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Suche nach der versickerten Donau

Jedes Kind lernt in der Schule: Die Donau verläuft vom Schwarzwald über die Wachau, Wien und Budapest bis zum Schwarzen Meer. Alles falsch? Hobbyforscher sind einem unterirdischen Flusslauf auf der Spur, der noch in Deutschland beinahe das gesamte Donauwasser in den Rhein "umleitet". Die Donau fließt also gar nicht bis nach Wien? Eine Recherche vor Ort.



Idyllischer Donau-Strom an seiner Quelle im Schwarzwald
Foto: T. Micke

Es brodelt gehörig aus Deutschlands größter Quelle. Bis zu 24.000 Liter Wasser schießen hier in feuchten Zeiten jede Sekunde an die Oberfläche. Wie aus einem mächtigen Heißwasserkessel blubbert und gurgelt es rund um die Uhr.

Am anderen Ende des mit einem Steinmäuerchen eingefassten Quelltopfs schlängelt sich das Flüsschen Aach wildromantisch zwischen Birken und Weiden an alten Mühlrädern und Gänseställen vorbei durch die schwäbischen Städtchen Beuren und Singen und strömt dann nach 20 Kilometern in Zeller- und Bodensee, die sich über den Rhein nach langer Reise in die Nordsee entleeren.

Scharen von Ausflüglern würde man hier, am Dreiländereck Deutschland-Österreich-Schweiz, vermuten. Zumal die Aachquelle seit Jahrtausenden ein dunkles Geheimnis birgt. Aber ein Wegweiser neben dem Uferbeisl "Jägermühle" und ein leerer Parkplatz sind an diesem Samstag die einzigen Spuren touristischer Aktivität in Aach.

200 Meter die Straße hinunter im Gasthaus "Zur Krone" ein ähnlicher Eindruck: 20 Euro kostet die Nacht mit Alibi-Frühstück und WC am Gang. "Krone"-Wirt Walter Villing weiß zwar von der Graberei nach einem unterirdischen Fluss oberhalb der Aachquelle, aber von überschäumendem Geschäftssinn ist nichts zu spüren: "Ja, schlecht wär's nicht, wenn s' was finden würden", meint er. Und fügt im Gehen noch schnell hinzu: "Wenn Sie was schreiben in der Zeitung, dann sagen Sie doch gleich, dass ich einen Nachfolger suche, der mein Gasthaus übernimmt...

In der "Jägermühle" wartet Harald Schetter mit selbst geschossenen Höhlenfotos. Von Beruf ist er eigentlich Makler, aber in seiner Freizeit grundelt er lieber mit Flossen und Pressluftflasche in Unterwasserhöhlen herum. Seit 1962 taucht Schetter, doch was damals in Jugoslawien als Ausgleichshobby zu seinem "Papierkrieg"-Job begann, wurde schnell zur Passion, als der heute 56-Jährige mit seiner Frau Myra in die Aachregion zog: "Mittlerweile kenn ich hier jedes Loch. Ob mit oder ohne Wasser drin!"

Alter Stich der Aach, der unterirdisch versickerten Donau
Foto: Tourismusverband Aach

Was hat es nun mit dem geheimnisvollen Verschwinden der Donau auf sich, von dem in Osterreich nur wenige wissen? "Schon unter Maria Theresia hat man eine Verbindung zwischen der Donauversickerung bei Immendingen und Fridingen (siehe Graphik) und der ungewöhnlich mächtigen Aach-Quelle 14 Kilometer südlich davon vermutet", erklärt Harald Schetter. "Die Donau führte in diesem Bereich auch damals so gut wie kein Wasser, und man konnte im Sommer und Herbst im Flussbett spazieren gehen."

Ein gewisser Professor Knop bewies laut Stadtchronik 1876 erstmals den unterirdischen Fluchtweg" der Donau: 200 Zentner Kochsalz ließ er unter den wachenden Augen der örtlichen Steuerbehörde in die Versickerungsspalten der Donau kippen. 20 Stunden später schmeckte das Quellwasser der Aach salzig!

Unter teils lebensgefährlichen Bedingungen versuchten Abenteurer seit 1886 immer wieder, gegen die starke Strömung durch den Aach-Schlund in den unterirdischen Flusslauf zu tauchen, um das Höhlensystem zur Donau hin zu erkunden. Einige dieser Versuche endeten tödlich.

In den 60er Jahren entdeckte man dann 120 Meter vom Quelltopf entfernt die "Große Seenhalle" (siehe Karte). Den tückischen Tauchgang dorthin hat Harald Schetter inzwischen unzählige Male gewagt und zusammen mit seinem Gefährten Axel Gnädinger jeden Winkel erforscht und fotografiert. Die beiden fanden dort unter anderem die Knochen eines 5000 Jahre alten Rindes und Spuren von Fledermaus-Kot, der beweist, dass die Höhle einmal offen war.

Querschnitt-Skizze mit dem Verlauf der Donau bis zur Aach-Quelle
Foto: Schetter

Schetter beschreibt den Unterwasserweg zur Seenhalle in einem Bericht: "Die Sicht betrug nur etwa einen Meter. Die Strömung war so stark, dass ich mehrere Versuche benötigte, um durch die ,Düse' (Anm.: Engstelle am Höhleneingang) zu gelangen. Mit dem Bauch am Grund zog ich mich an Felsbrocken vorwärts, schlug aus Leibeskräften mit den Flossen, griff ins lose Geröll und zog mich so Zentimeter um Zentimeter voran. Dicke Lehmwolken wurden aufgewirbelt. Jeder Meter bedeutete bei dieser ,Null-Sicht' ein Risiko. Es schauderte mich bei dem Gedanken, durch diese erdige Brühe nur durch Entlangtasten am Führungsdraht zurücktauchen zu müssen. Die Spannung ließ aber sofort nach, als ich die Luftblasen an der Wasseroberfläche auseinander brechen sah. Als ich auftauchte, bot sich mir ein grandioser Anblick. Meine Scheinwerfer beleuchteten einen gigantischen Hohlraum. Steil aufragende Wände, bizarre Felsformationen und ein großer See, der augenblicklich die vieltausendjährige Dunkelheit abstreifte und sich als unwirklich grün glitzernde Fläche präsentierte..."

