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DARPA Urban Challenge: Geisterfahrer an Bord!

Pkw ohne Fahrer kurven wie von Geisterhand durch die Stadt: In einer Siedlung in der kalifornischen Wüste zeigten Roboterautos auf Selbsterfahrungstrip, dass die Zukunft schon begonnen hat. Wir waren bei dem "Spuk" dabei. – Mit einem Video-Clip von den unbemannten Testfahrten auf Rennstrecke der DARPA Urban Challenge.



Junior, das Fahrzeug von Stanford und VW vor drei bemannten Begleitfahrzeugen
Picture by T. Micke

Wer hier zufällig vorbeikommt muss uns wohl alle auf den ersten Blick für völlig verrückt halten: Auf einem Versuchsgelände der Forschungsabteilung des US-Militärs in der Mojave-Wüste sitzen in einer Art Partyzelt Hunderte Zuschauer und starren gebannt auf eine Riesenleinwand auf der in Vogelperspektive eine Kreuzung mit Stopptafeln zu sehen ist. Zwei Autos erreichen die Kreuzung kurz nacheinander von verschiedenen Seiten, bleiben stehen und fahren ordnungsgemäß jedes seiner Wege: Tosender Applaus, Begeisterungspfiffe und in einer Ecke des Zelts sogar "Standing Ovations."

Draußen, zwei Kilometer entfernt zwischen den verlassenen Wohnsilos einer Siedlung, ein ähnlich seltsames Bild. Ein VW Passat biegt dort von einer Nebenstraße in eine Hauptfahrbahn ein. Er blinkt rechtzeitig während er sich der Kreuzung nähert, bleibt stehen, lässt noch ein querendes Auto vorbeifahren und biegt dann brav nach links ab: Ein gutes Dutzend Kameras klickt wie wild, um jeden Augenblick des Manövers einzufangen. Dahinter huschen Fernsehteams vorbei, um schnell noch eine zweite Einstellung vom mustergültig dahinrollenden deutschen Kombi zu bekommen und man hört Ausrufe wie "Cool!" und "Unglaublich!"

Nur diese Schalter in der Mittelkonsole unterscheiden optisch das Cockpit von Junior von einem normalen Passat
Picture by T. Micke

Wer die Begeisterung der Presseleute jetzt noch immer nicht versteht, der hat eine entscheidende Kleinigkeit übersehen: In dem Fahrzeug sitzt niemand; die Frontscheibe ist zugeklebt. Es fährt, bremst und lenkt von selbst wie einst der legendäre TV-Knight-Rider Kitt. Ein Autoroboter, der seine Umgebung mithilfe von Radar, Laserscannern und Videoaufnahmen analysiert, andere Verkehrsteilnehmer, Stopptafeln und Nachrangschilder erkennt und mithilfe einer GPS-Satellitenkarte, wie sie heutzutage viele Autofahrer benutzen, seinen Weg findet.

Gerade einmal elf Kilometer weit kam das beste von 15 Fahrzeugen, als die US-Militärbehörde "DARPA" erstmals vor drei Jahren eine Million Dollar ausschrieb für denjenigen, der am schnellsten ein selbstfahrendes Auto mitten in der Wüste 240 Kilometer weit auf einer Schotterpiste von einem Punkt A zu einem Punkt B fahren lässt. Die einzigen Hindernisse weit und breit: Kakteen, Gräben und der Hund der in der Technik selbst steckt. Das Rennen wurde in den Medien zur Lachnummer.

Ein weiteres, deutlich erfolgreicheres Wüstenrennen (2005) später kommen dieselben Kritiker heuer in "DARPA-Town" aus dem Staunen nicht mehr heraus: Die Besten dieser Urban Challenge kurven 100 Kilometer weit sechs Stunden lang durch eine künstliche Stadt mit Kreisverkehr und jeder Menge Kreuzungen, zwischen vier Dutzend bemannten "Statisten-Autos". Erstmals werden in diesem Finale außerdem mehrere Roboterautos aufeinander losgelassen. Zehn Pkw bestückt mit High-Tech-Sensoren und -Kameras, parallel arbeitenden wassergekühlten Quad-Core-Hochleistungsrechnern, die die Datenflut bei bis zu 50 km/h in Echtzeit in sichere Fahrmanöver umwandeln, jedes von ihnen 500.000 bis 1,2 Millionen Euro teuer, großteils entwickelt von amerikanischen Elite-Unis wie Stanford, M.I.T., Princeton, Cornell oder Caltech.

