Die Nachlese

Teil 2 der 5-teiligen Serie "4000 Meilen gegen den Wind"

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Radtour USA: Höllenfahrt durch Wasserwände

Auf eigene Faust mit dem Fahrrad in zwei Monaten 6700 Kilometer durch die USA: Eine Abenteuerreise gegen Regen und Sturm mit einer kleinen "Rettungsinsel" aus der Obersteiermark.



Stefan Micke auf einsamer Straße in South Dakota
Picture by T. Micke

Wasser. Es rinnt über den Fahrradhelm ins Gesicht, tropft von der Nasenspitze auf die Lenkstange, läuft in kleinen Bächlein vom Kinn den Hals hinunter, bahnt sich in stundenlanger Kleinarbeit seinen Weg in den fest zugeknöpften Halsausschnitt der Regenjacke und wandert von dort irgendwie bis zu den Socken.

Ja, diese tollen Spezial-Socken, die wir vor zwei Wochen in dem Radgeschäft in Boston gekauft haben, wo unsere ganze Ausrüstung herstammt. Wasserdicht sind sie, hat der Verkäufer geschworen, für höchste Ansprüche. Auch im Winter bekäme man mit diesen Wunderdingern keine kalten Füße. Wir haben's ihm ab gekauft, weil uns das Wohl ergehen unserer Füße auf dieser Reise wichtig war.

Gelogen hat er nicht, der Verkäufer. Unsere Socken sind wasserdicht. So wasserdicht, dass sich nach mittlerweile drei Stunden Fahrt im strömenden Regen drinnen ein kleines Warmwasser-Aquarium gebildet hat, in dem unsere Füße schwimmen. Aber kein Tropfen Wasser geht durch diese Wunderdinger hindurch. Nein, es rinnt nur von oben am Bein entlang in den Socken hinein und bleibt drinnen, notfalls, bis er überläuft...

Der Osten Nordamerikas erlebt diesen Sommer die schlimmsten Regenfälle und Überschwemmungen seit 20 Jahren, und wir dürfen gleich zu Beginn unserer Reise live dabeisein! Baseball-Felder und Kinderspielplätze laden zum Schwimmen ein. Enten tauchen in Vorgärten nach Wasser pflanzen. Und jeder Fernlaster, der uns mit 120 km/h auf dem Highway entgegen kommt, wird zur Bedrohung. Als hätten wir mit unserer Kondition nicht schon genug Probleme.

Man kann die "Trucks" lange hören, bevor sie mit ihren riesenhaften Chrom schnauzen aus dem grauen Schleier zwischen Himmel und Straße auftauchen. Viele fahren ohne Licht, und das dünne Pfeifen, das die mächtigen Turbolader beim Beschleunigen aus den Kurven von sich geben, wird vom Wind weit getragen.


Eine gut fünfzehn Meter dicke Wasserwand wälzt sich jedesmal auf deiner Straßenseite auf dich zu, wenn einer dieser Riesen-Lkws vorbeidonnert. Nach dem dritten oder vierten krallst du dich nur noch stumm mit klammen Fingern in die Lenkstange, senkst (beinahe demütig) den Kopf vor dem Blechmonster, damit du die Fuhre Wasser und Dreck wenigstens nicht direkt ins Gesicht geknallt bekommst, und bemühst dich, von der Druckwelle nicht in den Graben geweht zu werden. Ein Höllenritt. Schlimmer kann es beim besten Willen nicht mehr werden, und des halb gelingt uns bei einer Müsliriegel-Pause in einer Feuerwehrgarage sogar ein nasses Lächeln. Wenn die daheim uns jetzt sehen könnten!

Als wir am Abend nach 130 Kilometern völlig durchgeweicht bei einem Supermarkt halten, spricht uns ein älterer Herr in gebrochenem Englisch an. Er ist selbst Hobby-Radfahrer, zeigt uns stolz sein französisches Rennrad und will wissen, wo wir hinfahren und wo wir herkommen. Österreich? Er macht große Augen und lässt vor Aufregung beinahe seinen Drahtesel umfallen. Seine Frau Flora, die ist aus Österreich, aus "Styria", aus der Steiermark. Und er ist gebürtiger Kroate.

Drago nimmt uns mit nach Hause. Wir müssten doch unbedingt seinen selbstgemachten Wein probieren und Floras selbst gebackenes Kletzenbrot, und überhaupt könnten wir doch bei ihnen übernachten und ein bis zwei Tage bleiben, damit wir bei dem Sauwetter keine Erkältung bekommen.

Das Stichwort "Kletzenbrot" löst zum ersten Mal Heimweh aus. Amerikanisches Brot ist nicht mit heimischem zu vergleichen. Wir nennen es scherzhaft "Ziehharmonika-Brot", weil man einen ganzen Laib problemlos auf wenige Zentimeter zusammendrücken kann.

Stefan Micke beim Reifenflicken in den USA
Picture by T. Micke

Drago schickt der Himmel. Denn aus lauter Abenteuersucht und um Gewicht zu sparen, haben wir kein Zelt mitgenommen. Amerika ist doch bekannt dafür, dass es dort im Sommer heiß und trocken ist. Wild romantisch im Schlafsack unter freiem Himmel wollten wir übernachten und hatten als Notdächer zwei dünne Plastikplanen eingepackt. Und jetzt: Zwei Betten und eine heiße Dusche. Wir können unser Glück kaum fassen!

Flora stammt aus einer Bergbauernfamilie in den Seetaler Alpen. Ihr Bruder Toni betreibt dort auf einer Alm eine Frühstückspension. Sie zeigt uns Fotos vom Hof, und wir fühlen uns nach den nervtötenden vergangenen Regenfahrten wie daheim.

Der Zufall ist unser Reiseleiter geworden. Nach dem vierten Tag auf dem Rad haben wir uns einen kleinen Kompass gekauft, der von nun an vorne auf meiner Lenkstange den Weg nach Westen weisen wird. Wir wissen am Morgen nicht, wo wir abends schlafen werden, wie viele Kilometer heute zu schaffen sind, was für Menschen uns begegnen, und mehr als einmal werfen wir an einer Kreuzung eine Viertel-Dollar-Münze, um zu entscheiden, welche Straße wir nehmen werden. Ein nie gekanntes Gefühl von Freiheit, aber gleichzeitig auch Haltlosigkeit. Das einzig Bindende ist das Datum des Rückflugtickets, das tief unten an einem der letzten trockenen Flecken in unseren Satteltaschen schlummert und noch volle zwei Monate auf das Ende dieses Abenteuers warten wird.


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< Lesen Sie in Teil III dieser Serie: Die Rasenmäher-Seuche

© Eine Reportage von T. Micke (30-09-96) – Kontakt
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