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E-Nummern: Zerriebene Läuse im Fruchtjoghurt

Abenteuerlich, wenn nicht ungesund, sind viele Zutaten, die man heutzutage in Lebensmitteln findet. Für Konsumenten undurchsichtige E-Nummern tragen oft noch zum Verwirrspiel bei. Ein kleiner Lokalaugenschein im Supermarkt löst Staunen und Kopfschütteln aus.



Eine Jause aus frischen Lebensmitteln braucht keine Geschmacksverstärker und Konservierungsmitteln. Der Konsument entscheidet...
Picture by T. Micke

Eigentlich hätte die Sache Spaß gemacht, wenn der Hintergrund nicht so ernst wäre: Schnitzeljagd in einem Wiener Supermarkt. Auftrag: Auf der Zutatenliste diverser essbarer Produkte nach der ominösen Bezeichnung E120 zu suchen. E120 ist weder giftig noch ungesund. Höchstens ein bisschen ekelig. Hinter der Codezahl verbirgt sich nämlich ein "natürlicher" Farbstoff, der aus getrockneten und zerriebenen weiblichen Scharlachschildläusen gewonnen wird. Die Tierchen sind auf mexikanischen Kakteen zuhause und wurden schon von den Azteken als Farbstoff verwendet. Wenn man so will, ein altes "Hausrezept", dem man als an sich harmlose Zutat für Lebensmittel nur eines vorwerfen kann: Der Konsument wüsste vermutlich gerne vorher, dass er sich gerade einen Hauch von Schildlaus auf der Zunge zergehen lässt.

Dort, wo wir sie Gerüchten zufolge hätten finden sollen, waren keine Läuse drinnen. Nämlich in Ketchup oder in gefärbten alkoholischen Getränken wie Campari (der wird künstlich mit Azurobin E122 zum Schillern gebracht). Im Zuckerlregal wurden wir fündig: Schildlaus für rote Schokolinsen; die künstlich hergestellte, billigere Version desselben Farbstoffs (E124) in dem einen oder anderen roten Fruchtgummi. In der Fleischabteilung gab es dann schildlausroten Leberkäse und Salami. Und im Milchregal allen Ernstes eine österreichische Erdbeer-Buttermilch mit Schildlausfarbe E120.

Muss das sein? Die Frage beantwortete sich sofort beim Griff ins Nebenregal, wo ein Erdbeerjoghurt mit Rote Bete (E162) eingefärbt wurde. Auch ein wenig seltsam, löst aber bei zartbesaiteten Konsumenten bestimmt keine Würgereflexe aus.

Prof. Dr. Emmerich Berghofer, Lebensmittelforscher an der Wiener Uni für Bodenkultur: "Erdbeeren allein geben nie und nimmer so viel Farbstoff her, dass sie ein Joghurt-Produkt rot färben könnten. Viele Konsumenten greifen aber automatisch zum ,erdbeerfarbenen Produkt, wenn sie die Wahl haben. Deshalb verwenden Lebensmittelerzeuger solche zusätzlichen Farbstoffe. Dasselbe passiert beim Geschmack: Die Leute erwarten sich, dass ein Produkt auch nach vielen Tagen noch ,frisch und fruchtig schmeckt. Und diesen (überzogenen) Wunsch zu erfüllen funktioniert nur durch Beigabe von stabilen Aromastoffen, die schon der Kosten wegen oft eigens entwickelt werden."

Von der EU als Lebensmittelzusatzstoffe genehmigt, um Geschmack, Haltbarkeit, Konsistenz und Aussehen eines Produktes zu "verbessern", sind rund 300 Substanzen, denen jeweils eine E-Nummer zugewiesen ist. Viele davon sind ganz harmlos und sehr natürlich zu gewinnen, wie Paprikaextrakt (E162c), Apfelsäure (E296), Pektin (E440), Salz (E509), Bienenwachs (E901), Sauerstoff (E948). Andere stehen im Verdacht, allergische Reaktionen, Arterienverkalkung, Knochenschwund oder gar Krebs auszulösen, wenn man sie in sehr großen Mengen zu sich nimmt. "Im Verdacht", weil bei den meisten dieser Stoffe noch die Langzeittests fehlen – und das betrifft auch natürliche (aber zweckentfremdete) Substanzen wie Rosmarinextrakt als Antioxidationsmittel.

