Die Nachlese

Teil 1 der 5-teiligen Serie "4000 Meilen gegen den Wind"

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USA im Radlerkopf und ein Kontinent auf dem Nachtkastl

Mit dem Rad durch die USA zu strampeln ist nicht nur Profis beim "Race across America" vorbehalten. Reise-Journalist Tobias Micke radelte "gemütlich" 6700 Kilometer gegen den Wind von Ost nach West und erlebte ein Amerika, das Touristen nur selten zu sehen bekommen.



Amercias most wanted: Die Helden von Bikers Barbecue
Picture by T. Micke

Nachts lag der Atlas aufgeschlagen auf meinem Nachtkastl: "Vereinigte Staaten von Amerika", 45 mal 85 Zentimeter in Farbe. Man konnte so wunderbar mit dem Zeigefinger über das glatte Papier fahren, von Ost nach West, von West nach Ost. In nicht einmal einer Sekunde vom Atlantik zum Pazifik und zurück.

Einfach mit dem Rad durch Amerika fahren. Warum nicht? Andere haben das auch schon gemacht. Spitzensportler Sepp Resnik zum Beispiel. Außerdem ist Amerika auch nur ein Land, so wie Österreich, nur ein bisschen größer. In meinem Nachtkastl-Atlas stand: mehr als hundertmal so groß. Und genau das war zum Glück unvorstellbar, sonst wäre diese Amerika Tour vermutlich nie zustande gekommen.

Oft saß ich vor dem Schlafengehen mit der Landkarte im Bett, zog mit dem Lineal einen imaginären Strich von Boston nach San Francisco und wunderte mich über die vielen Städtenamen entlang der Linie, von denen ich noch nie gehört hatte: Decorah, Rapid City, Sheridan, Boise bald würden sie keine anonymen Punkte auf Seite 178/179 im Atlas mehr sein, sondern Städte voller Leben, Amerikas "Provinz", eine völlig andere Welt, in die es Touristen nur selten verschlägt.

Mit dem Rad durch Amerika. Einfach so, zum Spaß. Das war so abwegig, so schön verrückt, dass ich mich schon daran gewöhnt hatte, es Freunden und Bekannten zu erzählen, bevor ich Angst davor bekam.

"Ganz allein?" fragten die Bekannten immer. Nein, nicht ganz allein, sagte ich. Und dann kam jedesmal die gut vorbereitete Pointe, über die immer alle lachten und die ich am Ende der Reise nicht mehr zum Lachen finden würde: "Ich fahre mit meinem Bruder Stefan, wisst ihr? Wenn ich mit einem guten Freund fahren würde, wir würden uns bestimmt zerkrachen und trennen, und die Freundschaft würde zur Feindschaft. Aber mein Bruder, was soll bei dem schon schiefgehen? Den kenn' ich zu gut, und nach der Reise ist er noch immer mein Bruder, egal, was passiert..."


Beide verdrängten wir die zu planenden Details des Abenteuers so lange, dass wir eine Woche vor Abreise noch nicht einmal eine vollständige Ausrüstungsliste zusammengestellt hattet ("Kann man eh alles drüben kaufen, oder?"). Das körperliche Training für die Monstertour bestand aus ein paar Wochenend-Radausflügen von Wien nach Königstetten ("Wir werden schon unterwegs in Form kommen!") Nur die Flugtickets, die hatten wir schon und starrten jeden Tag, der uns noch blieb, ungläubiger auf diese einzigen Beweisstücke unserer tatsächlichen Abreise.

Alles, was wir uns vorher über Amerika und unsere Fahrt vorgenommen hatten, kam anders. Eigentlich wollten wir uns wie richtige Touristen benehmen: die Niagara-Fälle sehen, Mount Rushmore mit den vier steinernen Präsidentenköpfen, den Yellowstone Park und am Ende der Tour stolz über die berühmte Golden-Gate-Brücke nach San Francisco "einreiten".

Aber als ich schließlich nach 67 anstrengenden Tagen auf dem Rad endlich wieder im Flugzeug zurück nach Europa saß, als ich beim Abheben der Maschine genüsslich die Augen schloss und vom Schub der Triebwerke in den Sessel gedrückt wurde, da tauchten statt dieser Sehenswürdigkeiten ganz andere Bilder auf. Wildfremde Menschen, die uns in ihre Stadt und ihre Familie aufgenommen hatten, uns ein kleines Stück in ihr amerikanisches Leben hineingelassen und so aus unserer Reise eine Reihe liebenswerter Kurzgeschichten gemacht hatten.

Die schönsten Flecken dieses riesigen Kontinents lagen nicht im Yellowstone Park oder an den Niagara-Fällen, sondern irgendwo in einem 200-Einwohner-Dorf in den endlosen Maisfeldern Iowas oder in einer alten Poststation in der sengenden Steinwüste Oregons.


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< Lesen Sie in Teil II dieser Serie: Höllenfahrt durch Wasserwände

© Eine Reportage von T. Micke (29-09-96) – Kontakt
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