Inzwischen stellte man fest, dass der Wasserlauf von Seiten der Aachquelle nach 600 Meter in Richtung Donau bei einem weiteren Hohlraum jäh endet (siehe Karte). Hier stürzte in einem Bereich von etwa 100 Meter irgendwann einmal die Decke über dem unterirdischen Fluss ein. Das Donauwasser sickert hier seither durch unzählige Spalten im porösen Fels. Schetter: "Allein an den Ausmaßen der riesigen Doline im Wald sieht man, welch gigantisches Höhlensystem das Wasser im Lauf der Jahre geschaffen haben muss."

Genau an jener Stelle, am flussaufwärts liegenden Ende dieser Erdsenkung, gräbt nun eine Hand voll Hobbygeologen unermüdlich nach dem eigentlichen Höhlenschatz der "verschwundenen Donau", die sich, so hoffen die Abenteurer, 12 Kilometer stromaufwärts bis zur Versickerungsstelle der Donau erstrecken soll.

Wie die Spitzbögen einer gotischen Kathedrale wölben sich Buchen und Birken dreißig Meter über dem Dolinenschacht von allen Seiten in den abendlichen Sternenhimmel. Durch den Türspalt eines Ziegelverschlags schimmert Scheinwerferlicht.

Hobby-Donau-Sucher bei der wohlverdienten Grabe-Pause
Foto: T. Micke

Schlammbeschmiert von den Gummistiefeln bis zum roten Vollbart erscheint Lothar Dietrich, von Beruf Buchhalter bei der Deutschen Telekom, am oberen Ende einer Sprossenleiter, die senkrecht durch ein Loch im Boden gut 30 Meter in die Tiefe führt: "Hallo, ich bin Lothar. Und du bist wohl der Besuch aus Wien", sagt er und hält mir lachend einen klatschnassen, gatschigen Handschuh zur Begrüßung entgegen.

Weitere lehmverkrustete Gestalten mit Schutzhelm und Stirnlampe tauchen nacheinander wie eine Familie von Erdmännchen aus dem Schacht auf: "Das sind Frank und Stefan, der eine Polizeibeamter, der andere Informatiker", stellt Lothar vor. "Das hier ist Oliver, der arbeitet tagsüber für eine Solarzellenfirma, und das Niko, der Vizepräsident unseres Vereins."

Jeden Freitagabend treffen sich hier die Mitglieder der "Freunde der Aachhöhle" auf ein paar idyllische Stunden harter Knochenarbeit unter Tag, darunter Steuerberater, Rechtsanwälte, Ärzte, ein Lokführer und sogar ein Geistlicher. Schon der Abstieg zur eigentlichen Grabungsstelle in 70 Meter Tiefe ist ein Abenteuer und nur mit Helm, Lampe und wasserdichtem Gummi-Overall zu empfehlen – wenn überhaupt. Denn so mancher Statik-Experte hat sich bereits kopfschüttelnd abgewandt: "Lebensgefährlich!"

Über Stahlsprossen, wackelige Leitern und einen ein Meter hohen, abschüssigen Gang klettert und robbt man neben einem Plastikrohr, das Kies und Sand zum Auszementieren des brüchigen Mergel-Gesteins in die Tiefe transportiert, nach unten. Wasser tropft überall von den Wänden und kleine Schwammerln wachsen auf den alten Holzbalken, die früher die Decke gestützt haben.

Wegweiser zur Donauversickerung im Schwarzwald
Foto: T. Micke

"Vor ein paar Jahren haben wir hier unten einen Hohlraum entdeckt", schreit Lothar während des Abstiegs zu mir nach hinten. "Wir nennen es die ,graue Halle', unser Zwischenlager auf dem Weg zur Donau." Informatiker Stefan schaufelt gerade Sand in eine Betonmischmaschine, die, oben in Einzelteile zersägt, hier unten wieder zusammengeschweißt wurde. Der fertige Zement wird dann über mehrere selbst gebastelte Handwinden weiter in die Tiefe geschafft. Retour wird loses Geröll nach oben befördert.

Sechs Stunden später ist die Nachtschicht beendet, die neue Decke, unter der nächste Woche weitergegraben werden soll, fertig. Ächzend und mit gebücktem Rücken kriecht einer nach dem anderen wieder an die Oberfläche. Durchatmen und aus dem schlammigen Ölzeug herausschälen. Beim gemeinsamen Bier in der Bauhütte oben am Forstweg päppelt die Männerrunde dann die Motivation fürs Weitermachen wieder auf: Vom "Floßfahren auf der unterirdischen Donau" träumen die Tunnelgräber und "unberührten Tropfsteinhöhlen mit glitzernden Kalzitkristallen an den Wänden.

"Es kann sich eigentlich nur noch um ein paar Meter handeln", sinniert Harald Schetter in der "Jägermühle" tags darauf über seinen Skizzen. Aber das hat er schon zu Beginn der Graberei, damals, vor mehr als zehn Jahren, gesagt.


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© Eine Reportage von T. Micke (22-04-01) – Kontakt