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Planet Erde: Glutknödel mit Eierschale

Das verheerende Seebeben im Indischen Ozean hat gezeigt, wie instabil die Erde eigentlich ist: Unter der dünnen "Eierschale" auf der wir leben, tobt ein glutflüssiges Inferno. Und die Kontinente schwimmen darauf wie steinerne Flöße.



Die Erde, unser schöner blauer Heimatplanet
Picture by NASA

Die Alpen werden das Himalaja-Gebirge überragen, sodass der Großglockner höher ist als der Mount Everest, und das Mittelmeer wird zwischen Afrika und Europa "zerdrückt". – Kein an den Haaren herbeigezogenes Science-Fiction-Szenario, sondern nur eine Frage der Zeit, wie der Wiener Geophysiker Dr. Wolfgang Lenhardt erklärt: "Allerdings erst in ein paar Millionen Jahren..."


Die Erde ist eben keine stabile Steinkugel, wie wir uns unbewusst einbilden, sondern ein wabernder, schwingender, dampfender, innen großteils flüssiger Glutknödel, der von seiner eigenen Schwerkraft zusammengehalten wird und auf dem wir, wie auf einer dünnen Eierschale, ein durchaus risikantes Leben führen.

Wie steinerne Flöße schwimmen die (im Vergleich zum Rest der Erde) hauchdünnen Kontinentalplatten, auf denen wir unsere Häuser und Straßen bauen, auf der flüssigen Gleitschicht des Erdmantels (siehe Graphik unten). Wo sie aneinander reiben gibt es Erdbeben. Wo sie auseinander treiben, drängt heißes, vulkanisches Material von unten nach. Und wo die Schieberei zu viel wird, türmen sich Gebirge auf. Oder die Platten rutschen übereinander, wobei die untere stückchenweise in den Schmelzofen des Erdmantels abtaucht.

All das passiert in "geologischen Zeiträumen" – in Jahrmillionen. Würde man die herumtreibenden, zusammenkrachenden, vibrierenden, sich aufwölbenden Platten im extremen Zeitraffer betrachten, käme man wohl nicht auf die Idee, auf so einem Planeten wohnen zu wollen. Aber auch ohne Zeitraffer tut sich genug: Immerhin bebt rund 3000 Mal am Tag irgendwo klein aber fein die Erde. Und, wie Dr. Lenhardt trocken anmerkt: "Es ist durchaus möglich, dass sich in nächster Zeit wieder irgendwo ein Beben der Stärke 8 ereignet. Wir wissen es einfach nicht."

Etwas nicht zu wissen, besonders wenn es um Leben und Tod geht und sich noch dazu unter dem Sessel, auf dem man sitzt, abspielt, scheint unfassbar in unserem Informationszeitalter: Wir erobern Mond und Mars, horchen mit Grazer Mikrophon-Technik die Geräusche auf dem Neptunmond Titan ab. Aber wir haben bestenfalls eine glaubwürdige Ahnung, was sich unter der Kruste der Erde abspielt und woraus sie überhaupt besteht.

Der Aufbau der Erde, laut Geophysiker Dr. Marvin Herndon
Picture by Marvin Herndon

"Hauptsächlich aus Eisen, innen hart, außen flüssig", antworten die Geologen auf die Frage, woraus das Innerste der Erde ist. Das haben Mathematiker errechnet und lässt sich aus Erdbeben-Schwingungen ableiten. Wirklich "wissen" tun das die Experten aber auch nicht, denn der Mensch hat es noch nicht einmal geschafft, den Erdmantel für Proben anzubohren: Würde man die Erde zu einem Apfel schrumpfen und mit dem Obstmesser die tiefste Erdbohrung nachstellen, die je gelungen ist, dann dürfte man noch nicht einmal die Apfelschale durchritzen. Alles jenseits dieses in Wirklichkeit 12 Kilometer tiefen Löchleins leitet man von indirekten Messungen ab und von dem, was Vulkane zu Tage fördern.

Der US-Geophysiker Dr. Marvin Herndon
Picture by Marvin Herndon

Wie wenig wir über die Erde wissen, zeigt auch die Theorie des US-Geophysikers Marvin Herndon, der mit erstaunlich glaubhaften Argumenten behauptet: Ganz im Innersten der Erde befeuert ein Atomreaktor mit natürlichem Uran den Planeten. Dr. Herndon im Interview: "In den 70er Jahren haben französische Forscher in Afrika tief in einem Bergwerk ein solches natürliches Kernkraftwerk entdeckt, das vor Hunderten Millionen Jahren aktiv war. Etwas ähnliches wäre auch im Erdinnern denkbar und würde die extrem hohen Temperaturen dort erklären. Auch unser Magnetfeld und seine gelegentliche Umpolung im Laufe der Erdgeschichte muss nicht von einem rotierenden Eisenkern stammen, sondern ist auch durch starke Ionenstrahlung von einer atomaren Energiequelle möglich."

Propagieren wir also "Atomkraft, nein danke!" und sitzen womöglich sowieso alle auf einem gigantischen Kernreaktor? Oder sorgt doch nur ein großer Elektromotor für unser Magnetfeld? Jules Vernes phantastische "Reise zum Mittelpunkt der Erde" könnte kaum spannender sein, als die Frage, wie es wirklich dort unten ausschaut.


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© Eine Reportage von T. Micke (23-01-05) – Kontakt