US-Militärhersteller Oshkosh trat bei der Urban Challenge mit diesem unbemannten Monster-Truck an
Picture by T. Micke

Auch die konservativsten Beobachter rechneten damit, dass es in diesem Bewerb ordentlich krachen würde. Zudem schickte Militärfahrzeug-Hersteller Oshkosh für den allgemeinen Nervenkitzel einen schweren Roboter-Truck mit ins Rennen, der nach ein paar Runden mittels Notstopp kaltgestellt werden musste, weil er im Begriff war, eines der Gebäude niederzuwalzen. Zu Beginn der Veranstaltung machte der Platzsprecher zwar noch Witze, dass man aus dem Publikum noch "Hasen" suche, die sich als Fußgänger zur Verfügung stellen sollten, aber dass man mit fast allem rechnete, sah man an der Ausstattung der "Statistenfahrer", die mit massivem Überrollbügeln und Vollvisierhelm ausrückten. Von elf im Finale gestarteten Fahrzeugen erreichten schließlich sechs, nach Bewältigung von "Sonderprüfungen" wie Einparken und Umdrehen vor einer Straßensperre, das Ziel.

"Gewinner sind wir alle", meint Sebastian Thrun, Leiter des deutsch-amerikanischen Stanford-Teams, das mit dem High-Tech-Passat "Junior" Zweiter wurde, im Interview. Er sieht das Ziel des Bewerbs weniger im militärischen Nutzen, den die US-Army daraus ziehen will. DARPA-Manager Norman Whitaker verkündete: "Wir wollen da draußen bei Szenarien wie im Irak und Afghanistan mit unbemannten Militärfahrzeugen ab 2015 viele Menschenleben retten. Es soll sicherer für unsere Jungs werden."

Das US-Militär beobachtete die DARPA Challenge interessiert und amüsiert
Picture by T. Micke

VW-Sprecher Hermann Becker: "Uns geht es vor allem um Weiterentwicklung von Fahrer-Assistenzsystemen wie Abstandsregler, Spurhalter und Tempomat. Ich glaube nicht, dass es sehr bald völlig autonome Autos geben wird. Die Technik wird dem Lenker aber immer mehr Aufgaben abnehmen."

Sebastian Thrun: "Natürlich geht es uns bei diesem Bewerb um die Erhöhung der Verkehrssicherheit. Wir wollen zeigen, was schon möglich ist. Demnächst werden wir mit unserem ,Junior die Strecke von San Francisco nach Los Angeles bewältigen. Ein Fahrer wird zwar zur Sicherheit hinterm Lenkrad sitzen, aber nur notfalls eingreifen. Für mich ist es technisch absolut denkbar, dass ein Pkw-Lenker in fünf bis sechs Jahren ,händisch aus der Stadt auf die Autobahn fährt, dann den Autopiloten wie beim Flugzeug einschaltet und nach vierstündiger Reise kurz vor der Abfahrt wieder das Steuer übernimmt. Wenn wir ,Junior' noch beibringen, vor Ampeln zu stoppen und speziell auf Fußgänger zu reagieren, dann könnte man ihn jetzt schon in einer österreichischen Kleinstadt zum Pizzaholen schicken. Das allergrößte Problem ist eigentlich ein Rechtliches. Wer ist schuld, wenn es kracht?"

Das Zuschauer-Zelt war während der DARPA Challenge 2007 gesteckt voll
Picture by T. Micke

Dr. Wilfried Kubinger von den "Austrian Research Centers", der mit seinem fünfköpfigen Team das Video-Sensorsystem für den Semifinalisten "Red Rascal" gebaut hat: "Die Autoindustrie zögert beim Thema selbstfahrende Pkw nur wegen der Unfallhaftung. Ein deutscher Hersteller hat ein System entwickelt, das das Auto bei einem drohenden Unfall von allein eine Notbremsung machen lässt. Man wird das System aber aus rechtlichen Gründen so auslegen, dass es erst eingreift, wenn der Unfall nicht mehr zu verhindern ist, der Aufprall aber durch einen Eingriff doch gemildert werden kann."

Bei aller Begeisterung für die Errungenschaften der Technik ließ sich das Bedenkenswerte dieser technischen Entwicklung am besten am eigenen Leib spüren, wenn man den Verlauf des Rennens nicht bequem auf der Videowand verfolgte, sondern direkt an der Strecke stand. Dort kam dann irgendwann der haushohe, unbemannte Oshkosh-Truck angebraust, um direkt vor den staunenden Zuschauern zu bremsen und eine Rechtskurve zu vollführen. Nicht jedem war klar, dass die Betonabgrenzung zwischen ihm und uns wenig nützen würde, wenn bei der Maschine plötzlich ein "unmenschlicher" kleiner Sensor defekt wäre...

Ein Stück dieser Bemühungen um automatisch fahrende Autos ist inzwischen aber shcon Realität geworden. Wir hatten das Vergnügen, den von VW entwickelten Park-Assistenten "PPA" in einem serienmäßigen Skoda Superb zu testen.


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© Eine Reportage von T. Micke (18-11-07) – Kontakt