun und keine Hecke den Blick auf Gartenzwerge und Plastikrehe versperrt, dahinter sanfte Kühe und sanfte, grüne Hügelketten.

Zu ebendiesen Kühen entwickelten wir im Laufe der Zeit ein ganz besonders herzliches Verhältnis. Was tut wohl eine normale Kuh auf der Weide, wenn ein Radfahrer auf der Strasse vorbeifährt? In Österreich, nichts. Nicht so in Amerika! Da können Hunderte Autos, Motorräder und Lkws vorbeirasen, und eine Herde amerikanischer Rindviecher wird wie bei uns dösend im Gras liegen und höchstens gelangweilt mit dem linken Ohr wackeln. Aber ein Radfahrer, eine bunte Kuh mit Rädern also, das sehen die "Cows" in Michigan und Wisconsin nicht allzu oft. Die Folge: Panik auf der Weide!

Ähnlich müsste sich Prinz Charles auf Überraschungsbesuch in einem Londoner Freibad fühlen: Die dickwanstige Masse erhebt sich und starrt dem seltsamen Besuch in geistloser Verblüffung mit offenem Maul nach. Für uns waren diese Ehrenbekundungen seitens der wiederkäuenden Damen etwas Besonderes, und es wurde zu einer lieben Gewohnheit, die höflichen US-Kühe im Vorbeiradeln freundlich zurückzugrüßen.

Wenn man von Wien weg über die Südautobahn und die Semmering-Schnellstrasse in Richtung Rax fährt, dann verändert sich die Landschaft fließend: erst ein paar Hügerln, dann ein paar Berge, dann schneebedeckte Gipfel. Ähnlich fließend verändert sich die Landschaft Nordamerikas, wenn man vom Atlantik immer weiter nach Westen in die Mitte des Kontinents vordringt.

Man überquert von Michigan nach Wisconsin eine Zeitzone, stellt die Uhr eine Stunde zurück und fühlt sich toll, weil man so etwas noch nie mit dem Fahrrad gemacht hat. Die landschaftlichen Veränderungen nimmt man allerdings im Radlerkriechtempo nur selten wahr.


Aber ein paar hundert Kilometer weiter (oder eine Woche später) kommt man an der Grenze zu Iowa an einen Fluss, an dessen Westufer eine andere Welt beginnt: der Mississippi. Hier endet der gepflegte Osten! Gleich hinter den Mosquito-Sümpfen beginnt der "Midwest". Keine Rasenmäher und Gartenzwerg-Märchenwelten mehr, sondern endlose Mais und Sojabohnenfelder, staubige, schnurgerade Straßen und ein rauherer, herzlicherer Menschenschlag, von dem die im Osten sagen, man solle sich vor ihm hüten, denn er sei grob und ordinär.

Die im mittleren Westen warnen dafür vor den Ostlern ("blutlose Konservativlinge") und den Westlern ("die sind alle entweder verrückt oder schwul"). Und die im Westen schimpfen über alle, die nicht in Ausflugsentfernung zum Pazifik wohnen ("Feiglinge, die damals beim großen Treck auf der Strecke geblieben sind"). Alles in allem gleicht es sich also wieder aus, und wir können unser Glück bis heute nicht fassen, dass wir in einem Kontinent, in dem offenbar durchwegs miese Typen und düstere Gestaltenhausen, nur äußerst liebenswürdigen Menschen begegnet sind...

Der mächtige Mississippi brachte allerdings auch eine bedeutende Einbuße unserer Lebensqualität: Bananenmangel! War es östlich des Flusses noch selbstverständlich, dass jeder Supermarkt, jeder Greißler mit großen gelben Bananen ausgestattet war (unser wichtigstes Jausenfutter), so mussten wir ab Iowa wie süchtige Affen regelrecht danach suchen. Aussage eines Greißlers: "Sorry, die letzten zwei hat eine ältere Dame vorgestern gekauft, nächste Woche krieg' ich wieder ein paar rein. Aber ihr könnt es ja einmal in der nächsten Stadt versuchen!"


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< Lesen Sie in Teil IV dieser Serie: Der weiße Riese

© Eine Reportage von T. Micke (01-10-96) – Kontakt
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