Geschmack aus dem Labor: Erdbeeraroma lässt sich auch aus vergorenem Sägespänen gewinnen
Picture by T. Micke

Prof. Berghofer: "Alle auf dem Markt befindlichen Lebensmittelzusatzstoffe gelten als unbedenklich. Das Problem ist aber: Es werden immer mehr, weil die Lebensmittelindustrie unter dem Preisdruck Kosten bei den teuren, natürlichen Zutaten sparen will. Und das erhöht klarerweise das Risiko von Nebeneffekten."

Der Vorarlberger Werner Lampert, Erfinder der bekannten Bio-Linie Ja! Natürlich": "Eine Studie im Salzburger Raum hat kürzlich ergeben, dass bereits fast 20 Prozent der Bevölkerung unter Allergien leidet. Daran sind auf jeden Fall auch andere Umweltgifte schuld, die uns heutzutage begleiten. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir das auch all den künstlichen Lebensmittelzusatzstoffen verdanken, deren Wirkung mit anderen Substanzen, die wir mit der Nahrung zu uns nehmen, überhaupt nicht überprüft wird."

Zurück in den Supermarkt: Dort "beeindruckt" uns gerade ein Leichtjoghurt (mit nur 45 Kilokalorien pro 100 Gramm), das dafür aber vier verschiedene E-Süßstoffe beinhaltet. Reicht da nicht einer?

Dass in normaler Extrawurst (und diversen anderen Wurstwaren) neben Stabilisatoren, Konservierungsmitteln und Antioxidationsmitteln auch Geschmacksverstärker sind, wundert nicht mehr sonderlich. Aber dass wir im Fleischregal eine simple Surstelze finden, in der Stabilisator E452, Antioxidationsmittel E301 und Konservierungsmittel E250 stecken? Sind nicht Suren, Salzen und Räuchern althergebracht und zum Konservieren gedacht? Nach der Mettwurst mit Rum-Aroma (offenbar künstlich, sonst hätte der Hersteller sicher natürlich hinzugefügt), will ich mich beim einheimischen Schinkenspeck erholen – und erleide meinen persönlichen Schock des Tages: Ein eingeschweißtes, schönes, geräuchertes Stück Schinkenspeck aus österreichischer Produktion, bei dem man annehmen sollte, dass es – einfach gesalzen und geräuchert – nur so vor Geschmack strotzen müsste, enthält den Geschmacksverstärker E621! Wie kommt der in ein solides Stück Fleisch? Und warum scheint sich der Schinkenspeck gleich daneben zum gleichen Preis aus Südtirol ohne die Mogel-Verbesserung zu verkaufen?

Dazu der staatlich geprüfte Lebensmittelchemiker Bernd Leitenberger: "Hinter der Bezeichnung E621 verbergen sich die Salze der Glutaminsäure. Diese verstärkt Fleischaromen und ergibt den typischen Geschmack von Fleischwurst. Was die in einem Räucherspeck sollen, kann ich mir nicht erklären. Aber bei manchen industriell gefertigten Produkten bekommt man wirklich den Eindruck, dass die verantwortlichen Lebensmitteltechnologen ihren Job nicht beherrschen: Mancher Zusatzstoff ist grundlos beigefügt, mancher dafür in doppelter und dreifacher Ausführung."

Bio-Lebensmittelexperte Werner Lampert: "Vermutlich wurde der Speck nicht lange genug geräuchert, damit er schneller produziert werden kann. Damit er trotzdem schmeckt, fügt man dann E621 dazu." Dass kein falscher Eindruck entsteht: Auch E621 gilt als unbedenklich. Aber muss das sein?

Prof. Berghofer: "Eigentlich brauchen wir alle diese Zusatzstoffe nicht. Wir sind nur zu faul geworden, um täglich selbst zu kochen, die eingekauften Zutaten frisch zu verarbeiten. Wir erwarten von unseren heutigen Lebensmitteln, dass sie mehrere Wochen halten, sich nicht in der Zwischenzeit in ihre Bestandteile auflösen, dann noch so schmecken wie am ersten Tag und möglichst billig sind." Das funktioniert nicht. Nicht ohne die E-Stoffe oder andere "unsichtbare" Hilfsmittel wie ein ins Tomaten-Erbgut eingeschleustes Anti-Fäulnis-Gen. Oder die eindrucksvolle, keimtötende Gammabestrahlung bei Erdbeeren.

Ein Tipp noch zur Schildlaus: Wenn Sie das nächste Mal vor dem Milchregal stehen, überlegen Sie einmal, ob es nicht auch ein Naturjoghurt tut, das Sie daheim mit "ehrlicher" Erdbeermarmelade verfeinern.


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© Eine Reportage von T. Micke (29-04-07) – Kontakt