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Edelgries: Achtung, wilde Abfahrt für wilde Hunde!

Wer hier mit Ski oder Snowboard abfahren will, muss erst durch ein Loch in der Dachstein-Wand. Dann warten auf Winterurlauber 35 Grad Gefälle...



Aufstieg zum Rosmarie-Stollen mit Skiern über eine Eisenleiter
Picture by T. Micke

Zwölf Meter. Das ist höher, als man glaubt, wenn man sie mit Skiern auf dem Buckel, Stöcken in der Hand und schweren, rutschigen Skischuhen über eine Aluminiumleiter in einem mittleren Föhnsturm überwinden muss. Aber es hilft nix. Zur legendären Edelgriess-Abfahrt östlich der Bergstation der Dachstein-Gletscherbahn in 2700 Meter Höhe führt kein bequemerer Weg auf die Südseite. Und das ist gut so.

"Diese Leiter ist unsere wichtigste Selektion", schreit Karl, Prokurist bei den Planai-Bergbahnen, gegen den Wind an. Und er fügt grinsend hinzu: "Damit halten wir die Volleier mit der Vollkasko-Mentalität von Selbstmord-Versuchen ab..."

Stimmt, denke ich nach acht Metern auf der Leiter. Da klettert wirklich keiner hinauf, der hier auch wieder zurück muss. Oben beginnt hinter einer schweren Stahltür, die bei Lawinengefahr versperrt ist, der Rosmarie-Stollen. Ein 28 Meter langer Tunnel, der vor gut zwanzig Jahren in den Dachstein-Kalk gemeißelt worden ist, nach ein paar Jahren vernachlässigt und erst 2003 wieder belebt wurde.

Durch den Rosmarie-Stollen am Dachstein zur Edelgires-Abfahrt nach Ramsau
Picture by T. Micke

Die Leiter ist geschafft, und als wir die Tunneltür hinter uns schließen, sind wir in einer anderen Welt. Totale Windstille. Der Sturm tobt auf der Nordflanke weiter, aber das Südende des Tunnels gibt einen malerischen Blick über die Tauern frei – wenn man zwischen den Warnschildern hindurchsieht.

Juristisch gesehen ist die Edelgrieß weder Piste noch Skiroute. Sie ist so genannter "freier Skiraum". Wer hier fährt, der tut dies auf eigene Gefahr und soll das auch wissen. "Wilde Abfahrt": Nicht gesichert, nicht markiert, nicht kontrolliert und schon gar nicht präpariert, steht da in Blockschrift. Das "Nicht präpariert" wirkt auf Freaks mehr anziehend als abschreckend. Knietiefer Pulver-Schnee, das wäre zwar der Traum, aber den Freeridern, die sich hier mit extrabreiten langen Skiern, Helm und Wirbelsäulenschutz die Edelgries oder die Alternativroute Schwadrinn ("42 Grad und Felsabrisse, wenn du da ausrutschst, dann bist wirklich weg!") hinunterwerfen, die sehen im gefürchteten "Platten-Pulver"-Bruchharsch auch eine Herausforderung. Da wird dann im extremen Gelände mehr gesprungen als gefahren.

Warnschild im Rosmarie-Stollen vor der Querung des Lawinenhangs
Picture by T. Micke

Gleich nach dem Tunnel beginnt ein schmaler Pfad, der über ein steiles Schneefeld führt. Wer her abbiegt, fällt nach kurzer Rutschpartie 80 Meter in die Tiefe. Drei Stunden arbeiten fünf Mitarbeiter der Bergbahnen daran, diesen Weg freizugraben, damit eine gefahrlose Überquerung zur eigentlichen Strecke möglich ist. Und bei viel Neuschnee werden erst die Lawinen weggesprengt.

Jetzt endlich heißts Skier anschnallen. Zwei bis drei Stunden dauert eine Abfahrt mit bis zu 35 Grad Gefälle über 12 Kilometer und 1700 Höhenmeter bis nach Ramsau, wobei ein ortskundiger Skiführer sehr zu empfehlen ist. Etwas schneller gehts, wenn man die Variante 2a nimmt und gleich für eine zweite Runde zur Talstation der Gondel abbiegt (wobei man hier an der richtigen Stelle sehr schraf nach rechts abbiegen muss, um nicht später beim Auftreffen auf den Forstweg einen langen Bergauf-Marsch vor sich zu haben). Bei der Abfahrt überquert man das Edelgries, den einzigen Gletscher der Steiermark und bekommt am Nachmittag mit etwas Glück sogar noch Firnschnee unter die Skier.

Blick hinunter ins Tal nach Ramsau vom Startpunkt der Edelgriesabfahrt
Picture by T. Micke

Verdutzt schauen die Spaziergänger, wenn man im unteren Drittel (bei der Abfahrt nach Ramsau) bei der Brandalm (nomen est omen) seinen Durst löschen will. Skifahrer hier?! Hüttenwirt Fritz ist dafür nicht verlegen: "Kommts, ruckts a bisserl zsamm, das ist die Dachlawinen-Kommission. Die muss hier kommissionieren..."

Mit der Wiedereröffnung der Edelgries-Abfahrt und der benachbarten (wirklich nur Cracks mit voller Lawinenausrüstung zu empfehlenden) Schwadrin-Route ist die Region Schladming/Ramsau um ein skifahrerisches Gustostückerl reicher, und auch die Infrastruktur passt: Die Gletscherbahn (ab 7.50 Uhr) und damit die Edelgries-Abfahrt sind mit den Skipässen der Ski Amadé benützbar. Es gibt aber auch Einzelfahrten (16 Euro) und mit gültigem Liftpass kann von Ramsau aus (Station Brückenwirt) der Bus zurück zur Talstation der Gondelbahn gratis benützt werden. Außerdem ist die Maut für die Dachsteinstraße (am Rückweg zu bezahlen) inkludiert. Mehr Infos unter 03687/812 41.


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© Eine Reportage von T. Micke (07-03-04) – Kontakt